Darum gehts
- Trump verkündete am 2. April Zölle: Börsen taumeln
- Verdacht: Zollformeln stammen aus ChatGPT-Antworten
- Weisses Haus nutzte schon in der Vergangenheit Consumer-Tech
Mit einem Pappschild stand er da. Am 2. April hat US-Präsident Donald Trump (78) im Rosengarten des Weissen Hauses seine Handelspolitik von morgen verkündet: pauschal zehn Prozent Zoll auf alle Importe. Für ausgewählte Länder sogar 20, 30 oder 50 Prozent. Die Schweiz trifft es mit 31 Prozent (später korrigiert auf 32). Die Begründung: «Gegenseitigkeit.» Die Folge: Börsenschock und Ratlosigkeit.
Doch woher stammen diese spektakulären Zahlen? Das Tech-Magazin «The Verge» äussert nun einen brisanten Verdacht: «Trumps Zolltarifberechnung sieht nach ChatGPT aus.» Denn fragt man gängige KI-Chatbots nach einer «einfachen» Methode, Zölle zu berechnen, um angesichts eines Handelsdefizits «gleiche Bedingungen» zu schaffen, liefern diese mit «verblüffender Übereinstimmung» exakt jene Lösung, die es auf Trumps Tafel schaffte. Das Magazin testete die Theorie mit ChatGPT, Claude, Gemini und Grok. Blick konnte die Ergebnisse von drei der vier Chatbots bestätigen. Grok wurde nicht getestet.
Laut ChatGPT ist die Lösung «naiv»
Die Formel selbst folgt einer simplen Milchbüchlein-Logik. Der US-Journalist James Surowiecki kam kurz nach Trumps Präsentation schon ohne KI auf die Lösung: Auf die Zahlen kommt man, indem man das Handelsdefizit der USA mit einem bestimmten Land durch dessen Gesamtexporte in die USA teilt. Blick rechnete das am Donnerstag vor. Halbiert man ebendiese Zahl, erhält man einen gebrauchsfertigen «gegenseitigen Zoll». Oder, wie es Surowiecki nennt, «unglaublichen Schwachsinn».
Das Weisse Haus antwortete mit einer Formel mit griechischen Buchstaben und wissenschaftlichen Referenzen. «Dies wohl um die Glaubwürdigkeit seiner Entscheidung zu unterstreichen», schreibt politico.eu. Doch unter dem Strich war die Formel die gleiche, wie die von Surowiecki – einfach mit hübscheren Kleidern.
Selbst die KI-Modelle äussern Bedenken an ihren Lösungen. ChatGPT bezeichnet die Berechnung als «naiv». Claude sagt, dass die Komplexität globaler Lieferketten komplett missachtet werde. Und laut Gemini sind Zölle sowieso «kein wirksames Instrument zum Ausgleich von Handelsdefiziten».
Zufall oder KI-gestützte Politik?
Wichtig ist es, zu betonen, dass KI-Chatbots per se keine Wissensmaschinen sind. Ihre Antworten sind keine festen Fakten, sondern basieren lediglich auf Mustern und Wahrscheinlichkeiten, die aus ihren Trainingsdaten abgeleitet werden. Und: Natürlich könnte die Ähnlichkeit zwischen dem KI-generierten Plan und Trumps Zahlen auch Zufall sein. «Wir wissen nicht, dass Trumps Team auf ein KI-Tool zurückgegriffen hat, um die globale Handelspolitik zu planen», resümiert denn auch der Autor bei «The Verge».
Es wäre jedoch auch nicht der erste Fall, in dem technologische Bequemlichkeit in der aktuellen US-Regierung über analytisches Denken siegt. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Trumps Leute über 20 Chatgruppen beim Messenger Signal nutzen, um über geopolitisch heikle Themen zu plaudern – statt die vorgeschriebenen, speziell gesicherten Regierungskanäle zu verwenden.
In einer dieser Signal-Gruppen, der auch Vizepräsident J. D. Vance und US-Verteidigungsminister Pete Hegseth angehörten, wurden Angriffspläne gegen Huthi-Rebellen diskutiert. Der Vorfall kam nur ans Licht, weil ein Journalist in die Gruppe eingeladen wurde – aus Versehen.