Darum gehts
Donald Trumps Worte waren wie immer drastisch: «Heute ist der Befreiungstag Amerikas.» Der Präsident sprach am Mittwoch von einem Amerika, das jahrzehntelang «geplündert, ausgeraubt, vergewaltigt» worden sei – von Freunden wie von Feinden. Damit sei jetzt Schluss. Und er versprach: «Der 2. April 2025 wird für immer als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem die amerikanische Industrie wiedergeboren wurde», verkündete Trump im Rosengarten des Weissen Hauses.
Dann hebt der Präsident ein Stück Pappe in die Höhe. Als wäre er Moses – mit der Tafel mit den zehn Geboten. Trumps Version sind die Gebote für die neue Weltwirtschaftsordnung: Es ist eine Liste von Ländern und angeblich von ihnen erhobenen Zöllen auf US-Produkte. Daneben: die Zollsätze, die die USA ab Donnerstag auf Einfuhren aus diesen Ländern erheben wollen. Die Botschaft ist klar: Trump erklärt der Welt den Wirtschaftskrieg. Und auch der Schweiz.
Zahlen, Zölle und ein Stück Pappe
Trump kündigte zunächst 25 Prozent Zölle auf ausländische Autos an – doch damit nicht genug. Neu sind auch sogenannte «reziproke Zölle» geplant: Wer amerikanische Waren mit Importabgaben belegt, soll künftig mit einem Gegenzoll rechnen – mindestens zehn Prozent.
Die dahinterliegende Logik? Jedes Land bekommt etwa die Hälfte dessen aufgebrummt, was es den USA laut Trump in Rechnung stellt. «Wir sind nette Menschen, deshalb verlangen wir weniger von ihnen», sagte er. Für die Schweiz bedeutet das: 31 Prozent auf Schweizer Exporte – weil, so behauptet Trump, die Schweiz 61 Prozent Zölle auf amerikanische Waren erhebe.
Das Schweizer Rätsel
Trump stellt diese Zahlen wie unumstössliche Wahrheiten in den Raum. Er erklärt sie nicht – er behauptet es einfach. Und genau hier beginnt das grosse Rätsel: Woher stammen diese Zahlen? Kein Methodendokument, keine Quelle, keine Erläuterung. Nur ein Poster mit Balken – das faktisch aussieht, aber im Kern nicht nachvollziehbar ist.
Die Zahl von «61 Prozent Schweizer Zöllen» etwa lässt sich ökonomisch nicht belegen. Fakt ist: Die Schweiz hat Zölle auf Industriegüter 2024 sogar abgeschafft. Richtig ist, dass die Schweiz mehr Waren in die USA exportiert als umgekehrt. Aber dafür exportieren die USA viel mehr Dienstleistungen in die Schweiz als wir in die Staaten.
Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (61) schrieb auf X, der Bundesrat nehme die US-Zollentscheidungen zur Kenntnis. «Er wird rasch das weitere Vorgehen festlegen. Im Vordergrund stehen die langfristigen wirtschaftlichen Interessen des Landes», so Keller-Sutter. Eine höflich formulierte Botschaft, die sich auch so lesen lässt: Niemand weiss derzeit genau, was passiert – aber es könnte unangenehm werden.
«Er verprellt engste Verbündete»
Doch nicht nur im Ausland sorgt Trumps Zollpolitik für Kritik. Auch im eigenen Land mehren sich warnende Stimmen. Demokratische Abgeordnete warnten am Mittwoch, dass die neuen Zölle vor allem die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger treffen würden. Denn Zölle werden nicht von fremden Regierungen bezahlt, sondern von US-Importeuren – also Unternehmen. Die Mehrkosten? Landen letztlich bei den Konsumenten. «Der Präsident riskiert eine Rezession – und verprellt dabei unnötigerweise unsere engsten Verbündeten», sagte Senator Dick Durbin aus Illinois.
Was folgt auf den Befreiungstag?
Die entscheidende Frage lautet nun: War das ein einmaliger Paukenschlag – oder nur der Auftakt? Die Märkte jedenfalls reagierten sofort: Der Nasdaq rutschte innerhalb weniger Stunden um mehr als drei Prozent ab. Doch politisch ist das wohl erst der Anfang. Droht ein Handelskrieg? Eine protektionistische Kettenreaktion?
Trump hat das Spiel neu eröffnet – und die Regeln gleich selbst geschrieben. Die Weltwirtschaft? Sie muss sich anpassen. Oder wird von der nächsten Zollwelle überrollt. Denn eines ist sicher: Der Mann mit dem Plakat hat noch viele Zahlen im Köcher. Und niemand weiss, woher sie kommen.