Darum verzichtet der Bundesrat auf Gegenmassnahmen
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Keller-Sutter erklärt:Darum verzichtet der Bundesrat auf Gegenmassnahmen

Durchwursteln und Ducken rettet die Schweiz nicht mehr
Jetzt muss Bundesrat Mut zeigen im Kampf gegen Trumps Zolllüge!

Ein US-Präsident, der mit Fantasiezöllen Politik macht – und eine Schweiz, die zwischen die Fronten gerät: Dieser Leitartikel analysiert, warum Donald Trumps Angriffe nicht nur absurd sind, sondern die aussenpolitische Strategie der Schweiz ins Wanken bringen.
Publiziert: 00:01 Uhr
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Aktualisiert: 10:03 Uhr
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Niemand weiss so genau, wie Trump auf seine Zollberechnungen kommt.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Trump behauptet, Schweiz erhebe 61 Prozent Zoll auf US-Waren, Schweiz reagiert diplomatisch
  • Trump krempelt die Weltwirtschaft um – mittendrin die kleine Schweiz
  • Strategischer, weniger naiv, mutiger – so kann die Schweiz bestehen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Rolf CavalliStv. Chief Content Officer

Jetzt kapituliert sogar die künstliche Intelligenz vor Donald Trump.
Spät am Mittwochabend zündet der US-Präsident die Zollbombe: Die Schweiz, behauptet er, verlange 61 Prozent auf US-Waren – also kontert er mit 31 Prozent Strafzoll (später sind es dann plötzlich sogar 32 Prozent).

Wir wollen die Zahlen sofort einordnen. Doch woher kommen die 61 Prozent? Die Industriezölle hat die Schweiz längst abgeschafft. Wir fragen ChatGPT. Die Antwort kommt prompt: «Die Behauptung basiert offenbar nicht auf realen Zolltarifen.» Direkter gesagt: Trumps Zahl ist frei erfunden.

Aber auch die KI weiss nicht alles. Also ein Anruf zu später Stunde bei einem Experten in der Bundesverwaltung. Seine konsternierte Antwort: «61 Prozent Zoll? Kein Anhaltspunkt. Wir sind sprachlos. Es ist Wahnsinn.»

Trumps Zollhammer trifft die Schweiz mitten ins Herz

Am Tag danach lichtet sich der Nebel etwas. Eine Erklärung: Trumps Leute haben die Zahl vom Handelsdefizit mit der Schweiz abgeleitet – als abenteuerliche Milchbüchleinrechnung, bewusst oder unbewusst missinterpretiert. Doch ein realer 61-Prozent-Zoll bleibt nirgends auffindbar.

Aus Bern heisst es am Donnerstag diplomatisch: «Die Berechnungen der US-Regierung sind für den Bundesrat nicht nachvollziehbar.» Man werde die Auswirkungen auf die Schweiz «vertieft analysieren». Entsprechend gibt es vorerst auch keine Gegenmassnahmen.

Übertreiben. Lügen. Einschüchtern. Die Welt kennt das Spiel. Doch nun legt Trump nach: Er zeigt eine Tafel mit Ländern und akribisch notierten Prozentzahlen. Sieht nach Fakten aus, ist aber vor allem Inszenierung. Zwar reicht das Weisse Haus später ein «Fact Sheet» nach. Doch auch darin: viel Drama, wenig Substanz.

Trumps Politstil passt so gar nicht zur Schweizer Mentalität: korrekt, konsensorientiert, nüchtern. Genau das macht es für die Schweiz so schwer. Denn sein Zollhammer trifft die bewährte Schweizer Strategie ins Herz: mit allen gut stehen, aber nirgends ganz dazugehören.

Wer um Liebe bettelt, bekommt sie selten

Diese Strategie gerät nun unter Druck. Die EU zerrt auf der einen Seite, die USA auf der anderen.

Natürlich hätten wir weiterhin gerne den Fünfer und das Weggli: ein EU-Abkommen ohne grosse Zugeständnisse – und gute Beziehungen zu den USA, die unsere Exportwirtschaft stützen. Doch geht das noch auf?

Die Schweiz ist aussenpolitisch gefordert wie lange nicht mehr. Bisher versuchte sie es mit einer Art diplomatischer Anbiederung – dem zornigen alten Mann im Weissen Haus möglichst nicht auf die Füsse treten. Man betonte, man gehöre nicht zur EU. Und hoffte auf Schonung.

Aber es ist wie im Privatleben: Wer um Zuneigung bettelt, bekommt sie selten. Bei einem wie Trump schon gar nicht.

Mehr Mut bitte! Durchwursteln reicht nicht mehr

Der andere Weg – sich kompromisslos an die EU zu binden und gemeinsam gegen die USA Front zu machen – ist riskant. Denn die Europäische Union wirkt derzeit weder geeint noch entschlossen.

Der Bundesrat hat keinen leichten Job. Doch klar ist: Mit Durchwursteln und Ducken wird es nicht mehr gehen. Die Schweiz muss sich neu ausrichten – strategischer, weniger naiv. Und mutiger.

Denn Trump will die Regeln des Welthandels neu schreiben. Wer sich da nicht klar positioniert, wird zerrieben. Ein Kleinstaat wie die Schweiz besonders.

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