Darum gehts
- Trump plant neue Zölle, Unsicherheit an Märkten und für Handelspartner
- Schweiz profitiert von offenen Märkten, könnte zwischen Fronten geraten
- Mehr Zölle gleich mehr Jobs – diese Rechnung muss nicht aufgehen
- Globalisierung nicht am Ende, Welthandel bleibt stark vernetzt
Zoll-Zampano Donald Trump (78) will am Mittwoch neue Zölle aus dem Hut zaubern – und ein weiteres Kapitel im seit Januar anhaltenden Handelskrieg gegen den Rest der Welt aufschlagen. Der sogenannte «Liberation Day» sorgt seit Wochen für grosse Nervosität. Rund um den Globus waren die Märkte seit Tagen am Fallen, erst am Dienstag keimte etwas Hoffnung auf, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm kommt wie befürchtet. Die Politökonomin Stefanie Walter (47) von der Universität Zürich ist eine ausgewiesene Kennerin der Globalisierung, versucht einzuordnen, was die amerikanische Wirtschaftspolitik für die Welt und die Schweiz bedeutet.
Blick: Womit müssen wir am «Liberation Day» rechnen?
Stefanie Walter: Das weiss niemand so genau. Die Unsicherheit ist die einzige Konstante. Selbst Leute im Weissen Haus, die der Regierung nahestehen, machen sich laut Medienberichten Sorgen. Und versuchen, das Schlimmste noch abzuwenden. Dieser Blindflug spiegelt sich auch an den Börsen wider. Die Märkte versuchen eine Art Vorhersage zu machen und wetten auf ein Szenario in der Mitte der Erwartungen. Das kann dann zu positiven oder negativen Überraschungen mit den entsprechenden Marktreaktionen führen.
Was wäre denn ein glimpfliches Szenario?
Trump hat immer wieder betont, dass er auf reziproke Zölle setzen will. Das heisst, Länder wie die Schweiz, die ganz auf Industriezölle verzichten, müssen vielleicht nicht mit dem Schlimmsten rechnen, selbst wenn ihr Handelsüberschuss mit den USA hoch ist.
Was kann die Schweiz in dieser Situation tun?
Die Schweiz profitiert als kleine offene Volkswirtschaft enorm von offenen Märkten und einer regelbasierten Weltwirtschaft ...
... der Trend geht aber in die andere Richtung?
Das ist für kleinere Staaten kein gutes Szenario und für die Schweiz ein echtes Problem. Kommt dazu, dass wir zwar mitten in Europa liegen, aber nicht Teil der EU sind. Unser Plan B war, dies durch eine stärkere wirtschaftliche Anbindung an die USA oder China auszugleichen. Der Bundesrat versucht zwar, gegenüber den USA zu betonen, dass wir nicht in der EU sind und unsere Wirtschaft weniger reguliert ist. Aber wenn wir uns zu stark von unseren Nachbarn abgrenzen, droht die Schweiz zwischen die Fronten von Europa und den USA zu geraten.
Bleibt nur China als Alternative?
China ist aktuell berechenbarer und planbarer als die erratische Wirtschaftspolitik von Trump. Das macht China im Vergleich plötzlich attraktiver. Andererseits sind die sicherheitspolitischen und anderen Bedenken gegenüber China natürlich nicht über Nacht verschwunden.
Wieso ist Trump so auf den Güterhandel fixiert? Der Einbezug von Dienstleistungen wie Netflix-Abos oder Software-Lizenzen würde die Leistungsbilanz deutlich aufbessern.
In der Tat, wenn man Güter und Dienstleistungen anschaut, ist der Handel zwischen USA und Schweiz recht ausgeglichen – wie übrigens auch der zwischen der EU und den USA. Trump als Immobilienentwickler kommt selbst aus einer Dienstleistungsbranche. Er scheint eine sehr romantische Vorstellung der Industrie zu haben. In seinen Augen widerspiegelt sich die Stärke eines Landes anscheinend einzig in der Industrieproduktion.
Stefanie Walter (47) ist seit 2013 ordentliche Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Zürich. Davor war sie an der ETH Zürich oder in Harvard tätig. Im Fokus ihrer Forschungsarbeit stehen unter anderem Finanz- und Währungskrisen, die Globalisierung oder die internationale Kooperation. Die Schweizerisch-Deutsche Doppelbürgerin ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Stefanie Walter (47) ist seit 2013 ordentliche Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Zürich. Davor war sie an der ETH Zürich oder in Harvard tätig. Im Fokus ihrer Forschungsarbeit stehen unter anderem Finanz- und Währungskrisen, die Globalisierung oder die internationale Kooperation. Die Schweizerisch-Deutsche Doppelbürgerin ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Wieso hat Trump so einen Zollfetisch?
Schon in Interviews in den 1980er-Jahren hat er sich positiv zu Zöllen geäussert. Trump hat ein statisches Weltbild. Er scheint davon auszugehen, dass nur er handelt und die anderen sich dann seinen Wünschen anpassen. Gegenmassnahmen anderer Länder und Ausweichentwicklungen kommen in seiner Vorstellung eher nicht vor. Diese Sicht auf die Welt scheint tief in ihm verankert, ist aber auch etwas naiv.
Kann die Rechnung von Trump trotzdem aufgehen?
Das wird schwierig, auch wegen der gegenläufigen Ziele, die er verfolgt. Durch die Autozölle werden zum Beispiel Autos in den USA teurer. Das dürfte die Inflation anheizen und die Nachfrage senken. Die erhofften Zolleinnahmen werden zudem langfristig zurückgehen, wenn tatsächlich viele Unternehmen die Produktion in die USA verlagern. Gleichzeitig braucht der Aufbau von Produktionskapazitäten Zeit, Planung und die notwendigen Fachkräfte. Da diese rar und teuer sind, dürften neue Fabriken auch hoch automatisiert sein, schaffen also vielleicht gar nicht so viele neue Jobs. Spürbare Erfolge für seine Wähler werden sich daher nicht so schnell einstellen.
Dazu kommen noch die Gegenmassnahmen der Handelspartner?
Genau, wobei noch unklar ist, wie genau diese aussehen werden. Es könnten flächendeckende Zölle erhoben werden oder gezielte Massnahmen sein, von denen Trump-Unterstützer besonders betroffen wären. Manche Staaten werden auf Gegenmassnahmen verzichten, im Wissen, dass Zölle immer beiden Seiten schaden.
Ist die Globalisierung am Ende?
Nein. Was wir im Moment beobachten ist eher eine Plafonierung der Globalisierung, aber keinen grossen Rückgang. Die Weltwirtschaft ist sehr stark vernetzt und die Lieferketten global, das ändert sich nicht so schnell. Zudem werden sich die Produzenten ausserhalb der USA neue Märkte suchen, um ihre Produkte abzusetzen. Viele Staaten führen Gespräche über Freihandelsabkommen ohne die USA.
Ist Europa wirklich so schwach, wie viele behaupten?
Europa ist immer noch eine der grössten Volkswirtschaften der Welt mit erheblichem Potenzial. Allerdings ist sein Handeln nicht immer gut koordiniert. Neben der handelspolitischen Konfrontation mit den USA stellen die fundamental verschlechterte sicherheitspolitische Lage und die Differenzen mit den USA in Bezug auf liberale Werte eine grosse Herausforderung dar. Gleichzeitig kann der enorme Druck von aussen die Gemeinschaft im Innern auch zusammenschweissen. Zudem könnte die geplante Aufrüstung als grosses Konjunkturprogramm wirken und den Strukturwandel in der Automobilindustrie abfedern. Wenn Forschende aus den USA auf der Suche nach Forschungsfreiheit nach Europa abwandern, könnte das hierzulande auch die Innovationskraft stärken. Die aktuelle Situation ist für Europa also Chance und Herausforderung zugleich.