Forensischer Psychiater Thomas Knecht erklärt
Warum Menschen Kinder töten – drei mögliche Motive

Auch für das Berner Obergericht war am Montag klar: Lisa (†8) wurde von ihrer eigenen Mutter ermordet. Eine solche Tat ist abscheulich und unvorstellbar. Was treibt Menschen dazu, Kinder zu töten? Drei Erklärungsansätze.
Publiziert: 24.03.2025 um 19:16 Uhr
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Aktualisiert: 24.03.2025 um 19:54 Uhr
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Eine Tötung eines Kindes ist in der Gesellschaft mit einem besonderen Tabu belegt.
Foto: Ralph Donghi

Darum gehts

  • Mutter erhält 18 Jahre für Mord an achtjähriger Tochter
  • Überforderung mit Mutterrolle als häufiges Motiv für Kindstötungen
  • Motive so unterschiedlich, wie die Fälle
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Daniel MacherRedaktor News

Die Tötung von Kindern – ein Verbrechen, das Menschen ratlos und schockiert zurücklässt. Am Obergericht Bern wurde der Fall der ermordeten Lisa M.* (†8) neu verhandelt. Die mutmassliche Täterin: ihre eigene Mutter. Erika M.* (33) erhielt in zweiter Instanz Haftstrafe über 18 Jahre wegen Mordes. Blick berichtete live vom gesamten Prozess. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Gericht zweifelte nicht daran, dass M. ihre Tochter am 13. Juni 2024 in den Könizbergwald nahe ihrer Wohnung in Niederwangen BE gelockt und dort mit einem Stein erschlagen hatte. Das Motiv: Überforderung mit dem Muttersein.

Wie kann ein scheinbar banaler Grund eine Mutter dazu bringen, ihre Tochter brutal zu töten? «Es gibt markante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tätern», erklärt der forensische Psychiater Thomas Knecht gegenüber Blick. «Mütter empfinden oft stärkere Überforderung, da ihr Einsatz für die Kinder gewöhnlich grösser ist.»

Im Fall der ermordeten Lisa M. schloss der psychiatrische Gutachter eine psychische Störung aus. Vielmehr sei das Motiv von M. «krass egoistisch», wie der Richter im Prozess sagte. 

Psychosoziale oder wirtschaftliche Belastungssituationen

Die Fälle und Motive variieren. 2015 erstickte eine Mutter (†27) in Flaach ZH ihre zwei Kinder und versuchte, sich selbst zu töten. Sie überlebte schwer verletzt, nahm sich später in Haft das Leben. Ihr Motiv: das unerträgliche Leid ihrer Kinder durch ständige Trennungen. Beide waren in der Obhut der Kesb.

«In unseren Breiten geschehen Kindstötungen vor allem in psychosozialen oder wirtschaftlichen Belastungssituationen», so Knecht. Hinzu kommt oft die Absicht der Selbsttötung. «Täter sehen sich in einer ausweglosen Lage ohne Zukunft. Viele begehen dann Selbstmord. Suizidale Mütter nehmen ihre Kinder oft mit in den Tod und lassen den Mann zurück, da sie sich mit ihren Kindern als besonders verbundene Einheit sehen.»

Daniel Ammann
Dr.med. Thomas Knecht

Thomas Knecht (66) ist Forensischer Psychiater. Bis 2023 war er Leitender Arzt im Psychiatrischen Zentrum Herisau AR.

Daniel Ammann

Thomas Knecht (66) ist Forensischer Psychiater. Bis 2023 war er Leitender Arzt im Psychiatrischen Zentrum Herisau AR.

Depressionen oder andere psychische Störungen

Ein weiteres Motiv laut Knecht: Das Kind passt nicht in den Lebensentwurf. Auch eine schwere Behinderung des Kindes kann eine solche Tat begünstigen. So auch im Fall von Sophie* (†3), die im Mai 2020 getötet wurde. Sophie war schwerbehindert, die Eltern mit der Situation überfordert. Die Tötung geschah vorsätzlich, hiess es damals.

Schwere Depressionen oder andere psychische Störungen könnten ebenfalls zu Kindstötungen führen, so Knecht. 2021 erstach Paula M.* (41) ihre beiden Töchter. In einer Wohnung in Gerlafingen SO fand die Polizei zwei kleine Kinder in ihrem Blut. Der psychiatrische Gutachter stellte bei der Frau eine kombinierte Persönlichkeitsstörung fest.

Das sogenannte Familiendrama

Vergangenen Samstag fand die Luzerner Polizei in einem Mehrfamilienhaus Laura K.* (†40) und ihre Tochter (†8) tot auf. Verdächtigt wird ein 35-jähriger Rumäne, er sitzt in Untersuchungshaft. Noch gilt die Unschuldsvermutung. Doch es wäre nicht der erste Fall dieser Art. «Wenn ein Mann seine Frau und seinen Nachwuchs umbringt, ist dies klassischerweise eine Konstellation, die man beschönigend als Familiendrama bezeichnet», erklärt Knecht.

Gewöhnlich liege für den Täter eine subjektiv ausweglose Situation vor, in der er überzeugt sei, keinerlei Zukunft mehr zu haben. «In vielen Fällen begeht der Täter dann selbst noch Selbstmord.» Man spreche dann oft von «erweitertem Suizid.» Laut Knecht wird das der Sache aber nicht in allen Teilen gerecht.

Kindstötung sei ein besonderes Tabu, so der forensische Psychiater weiter. «In jedem Fall braucht es enormen Handlungsdruck oder ein gemütskaltes Naturell, um die innere Tötungshemmung zu überwinden.»

*Name geändert

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