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Tierphilosoph Markus Wild:«Wir könnten auch Schweine haben statt Hunde»

Haustiere, Nutztiere und Corona
«Wir könnten auch Schweine haben statt Hunde»

Markus Wild (49) setzt sich für Tiere ein. Und dafür, dass wir unser Verhältnis zu ihnen überdenken. Im Interview erklärt der Philosophieprofessor, warum Haustiere ethisch ein Problem sind und was unsere Nähe zu Tieren mit Corona zu tun hat.
Publiziert: 17.10.2020 um 14:11 Uhr
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Aktualisiert: 19.10.2020 um 16:02 Uhr
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Der Philosophieprofessor Markus Wild (49) mit seinem Hund Titus in Basel.
Foto: Thomas Meier
Alexandra Fitz

Wir treffen Markus Wild im Philosophischen Seminar der Universität Basel. Es ist keiner da an diesem Mittwochmorgen. Ausser Titus, einem 8½ Jahre alten Australian Shepherd und seinem Herrchen. Der Professor nimmt ihn mit zur Arbeit. Während des Interviews macht es sich Titus beim Fotografen bequem. Der Hund hat einen eigenen Facebook-Account.

Herr Wild, warum haben Sie einen Hund?
Meine Frau hatte die Idee.

Aber Sie wollten den Hund schon auch, oder?
Klar, ich fand es auch eine tolle Idee. Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Mit einem Hund sehe ich die Dinge neu. Die Landschaft, die Stadt. Es ist ein bisschen, wie wenn man mit einem Kind unterwegs ist, man achtet auf andere Sachen.

Ist es ethisch überhaupt vertretbar, ein Haustier zu haben?
Grundsätzlich muss man Haustieren gegenüber sehr skeptisch sein. Vor allem ihrer Haltung gegenüber. Hunde werden oft überfüttert, oder bestimmte Rassen kommen aus Qualzuchten. Kleine Haustiere, wie Meerschweinchen, werden oft nicht gut gehalten. Das heisst aber nicht, dass es prinzipiell falsch ist, ein Haustier zu haben. Einen Hund kann man auch mit viel Auslauf halten, man kann einen aus dem Heim holen und nicht einen, der so gezüchtet ist, dass er leidet oder krank wird.

Was ist denn Titus für ein Hund?
Ein Australian Shepherd, also ein Hütehund. Er stammt von einer Züchterin, nicht aus dem Heim. Das hängt damit zusammen, dass es für meine Frau der erste Hund ist und dass ich ihn zur Arbeit mitnehme. Heimhunde sind anspruchsvoll, man muss mehr Erfahrung haben.

Verstehen Sie, warum sich Leute während Corona Haustiere angeschafft haben?
Verstehen kann ich es gut. Während des Lockdowns waren viele isoliert, hatten wenig Kontakt. Ein Haustier ersetzt das ein bisschen. Das Problem: Wenn man ein Haustier aus diesen Gründen hat, kompensiert man etwas, das man normalerweise anders auslebt. Es geht nicht ums Tier selber, und man macht sich zu wenig Gedanken, was in fünf Jahren ist. So gab es auch Fälle, dass Tiere nach dem Lockdown wieder zurück ins Heim gebracht oder ausgesetzt wurden. Es ist ethisch nicht akzeptabel, sie bloss als Mittel zum Zweck zu brauchen.

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Spinnen (bis zu 30 Jahren) brauchen lebendiges Futter: am besten noch zappelnde Schaben, Heuschrecken oder Mäuse. Achten Sie darauf, dass Sie Spinnen aus der Zucht kaufen und nicht solche, die in der Wildnis gefangen wurden. Sie haben einen langen Leidensweg hinter sich. Wenn sich Vogelspinnen häuten, darf man sie nicht füttern: Die Futtertiere könnten sie sonst angreifen. Für Anfänger eignet sich die Mexikanische Rotknie-Vogelspinne. Sie verzeiht kleine Haltungsfehler.
Foto: Shutterstock

Wieso sind Hunde und Katzen als Haustiere okay, Vögel und Fische nicht?
Wichtig ist, dass das Tier artgerecht gehalten wird. Wenn Vögel in einem Käfig sind, fehlt ihnen etwas ganz Wichtiges: die Möglichkeit der freien Bewegung. Bei Fischen sind die Aquarien oft zu klein oder sogar von allen Seiten zugänglich. Also hat er zu wenig Platz und keine Schutzzonen, um sich zurückzuziehen. Am schlimmsten sind Aquarien in Restaurants, die von allen Seiten zugänglich sind. Da sind die Fische im Dauerstress.

Also geht es Hunden und Katzen besser bei uns?
Wenn man einen Hund oder eine Katze hat, kann man ihnen genug Auslauf geben. Es gibt aber ein anderes Problem: Sie essen Fleisch. Unsere treusten Freunde sind Raubtiere. Die Katze tötet Vögel, das kann auch ein Problem sein für die Artenvielfalt. Man kann der Katze ein Glöckchen umbinden, um den Vögeln einen Vorsprung zu geben. Man muss Verantwortung übernehmen und kann nicht einfach sagen: So ist die Natur. Dass es so viele Katzen hat, ist nicht Natur. Beim Hund muss man darauf achten, dass er möglichst viel Kontakt mit Artgenossen und viel Bewegung hat.

Menschen stecken sehr viel Geld in ihre Tiere. Mir erzählte kürzlich jemand, dass er mit seinem Zwerghamster zum Arzt musste und es darum ging, die Pfote des Nagers zu amputieren. Die Pfote eines Hamsters!
Wie viel Ressourcen stecken wir in ein Auto? Vergleichen Sie, was wir investieren, um die Umwelt zu verschmutzen. Da fragt niemand nach. Bei Tieren scheint es ein grosses Problem zu sein. Aber es ist doch verständlicher: Haustiere können einem sehr ans Herz wachsen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen: Wenn man einem Hund in die Augen blickt, werden ähnliche Hormone ausgeschüttet, wie wenn man ein kleines Kind anschaut. Der Hund hat unser Hormonsystem gekapert, um sich in unsere Herzen zu schleichen. Und wir sind in seinem Herzen. Deshalb ist es auch richtig, sich zu überlegen, was will ich investieren, damit es dem Tier gut geht. Es ist falsch, sie als Konsumgut zu sehen, das ersetzt werden kann, wenn es krank ist.

Die einen sind unsere Freunde und gelten alles. Andere schlachten und essen wir. Wie legen wir uns das zurecht?
Das ist eine einfache Frage und gleichzeitig eine der kompliziertesten. Zuerst muss man sagen: Hunde und Schweine sind sehr gut vergleichbar: vergleichbar sozial, emotional, intelligent und kommunikativ. Wir könnten auch Schweine haben statt Hunde. Aber wir haben eine Tradition, dass wir Tiere nicht als Wesen anschauen, die ein eigenes Leben führen, sondern wir fragen immer: Was bringen sie uns? Ich habe den Präsidenten des Schweizer Schweineverbands gefragt: «Was ist eine Sau für Sie?» – «Eine Sau ist für mich ein Mittel, um etwas herzustellen und daran zu verdienen.» Für mich ist eine Sau in erster Linie ein Lebewesen, das lieber ein gutes Leben hätte, als Schinken zu werden.

Der Grossteil findet ein Kalb süss und isst es trotzdem.
Wir können diese beiden Dinge sehr gut trennen. Sehen wir Kälber, sagen wir: «Jöööööö, die herzigen Kälber.» Daran, dass sie in 14 Tagen Schnitzel sind, denkt niemand. Wenn wir ans Tier denken, denken wir nicht ans Fleisch, und wenn wir ans Fleisch denken, denken wir nicht ans Tier. Es gibt so viele Angebote, die diese Trennung aufrechterhalten. Werbung zum Beispiel suggeriert, dass alle Kühe immer auf der Alp sind. Das ist natürlich nicht wahr. Aber da stehen wirtschaftliche Interessen dahinter. Wenn es den Leuten nicht mehr gelingen würde, das zu trennen, würden sie kein Fleisch mehr kaufen.

Wie würde man es schaffen, dass der Mensch nicht mehr trennt?
Mit Schockbildern darauf hinweisen, wie es den Tieren wirklich geht. Wichtiger sind Alternativen. Vor 40 Jahren war es eine Tagesaufgabe, sich ohne tierische Produkte zu ernähren, heute hingegen hat man ein grosses Angebot. Das Schwierigste aber ist: den komplexen Zusammenhang zwischen unserem Tierkonsum und den Umweltproblemen zu erkennen. Die Art und Weise, wie wir uns von Tieren ernähren, zerstört die Umwelt. Ich als Einzelner habe einen direkten Einfluss auf das Artensterben. Wenn wir den Tierkonsum nicht mindestens halbieren, dann sieht es in dreissig Jahren ganz schlecht aus mit der Biodiversität.

Sie haben mal gesagt: «Jemand, der Fleisch isst, ist ein unanständiger Mensch.»
Mit «unanständig» meine ich gedankenlos. Ich bin Philosoph und der grösste Unanstand für mich ist, wenn man gedankenlos handelt. Mein Job ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken und es besser zu machen.

Ein gängiges Argument: Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich esse. Braucht es mehr Umdenken des Konsumenten oder mehr den Staat, der eingreift und etwa Fleisch teurer macht?
Es ist ähnlich wie: Ich will mir vom Staat nicht vorschreiben lassen, wie viel ich innerorts fahren darf. Warum schreibt man es vor? Weil es andere gefährdet. Essen ist keine Privatsache. Essen ist keine Wahlfreiheit. Wahlfreiheit hört dort auf, wo ich andere schädige. Ich habe noch kein Tier gesehen, das sein Schnitzel freiwillig hergegeben hätte. Wenn das Fleisch billig ist, ist die Chance gross, dass das Tier gelitten hat. Es braucht also beides. Anreize, damit der Konsum verändert wird, und schärfere Gesetze. Wir wissen alle: Es endet in einer Katastrophe, wenn wir weiter Tiere so konsumieren, wie wir es jetzt tun.

Warum gibt es kein Gesetz, dass man nur Schweizer Fleisch verkaufen darf?
Es gäbe weniger und wäre teurer.
Theoretisch wäre das eine gute Idee. Die Schweiz hat einen guten Schnitt bezüglich Inlandproduktion. Das Problem ist: Wir haben jetzt schon viel zu viele Tiere und nicht genug Fläche, um die Tiere wirklich zu ernähren. Mit mehr Tieren nehmen die Probleme zu. Man müsste sagen: Nur noch tierische Lebensmittel aus der Schweiz, und gleichzeitig müsste man sie massiv beschränken. Oder man macht es wie ich und lebt vegan.

Fleisch als Luxusprodukt?
Ja. Das fände ich völlig richtig. Aber dann heisst es: Es können sich nur noch die Reichen leisten. Wieso soll etwas, das mit Leid erzeugt ist, für alle zugänglich sein?

Sie sagen: Wir brauchen unbedingt ein neues Verhältnis zu den Tieren.
Der Umgang mit ihnen sei verantwortlich für vieles. Auch für Corona?
Ja. Wir haben derzeit über 1 Million Tote weltweit. Die dringlichste Frage ist: Wo ist der Impfstoff? Und die nächste: Wann kommt die nächste Pandemie? Wir sollten den Ursprung der Pandemie nicht vergessen, und das ist ziemlich sicher eine Zoonose.

Was heisst das?
Das Virus wurde von Tieren auf Menschen übertragen. Die letzten dreissig Jahre entstanden viele Epidemien auf diese Weise. Es beginnt mit unserem Umgang mit Tieren. Wir brauchen immer mehr Fläche für Nutztiere, und so kommen Nutztiere und Wildtiere miteinander in Kontakt. Je mehr Kontakt sie haben, desto grösser ist die Chance, dass Pandemien entstehen. Das müssen wir besser machen.

Der Tierethiker

Markus Wild (49) ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Sein Spezialgebiet: Tierphilosophie. Er geht der Frage nach, ob Tiere denken können und in welcher Weise sie Schmerz empfinden. Der Professor ist Zookritiker, war Gegner des geplanten Ozeaniums in Basel und setzt sich nun für Grundrechte für Primaten ein. Immer an seiner Seite: Australian Shepherd Titus. Wild nimmt ihn sogar in die Vorlesungen mit. Er lebt mit seiner Frau, seinem Hund und zwei Katzen (Susi kommt vom Bauernhof, Milou hat er als Winzling gefunden und von Hand aufgezogen) in Zeglingen BL.

Der Basler Philosophieprofessor Markus Wild setzt sich für Tiere und ihre Rechte ein.
Thomas Meier

Markus Wild (49) ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Sein Spezialgebiet: Tierphilosophie. Er geht der Frage nach, ob Tiere denken können und in welcher Weise sie Schmerz empfinden. Der Professor ist Zookritiker, war Gegner des geplanten Ozeaniums in Basel und setzt sich nun für Grundrechte für Primaten ein. Immer an seiner Seite: Australian Shepherd Titus. Wild nimmt ihn sogar in die Vorlesungen mit. Er lebt mit seiner Frau, seinem Hund und zwei Katzen (Susi kommt vom Bauernhof, Milou hat er als Winzling gefunden und von Hand aufgezogen) in Zeglingen BL.

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