Auf einen Blick
- Dominic Stricker in Krise: Sportliche Rückschläge und teaminterne Probleme
- Trainer Kindlmann kündigt, Stricker denkt offenbar über Karriereende nach
- Stricker fällt von Weltranglisten-Platz 94 auf 288 zurück
Gerade kommt so einiges zusammen im Lager von Dominic Stricker (22). In wenigen Tagen ist die Zeitspanne vorbei, in der er nach seiner langwierigen Rückenverletzung mit einem Protected Ranking einen erleichterten Zugang zu Top-Turnieren erhielt. Das heisst, der Berner landet in sportlicher Hinsicht wieder auf dem harten Boden der Realität.
Die neun Monate des geschützten Rankings (bei neun Turnieren) konnte er nicht nutzen, um seinen vorherigen Status zu bestätigen. Statt als Weltnummer 94, mit der er im Januar noch an den Australian Open antreten durfte, ist er von nun an als 288. der Weltrangliste unterwegs. Das reicht nicht einmal mehr für den Quali-Bewerb eines Grand-Slam-Turniers.
Das letzte PR-Ticket nahm Stricker in dieser Woche in Lugano in Anspruch – und er scheiterte prompt in Runde eins. Sein letzter Sieg auf ATP-Stufe datiert von Ende Oktober in Basel. Sportlich läufts für den immer so aufgeweckt und locker daherkommenden Mann aus Grosshöchstetten BE miserabel. Stricker wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Das Selbstvertrauen, das er früher an den Tag legte, scheint wie weggeblasen. Der Sensationssommer 2023, als er in Wimbledon Runde zwei erreichte und an den US Open singend und begeisternd in den Achtelfinal einzog, ist weit weg.
Vater unter Beschuss
Und jetzt rumort es auch noch teamintern. Wie die «NZZ» berichtet, hat Trainer Dieter «Didi» Kindlmann (42) die Kündigung eingereicht, was sich mit Blick-Informationen deckt. Auch soll Stricker laut über sein vorzeitiges Karriereende nachgedacht haben. Stricker befinde sich in einer Sinnkrise, die eng verknüpft mit dem Ablösungsprozess von seinem familiären Management sei. Dieses hat in den letzten Jahren ein phasenweise bis zu 14 Personen umfassendes Konstrukt aufgebaut, mit Vater Stephan als Agent an der Spitze.
Der Polizist, der sein Pensum für die Karriere seines Sohnes auf 60 Prozent reduziert hat, wird im NZZ-Artikel als «Hauptproblem» dargestellt. Damit läuten in der Tennisszene freilich sofort die Alarmglocken, zumal – Beispiele in dieser Sportart gibt es genug – Familienunternehmen ohnehin viel Konfliktpotenzial bergen. Welche Rolle spielen die Eltern in der Karriereplanung ihrer Kinder? Wie weit hat das Kind die Wahl, sich selbst zu organisieren? Was läuft noch unter fördern? Wo wird aus fördern plötzlich fordern? Und gerade im Tennis, das auf dem Weg an die Spitze enorm teuer ist und in dem es im Erfolgsfall später grosse Summen zu verdienen gibt, spielen hier auch immer die Finanzen mit rein.
Der detaillierte Sachverhalt in all diesen Fragen bei den Strickers ist unklar. Fest steht: Sie gingen in den letzten Jahren «all-in», wie Vater Stephan einst deutlich machte. Das Familienunternehmen leistete sich mit Kindlmann einen renommierten Trainer, der in früheren Jahren schon Grössen wie Maria Scharapowa (37), Angelique Kerber (37) und Aryna Sabalenka (26) betreute, und oft auch einen mitreisenden Physiotherapeuten. Der Plan schien aufzugehen, bis im Dezember 2023 Dominic Strickers Rücken derart zwickte, dass er letztlich ein halbes Jahr pausieren musste.
Bangen um eine Zukunftshoffnung
Zu den Vorwürfen will Stephan Stricker, auch auf Blick-Anfrage, keine Stellung beziehen. Auch nicht dazu, dass er den Verband Swiss Tennis wiederholt verbal angegriffen habe. Er bestätigt einzig, dass sich Kindlmann entschieden habe, das Team zu verlassen. Aufgrund einer Kündigungsfrist begleitet der Deutsche den Tennisspieler allerdings weiter. So auch zuletzt in Lugano, wo im Training nach wie vor zu sehen war, wie Kindlmann auf seinen Noch-Schützling einredete. Wie immer, ein paar Sprüche inklusive. Die nächste Station soll das kleine Nachwuchsturnier in Trimbach SO sein. Auch hier zeigt sich: Stricker muss wieder ganz unten anfangen.
Bei Swiss Tennis sind derweil die Sorgen um einen der vielversprechendsten Schweizer Spieler der Gegenwart gross. Alessandro Greco, Leiter Spitzensport beim Verband, sowie Davis-Cup-Captain und Ex-Federer-Coach Severin Lüthi kümmerten sich zuletzt intensiv um Stricker, der laut «NZZ» verlautet haben soll, spätestens Ende Jahr das Racket aus der Hand zu legen. Die Funktion des Verbands ist hier womöglich (mit-)entscheidend: Mit Lösungsvorschlägen – sei es auch ein Konstrukt ohne Vater als Manager – könnte er unter Umständen verhindern, dass Stricker zu einem solch drastischen Schritt greift.