ZSC-Sonderfall Derek Grant
Viel zu langsam, aber auch viel zu genial

Das Spiel von Titelverteidiger ZSC Lions lebt mitunter von viel Tempo. Einer kann da selten mithalten, aber ist trotzdem unverzichtbar: Derek Grant.
Publiziert: 11:30 Uhr
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Aktualisiert: 11:45 Uhr
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Clever und beliebt: ZSC-Kanadier Derek Grant.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Derek Grant ist trotz Tempodefiziten unverzichtbar für die ZSC Lions
  • Grant überzeugt mit Spielintelligenz, Positionsspiel und Bullys
  • Er bestritt 446 Partien in der NHL für sechs verschiedene Teams als Rollenspieler
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Marcel AllemannReporter Eishockey

Manch ein ZSC-Fan würde ab und an wohl am liebsten von der Tribüne aufs Eis hinuntersteigen und ihn von hinten anschieben. Denn Derek Grant (34) wirkt oft derart langsam und behäbig und es dauert jeweils, bis er seine 190 Zentimeter und 93 Kilo in Schwung gebracht hat. So dass man meinen könnte, es hätte sich einer aus dem Seniorenteam des ZSC in die Playoff-Halbfinals verirrt. «Er ist nicht der Energischste in seinen Aktionen», pflichtet auch Trainer Marco Bayer (52) bei.

Und dennoch ist der kanadische Stürmer mit der imposanten Zahnlücke für den Chef an der ZSC-Bande unverzichtbar. Das zeigte zuletzt auch der dritte Halbfinal-Akt am Donnerstag. Beim 5:1-Sieg, der zur 2:1-Führung in der Serie geführt hat, war Grant an den ersten drei Toren beteiligt. Beim 1:0 mit einem genialen Pass, beim 2:1, weil er den Puck vor dem Davoser Tor ausgräbt und clever weiterleitet, das 3:1 markiert er durch einen geschickten Ablenker vor dem Tor selbst. Einmal mehr steht Grant genau richtig und tut das genau Richtige.

Darum ist Grant unverzichtbar

«Er ist überragend bei den Bullys, unglaublich gut mit dem Stock, verfügt über ein grandioses Positionsspiel und eine imponierende Spielintelligenz. Er ist stark im Powerplay und Unterzahlspiel. Das sind alles Dinge, die für unser Spiel enorm wichtig sind – und das zeichnet Derek aus», schwärmt Trainer Bayer vor.

Den Weg nach Zürich gefunden hat Grant 2023 durch Bayers Vorgänger Marc Crawford (64). Denn als Bub spielte er mit dessen Sohn Dylan (35) zusammen. Crawford verfolgte Grants Weg weiter, als dieser an der Michigan State University spielte, sich später in der AHL durchbiss und es in die NHL schaffte.

Vom Rollenspieler zum Hauptdarsteller

In der besten Liga der Welt, in der er für Ottawa, Calgary, Buffalo, Nashville, Anaheim und Pittsburgh 446 Spiele bestritt, hatte der Mann aus Abbotsford in der Provinz British Colombia eine ganz andere Rolle als jetzt bei den ZSC Lions. Er war ein defensiv orientierter Viertlinien- und Boxplay-Spieler, der permanent um seinen Platz in der Liga kämpfen und bangen musste. Über viele Jahre pendelte er zwischen der NHL und der AHL hin und her.

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In Zürich gehört er jedoch trotz seiner Tempodefizite zu den Hauptdarstellern und ist unbestritten – erst recht in den Playoffs. Bereits vor einem Jahr hatte er auf dem Weg zum Titel in der wichtigsten Phase der Saison mit Toren, Assists und zahlreichen klugen Aktionen überzeugt. Eine offensivere Rolle war er sich bereits aus College-Zeiten und der AHL gewohnt, ehe er sich für seinen NHL-Traum radikal umstellen musste.

«Einfach ein guter Typ»

Daneben ist Grant auch als Mensch im Team sehr beliebt. Crawford strich bereits bei der Verpflichtung dessen herausragenden Charakter heraus. Diese Einschätzung teilt auch Nachfolger Bayer: «Derek ist einfach ein guter Typ.»

Deshalb war es für ihn in der Summe aller Vorteile, die Grant mitbringt, auch keine Option, ihn aus dem Team zu nehmen, als der Kanadier am Dienstag bei der 3:4-Niederlage in Spiel 2 in Davos einen weniger guten Abend einzog. Und durch einen haarsträubenden Fehlpass mit Folgen den zwischenzeitlichen 0:3-Rückstand vorantrieb.

«Derek ist für mich im Moment unverzichtbar, aber wir wissen natürlich nie, was die Zukunft bringt», sagt Bayer. Einen Freipass gibt es im leistungsorientierten Betrieb der ZSC Lions also nicht mal für ihn. Den Langsamen, der so unfassbar genial ist.

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