Milena Moser über die Rucksäcke, die jeder mit sich trägt
Was fehlt dir?

Diese Frage hängt in meinem Kopf wie ein Widerhaken, an dem sich manche Begegnungen festmachen. Das liegt an einem Buch, das ich gerade lese.
Publiziert: 24.03.2025 um 06:00 Uhr
|
Aktualisiert: 24.03.2025 um 07:03 Uhr
1/5
Am Central in Zürich ist immer viel los: Autos, Trams und Menschen. Milena Moser trifft auf einen wütenden älteren Mann, der flucht, ...
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

  • Fussgängerstreifen am Central in Zürich: Eine Mutprobe für Fussgänger
  • Wütender Mann und Schulklasse treffen aufeinander, Milena Moser reflektiert über Mitgefühl
  • Das Buch «Was fehlt dir?» von Sigrid Nunez thematisiert menschliche Erfahrungen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Selfie 2.jpg
Milena MoserSchriftstellerin

Den Fussgängerstreifen am Central in Zürich zu überqueren, ist jedes Mal eine kleine Mutprobe. Auf drei Spuren kommen die Fahrzeuge um die enge Kurve, sie wissen, dass sie anhalten müssen, und das scheint sie zu verärgern. Sie tun es meist trotzdem, aber oft im letzten Moment. Der Fussgängerstreifen, überhaupt der ganze Platz und auch die Traminsel auf der anderen Seite sind oft voller Menschen.

«Aus dem Weg, verdammt», ruft jemand hinter mir, und ich trete zur Seite. Ich habe seinen Ausruf jetzt in ein höfliches Hochdeutsch übersetzt, im Dialekt benutzte er einen nicht druckreifen Ausdruck. Ein älterer Mann am Stock, einen modernen, sichtbar teuren Rucksack aus irgendeinem schillernden Hightechmaterial auf dem Rücken und, wie gesagt, schneller als ich unterwegs. In der Traube, die am Fussgängerstreifen darauf wartet, dass drei Autos in drei Spuren gleichzeitig anhalten, hole ich ihn wieder auf.

Sein Fluchen wird lauter und gröber, während wir warten. Auf der anderen Seite der Traminsel hat sich eine Schulklasse versammelt, Kinder, vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Sie tragen riesige Sporttaschen und Hockeyschläger mit sich, sie reden laut, sie lachen, sie stehen im Weg. Das ist es, was den Mann so aufregt. Als sich die Fussgängertraube in Bewegung setzt, gehe ich etwas schneller, ich will vor dem wütenden Mann die andere Seite erreichen, möchte es ihm abnehmen, vielleicht auch vormachen. «ÄXGÜSI», sage ich laut. Schaue dann sicherheitshalber über die Schulter, ob der Mann das Zauberwort gespeichert hat, «äxgüsi».

Die Kinder weichen auseinander wie das Rote Meer vor Moses. Der Mann hat andere Worte. Er wird laut, die Kinder lachen über ihn, er wird lauter. Und dann denke ich eben an dieses Buch, «Was fehlt dir?» von Sigrid Nunez, das über weite Strecken einfach protokolliert, was Menschen erzählen, eine Frau in der Garderobe des Fitnesszentrums, die Vermieterin eines Airbnb-Zimmers, eine sterbende Freundin. Im Original heisst das Buch «What are you going through», also «Was machst du gerade durch?». Das trifft es besser, finde ich. Es ist weniger anklagend, mitfühlender.

Denn das ist vermutlich die simpelste und offensichtlichste Tatsache: Wir machen alle gerade etwas durch. Davon können wir ausgehen, auch wenn wir die Einzelheiten nicht kennen. Statt mich darauf zu konzentrieren, was dem wütenden Mann fehlt – Anstand, Manieren –, könnte ich mich fragen, was er wohl gerade durchmacht. Vielleicht ist er auf dem Weg ins Krankenhaus, vielleicht liegt sein bester Freund im Sterben, vielleicht wurde sein Hund überfahren und einfach am Strassenrand liegen gelassen, vielleicht trifft er gleich eine Tochter, die am Telefon ganz seltsam klang, als sie sagte: «Wir müssen reden.» Vielleicht empfindet er die Schulklasse als monumentales Hindernis zwischen ihm und seinem Freund, seiner Tochter, dem Tierarzt, der seinen Hund einschläfern will.

Ich denke daran, wie oft ich mich objektiv danebenbenommen habe, wenn ich «gerade etwas durchmachte». Wie ich zwanzig Minuten lang reglos im Parkhaus der Uniklinik im Auto sass, ohne zu merken, dass sich hinter mir eine Schlange bildete, ein Hupkonzert begann. Wie oft ich blind und in Gedanken verloren jemanden anremple. Wie ich im Lebensmittelladen in Tränen ausbrach, als man mir sagte, es gäbe heute keine Eier. «Aber ich wollte einen Kuchen backen», heulte ich. Als könne die Angestellte wissen, dass meine Freundin, die gerade von der Abrissbirne des Schicksals getroffen wurde, nur diesen einen Kuchen mag, in dem sechs ganze Eier stecken.

Und wie in einem solchen Moment eigentlich nur eines hilft, ein freundliches Lächeln, vielleicht eine leichte, aufmunternde Berührung an der Schulter. Das hat mir die Verkäuferin damals gegeben. Ich nähere mich dem wütenden Mann, aber dann trau ich mich doch nicht.

Fehler gefunden? Jetzt melden
Was sagst du dazu?