Darum gehts
Es ist fast schon kurios: US-Präsident Donald Trump (78), der sonst gern mit Superlativen um sich wirft – und noch lieber mit Beleidigungen –, lobt die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum (62) als «wunderbare Frau». Diese Gunst kommt Sheinbaum und ihrem Land auch im aktuellen Zollstreit zugute: «Im Fall von Mexiko gibt es keine zusätzlichen Zölle», verkündet sie mit einem entspannten Lächeln – und alle wissen: Dieser Satz ist das Resultat harter Verhandlungen mit einem politischen Raubtier.
Der neue Zollstreit ist für Sheinbaum mehr als nur ein aussenpolitisches Manöver. Er ist ein Prüfstein. Und zugleich eine Bühne, auf der sie zeigt, dass selbst ein Donald Trump mit Argumenten und Strategie zu bändigen ist – wenn man weiss, wie.
Vom Labor in den Regierungspalast
Dass Sheinbaum Trump Paroli bietet, ohne laut zu werden, macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung auf der Weltbühne. Während andere sich provozieren lassen, bleibt sie sachlich, kühl, fokussiert. Keine Gegenzölle, keine Twitter-Scharmützel, kein lauter Protest. Stattdessen: ein Telefonat. Und dann noch eines. Und plötzlich ist Mexiko von den drakonischen US-Zöllen ausgenommen – während andere zittern. Sheinbaum nennt das «Zusammenarbeit statt Konfrontation».
Die 62-Jährige ist keine, die sich ins Rampenlicht drängt. Geboren in eine jüdische Wissenschaftlerfamilie, promovierte sie in Physik, forschte zum Klimawandel in Kalifornien, bevor sie in die Politik einstieg. Ihre Karriere verlief dabei fast lehrbuchartig: Bezirkschefin, Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt, Präsidentin. Doch wer glaubt, sie sei nur die Marionette ihres mächtigen Mentors und Vorgängers López Obrador (71), hat sie unterschätzt. Sheinbaum hat längst ihren eigenen Ton gefunden – kühl, analytisch, wirksam.
Gerade dieser Stil wirkt nun wie ein Gegenmodell zur Trump’schen Lautsprecherei. Während ihr US-Kollege seine Gegner gern öffentlich demontiert, kontert Sheinbaum mit Zahlen, Fakten, Diplomatie. In Verhandlungen zitiert Trump plötzlich mexikanische Sicherheitsstatistiken – geliefert von Sheinbaum. Ein PR-Coup der besonderen Art: Mexikanische Aufklärungsvideos über Fentanyl landen in US-Kampagnen. Ihre stille Strategie wirkt.
Zwischen Souveränität und Abhängigkeit
Dabei balanciert sie auf einem diplomatischen Hochseil. Intern muss sie Mexikos Souveränität verteidigen – extern die wirtschaftlich überlebenswichtige Beziehung zum nördlichen Nachbarn pflegen. Mehr als 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die USA. Eskaliert das Verhältnis, steht Mexikos Wirtschaft still. Doch statt sich zu beugen, liefert Sheinbaum Ergebnisse: Drogenbosse werden ausgeliefert, zehntausend zusätzliche US-Soldaten sichern mit ihrer Erlaubnis die Grenze. Und doch bleibt sie dabei stets bei ihrer Maxime: Kooperation – ja. Unterwerfung – nein.
Selbst ihre Kritiker, die ihr lange unterstellten, Mexiko zu leicht an Trumps Wünsche anzupassen, müssen inzwischen anerkennen: Ihre Strategie funktioniert. In Mexiko steigen ihre Zustimmungswerte auf über 75 Prozent. Die einst kühle Technokratin wird zur Hoffnungsträgerin eines Landes, das jahrelang von Gewalt, Korruption und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt war.
Vielleicht ist es genau dieser nüchterne Pragmatismus, der Sheinbaum auszeichnet. Keine Heilsversprechen, kein ideologisches Pathos. Sondern: zuhören. Analysieren. Handeln. Ein Stil, der nicht schreit, aber wirkt. Und der zeigt, dass politische Führungsstärke auch leise sein darf – und dabei umso nachhaltiger. Ob sie Trump dauerhaft zähmen kann, bleibt offen. Doch schon jetzt ist klar: Claudia Sheinbaum hat ihn überrascht – und Mexiko damit einen entscheidenden Vorteil verschafft.