Im August machte sich Jewgeni Prigoschin (61), der Strippenzieher hinter der russischen Söldnergruppe Wagner, auf die Suche nach körperlichen fitten Straftätern in russischen Gefängnissen. Bis zum Sommer habe die Wagner-Gruppe bis zu 1000 Straftäter aus 17 Gefängnissen überredet, sich gegen Sold und eine Begnadigung durch Putin zum Kampf in der Ukraine zu verpflichten, berichtet «Verstka». Wer sich weigerte zu kämpfen, dem drohte Sonderhaft oder Strafverlängerung.
Einer dieser Häftlinge, der für Russland in den Krieg zog, war Stanislaw B.*, wie unter anderem «Nexta» berichtet. Der Dienst als Artillerist für sein Vaterland bescherte ihm eine Tapferkeitsmedaille – und kostete den Mann sein rechtes Bein. Videos zeigen, wie er die Medaille lustlos, auf einem Sofa sitzend, entgegennimmt.
Mörder musste nur Teil seiner Haft absitzen
Russland suchte in den russischen Straflagern nach Dieben und Mördern. Und B. war einer davon. Wie das bulgarische Medium «Actualno» und das US-Medium «The Daily Beast» berichten, wurde B. 2013 zu 23 Jahren Haft verurteilt – wegen Mordes!
Damals tötete er einen russischen Bezirksrichter auf «besonders grausame Weise», wie es in den Berichten heisst. Er soll ihn mit einer Hantel auf den Kopf geschlagen haben – der Bezirksrichter starb auf der Stelle. Nun ist B. ein freier Mann, denn er hat durch seinen Einsatz an der Front, wie so viele andere russische Sträflinge, Amnestie erhalten – ohne, seine ganze Strafe für die grausame Tat abzusitzen, so die Medien.
B., der in einem Propagandavideo nach seiner Medaillen-Entgegennahme interviewt wird, erklärte stolz, er sei der Gruppe Wagner «dankbar», dass sie ihm geholfen habe, seinen Lebenszweck zu finden. «Vielleicht bin ich für etwas anderes geschaffen worden und nicht nur, um eine Strafe zu verbüssen und mein ganzes Leben lang dazusitzen», sagte er.
Begnadigungen oftmals nicht legal
Laut «The Daily Beast» seien aber nicht alle Begnadigungen ganz legal. «Irgendjemand händigt den Verurteilten Papiere und Medaillen aus und sagt einigen, dass dies Begnadigungsurkunden seien. Und anderen wiederum, dass es sich um Entlassungsurkunden handle. Aber sie sehen aus, wie wertlose Papierschnipsel mit dem Stempel von irgendjemandem», sagte Olga Romanova, die Gründerin von Rus Sidyashaya, einer Menschenrechtsgruppe, die eng mit Häftlingen zusammenarbeitet, zu der Plattform.
Romanova wies in einer Erklärung auf Telegram am Mittwoch darauf hin, dass der Prozess der Begnadigung viel komplizierter ist als das blosse Aushändigen von Papierstücken. «Nur der Präsident kann begnadigen, und dieses Verfahren ist kompliziert und beginnt mit den Begnadigungskommissionen der regionalen Volkskammern. Die regionalen Volkskammern haben nichts geprüft, keine Gnadengesuche. Wer weiss also, was für Papiere den Verurteilten ausgehändigt werden», schrieb sie. (chs)
* Name bekannt