Darum gehts
- Fragolino ist eine einfache, aber beliebte Weinspezialität aus dem Veneto und dem Tessin
- die perlenden Weine werden im Tessin immer noch aus der «Erdbeertraube» gekeltert
- Fragolino wurde in den 1930ern in Italien aus fadenscheinigen Gründen verboten, und auch heute ist das Original selten zu finden
Der Frühsommer beschert uns eine Erdbeerschwemme. Vor etlichen Jahren sind in meinen Garten Walderdbeeren gekommen, um zu bleiben. Seit sie das sind, gab es noch nie so viele wie dieses Jahr.
Die ideale Zeit, um sich mit einem besonderen Wein zu beschäftigen. Fragolino heisst salopp übersetzt «Erdbeerchen» und genau so duftet und schmeckt der gleichnamige, leicht prickelnde Wein: wie frischgepflückte Walderdbeeren. Der Hauswein der Bauern war gut gekühlt eine herrliche Sommererfrischung. Sommerfrischler nahmen gerne ein paar Flaschen mit zur Erinnerung an unbeschwerte Stunden.
Die «Erdbeertrauben» kamen nach der Reblaus
Tempi passati. 1931 wurde in Italien der Verkauf von Fragolino per Gesetz verboten. In den Trattorien wurde der Wein noch ausgeschenkt, was erlaubt war, und bestimmt wurde unter der Hand auch noch damit gehandelt. Doch letztendlich fügten sich die Winzer, verzichteten auf die «Erdbeertrauben» und konzentrierten sich auf regionaltypische Sorten, die für den Qualitätsweinbau vorgeschrieben waren.
Was war falsch an den Weinen aus der Erdbeertraube? Fragolino wurde aus Hybridreben gekeltert. Hybridreben sind natürliche Kreuzungen aus Wildreben mit europäischen Edelreben und stammen aus den USA.
Nach der Reblauskatastrophe am Ende des 19. Jahrhunderts bestockten viele Winzer in Europa ihre zerstörten Flächen mit den «Amerikanern», die resistent gegen die gefürchtete Laus und auch weniger anfällig für die berüchtigten Mehltau-Krankheiten waren. Mit dem Aufkommen der reblausresistenten Pfropfreben wurden diese Sorten überflüssig.
Wissenschaftlicher Vorwand
Auch der Geschmack der Weine aus Hybridreben entsprach nicht dem, was einen klassischen europäischen Wein wie Pinot noir, Chardonnay oder Sangiovese ausmacht. Zudem wurden damals höhere Methanolgehalte gemessen als bei Weinen aus europäischen Sorten. Darum galten Weine wie der Fragolino als gesundheitsschädigend. Der höhere Methanolgehalt im Vergleich zu «normalen Weinen» erwies sich als verschwindend gering. Die Mär vom «gefährlichen» Fragolino ist also schon lange widerlegt.
Dennoch wurde das Verbot in die Gesetzgebung der EU integriert. Mit der Folge, dass unter dem Namen Fragolino heute Frizzante aus herkömmlichen Rebsorten gekeltert und mit Erdbeeren aromatisiert wird.
Wer echten Fragolino probieren möchte, findet das Original im Tessin oder reist ins österreichische Südburgenland. Dort sind die Weine aus Hybridreben allerdings unter dem Gattungsnamen Uhudler bekannt und dürfen nach jahrelangem Protest der Winzer weiterhin in den Buschenschänken serviert und unter strengen Auflagen auch verkauft werden.