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Missbrauch in der Kirche:«Priester haben das Vertrauen schamlos ausgenutzt»

Im Umfeld der katholischen Kirche
Forscherteam entdeckt über 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch

Erstmals konnte ein unabhängiges Team in kirchlichen Archiven über sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche forschen. Die Historikerinnen belegen 1002 Fälle in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts.
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Die Spitze des Eisberges: Ein Team von Historikerinnen hat 1002 Fälle von sexuellem Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche dokumentiert. Im Bild: Der Chor der Barock-Kathedrale von St. Gallen.
Foto: www.michael-peuckert.com
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Daniel JungRedaktor News

Ein Forschungsteam der Universität Zürich hat Belege für 1002 Fälle von sexuellem Missbrauch im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz gefunden. Die Fälle reichen von Grenzüberschreitungen bis hin zu schwersten, systematischen Missbräuchen über Jahre hinweg. An einer Medienkonferenz in Zürich wurden am Dienstag die Resultate präsentiert.

Insgesamt wurden 510 Beschuldigte und 921 Betroffene identifiziert. In 39 Prozent der Fälle war das Opfer weiblich, in knapp 56 Prozent männlich. Bei 5 Prozent liess sich das Geschlecht in den Quellen nicht eindeutig feststellen. Die Beschuldigten waren fast immer Männer.

74 Prozent der Fälle betreffen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen. Unter den Opfern sind auch Säuglinge und vorpubertäre Kinder. 14 Prozent der Fälle betrafen Erwachsene. In 12 Prozent der Fälle war das Alter nicht klar feststellbar.

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Nur die Spitze des Eisbergs

«Bei den identifizierten Fällen handelt es sich zweifellos nur um die Spitze des Eisbergs», erklärte die Geschichtsprofessorin Marietta Meier. «Wir wissen, dass es die Spitze ist, aber wir wissen nicht, wie gross der Eisberg darunter ist.»

Professorin Monika Dommann kritisierte explizit die Trägheit der Kirche im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen: «Die katholische Kirche hätte diesen Forschungsprozess schon vor mindestens 20 Jahren anstossen müssen», sagte sie.

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Die Vernichtung von Akten wurde für zwei Diözesen belegt. Bis auf einige Ausnahmen wurden dem Projektteam die notwendigen Zugänge zu den Archiven ohne grössere Hürden ermöglicht. Das Historikerteam konnte Zehntausende Seiten bisher geheim gehaltener Akten sichten, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts angelegt wurden. Zudem wurden Gespräche mit von sexuellem Missbrauch Betroffenen geführt.

Kirche will sich läutern

Vor den Medien zeigte sich der Churer Bischof Joseph Bonnemain selbstkritisch. Er richtete sich an die Opfer: «Jedem Einzelnen von Ihnen wurde grosses Leid zugefügt. Die Täter haben Ihr Vertrauen schamlos ausgenützt.» Kirchliche Führungspersonen hätten es zugelassen, dass Kinder und Jugendliche Sexualstraftätern ausgeliefert waren. «Täter wurden geschützt und versetzt. Manche wurden der Strafverfolgung entzogen.» So konnten die Täter weiter kriminelle Taten begehen.

Bonnemain kündigte Massnahmen an: Die Kirche werde neue Meldestrukturen schaffen. Die Aktenvernichtung soll künftig unterbunden, die psychologische Kontrolle bei kirchlichen Anstellungen verbessert werden. «Wir müssen den nötigen Kulturwandel vorantreiben», sagte Bonnemain. Die kommende Generation habe das Recht auf eine geläuterte Institution. «Nur eine gewaltfreie Kirche hat eine Daseinsberechtigung», sagte der Bischof.

Weitere Forschung nötig

Den Untersuchungsauftrag an das Historische Seminar der Uni Zürich gaben die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Konferenz der Ordensgemeinschaften in der Schweiz (Kovos) und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). In einer einjährigen Pilotstudie hat ein vierköpfiges Forschungsteam die Thematik untersucht.

Bereits wurde auch ein Folgeprojekt für die Jahre 2024 bis 2026 beschlossen. Ein Ziel ist es hier, das Ausmass des Missbrauchs im Umfeld der Kirche genauer zu fassen. Denn bisher konnten zahlreiche Archive mit weiteren Fällen noch nicht ausgewertet werden. Darunter sind Bestände von Ordensgemeinschaften, katholischen Schulen, Internaten und Heimen.

Zusätzlich sollen weitere Zeitzeugen und Betroffene befragt werden, erklärte Professorin Dommann. Die Kultur des Vertuschens im katholischen Milieu werde in den Fokus genommen, wie auch die Mitverantwortung des Staates.

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