Sie gaukeln Liebe vor und nehmen ihre Opfer schamlos aus: Romance Scammers, also Liebesschwindler, die im Internet aktiv sind. Doch wer sind die Hintermänner?
Der deutsche Soziologe Christian Thiel kennt die Hintergründe und die Tricks der Betrüger. Er hat über vier Jahre lang ein Forschungsprojekt zu «Vertrauen und Täuschung beim Betrug» geleitet.
Opfer wird bei Laune gehalten
Laut Thiel haben die Betrüger eine Art Baukasten. «Da liegen verschiedene Täuschungsbausteine, die bei Betrugsvorgängen unterschiedlich kombiniert werden.» So sei der Fall von Oli T.*, der sein gesamtes Geld einer vermeintlichen Liebe gab, ein klassisches Love-Scam-Beispiel.
Die Betrüger verwendeten auch hier vermeintliche Beweise – wie Ausweise und Bankbelege. «Damit wird das Opfer bei der Stange gehalten.» Auch typisch im vorliegenden Fall: «Sie bringen ständig Ausreden für nicht mögliche Treffen und zahlreiche Schicksalsschläge, die Geldforderungen begründen.»
Oft sitzen die Hintermänner im Ausland, besonders Nigeria, Ghana und Kamerun sind bekannte Hotspots.
Rund 700 Fälle in der Schweiz
Die Fachstelle Schweizerische Kriminalprävention (SKP) bezeichnet Romance Scam oder Love Scam als eine moderne Form des Heiratsschwindels. «Bei dieser Betrugsart werden gefälschte Profile auf Social Media und Internet-Partnerbörsen erstellt, um anderen Personen Verliebtheit vorzuspielen und schliesslich finanzielle Zuwendung zu erhalten.»
Opfer seien «sehr häufig Menschen, die einen Partner oder eine Partnerin suchen und unter mangelnder Zuneigung leiden». Schweizweit werden jährlich rund 700 Love-Scamming-Fälle angezeigt. Laut SKP ist die Dunkelziffer aber rund 20-mal höher. Der Schaden: mehrere Millionen.
Gestohlene Bilder
Laut Soziologe Thiel hat die Pornodarstellerin auf dem Betrüger-Profilbild wohl nichts mit dem Betrug zu tun; ihre Bilder wurden aus dem Netz gestohlen. «Je mehr eine Person auf Social Media stellt, umso beliebter ist sie bei den Scammern.»
Doch warum fallen so viele Opfer auf die Masche rein? Thiel ist überzeugt: «Jeder und jede kann darauf einfallen. Die Betrüger gehen geschickt vor, Schritt für Schritt bauen sie ihre falsche Wirklichkeit auf.»
Erst wenn diese falsche Wirklichkeit im Kopf des Opfers verfestigt sei, komme es zu Geldforderungen. Diese gefestigte falsche Wirklichkeit sei auch der Grund, weshalb Opfer meist weiterzahlen, obwohl sie recht früh Zweifel entwickeln.
Brüchige Traumbilder
Die Alarmglocken sollten läuten, sobald Geld ins Spiel kommt. Thiel rät: «Erzählen Sie es einer vertrauten Person – oder der Polizei. Die vom Betrüger erschaffenen Traumbilder werden sehr schnell brüchig, wenn man nicht involvierten Personen davon berichtet.»
Denn einmal bezahlt, ist das Geld höchstwahrscheinlich für immer weg. Thiel: «Die Ermittlungsbehörden haben wenig Handhabe. Die Identitäten der Betrüger sind fiktiv, und selbst wenn sie ihre IPs nicht getarnt haben, führen die Spuren zumeist in Länder, wo man selbst mit Rechtshilfeersuchen nicht weiterkommt.»
* Name geändert