Darum gehts
Wie ein Fisch, den man aus dem Wasser gezogen hat: So fühlte sich Slawa Banikow, als der Beobachter ihn vor drei Jahren bei einem Treffen für ukrainische Flüchtlinge in Olten SO kennenlernte.
Der Unternehmer aus Sumy im Nordosten der Ukraine war mit seiner Frau Angela, Sohn Daniel und seiner Mutter Raissa in die Schweiz geflüchtet. Zu Hause besassen er und seine Frau zwei Kleiderläden. Sie hatten Angestellte, ein Haus, zwei Autos – und Pläne für die Zukunft. Dann kamen die Russen. Raketen zerstörten ihr Hab und Gut.
Damals, 2022 in Olten, standen sie unter Schock. Die Informationen zu ÖV-Abos oder vergünstigten Hallenbadeintritten, die man ihnen bei dem Treffen mit auf den Weg gab, perlten an ihnen ab. Die Banikows wollten nicht ins Hallenbad. Sie wollten nach Hause.
Das alte Leben ist vorbei
Und heute? Zwei Jahre und zehn Monate später treffen wir sie in Olten wieder. «Wir haben lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass unser Leben nie mehr so sein wird wie früher», erzählt Angela Banikow. Sie hätten zwar von Anfang an Deutschkurse besucht, doch immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, bald zurückzukehren. Die Scherben zusammenzukehren, zu schauen, was vom alten Leben noch übrig war – und wieder auf die Füsse zu kommen.
Dazu kam es nicht. Sumy liegt nur wenige Kilometer hinter der Front. Wie es ist, dort zu leben, hören die Banikows täglich aus erster Hand. Von Angela Banikows Eltern, die mit dem jüngeren, dienstpflichtigen Bruder dort geblieben sind und sich nie sicher sein können, wann und wo die nächste russische Granate einschlägt.
«Irgendwann haben wir begriffen, dass wir uns hier etwas Neues aufbauen und bei null anfangen müssen», sagt Slava Banikow. Seine Frau, Angela Banikow, 35 und studierte Juristin, fand eine Stelle als Zimmermädchen. Er selber tauschte mit 40 den dunklen Anzug gegen ein weisses Tenü und liess sich zum Pflegehelfer ausbilden.
Vieles ist besser, aber wie lange noch?
Trotz des beruflichen Rückschrittes schwärmen beide von ihrer Arbeit, den hilfsbereiten Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie sich auch privat treffen. «Ich bin sehr dankbar. Ich habe ein neues Leben erhalten, einen neuen Beruf, es geht uns gut», sagt Slava Banikow.
Sohn Daniel (17) lebt in einem Heim für Menschen mit Behinderungen und arbeitet dort in einem geschützten Rahmen. «Für ihn ist hier viel besser gesorgt als in der Ukraine», sagt Vater Slava. Auch ihm selber gehe es besser. Er leidet an Schuppenflechte und hat dank der richtigen medizinischen Behandlung kaum mehr Beschwerden.
Also alles super? Die dunklen Augenringe verraten, dass dies nicht die ganze Geschichte ist. Die Sorge um die Angehörigen in der Heimat raubt den Banikows den Schlaf. Und die Angst, alles zu verlieren, was sie sich hier aufgebaut haben, wenn der Schutzstatus S aufgehoben wird. «Früher planten wir für vier, fünf Jahre. Heute leben wir von Monat zu Monat.»
Der Fisch ist wieder im Wasser – aber der neue Teich ist seicht.
Nur wenige Ukraine-Flüchtlinge haben Jobs
Die Banikows stehen stellvertretend für viele der über 68’000 ukrainischen Flüchtlinge in der Schweiz. Der ungewisse Aufenthaltsstatus hindert sie daran, wirklich Wurzeln zu schlagen. Gleichzeitig sollen sie arbeiten und sich integrieren. Diesbezüglich sind die Banikows eine Ausnahme: Dass beide Arbeit finden wie sie, ist selten. Im Schnitt beträgt die Erwerbsquote bei Personen mit Status S nur 30 Prozent. Die beiden wichtigsten Gründe dafür: die Sprachbarriere und die fehlende Anerkennung ukrainischer Bildungsabschlüsse. «Die meisten beherrschen keine Fremdsprachen, und wenn, dann Englisch. Das nützt einem bei den meisten verfügbaren Stellen kaum», sagt Sasha Volkov vom Ukrainischen Verein in der Schweiz. Der Doppelbürger lebt seit 25 Jahren in der Diaspora und ist hier gut vernetzt.
Die Statistik gibt ihm recht: Laut einer Studie der Berner Fachhochschule vom Herbst 2022 sprachen 70 Prozent der Geflüchteten zwischen 16 und 59 Jahren kein oder kaum Deutsch, 84 Prozent kein oder kaum Französisch und 91 Prozent kein oder kaum Italienisch. Dafür beherrschten 41 Prozent gut oder sehr gut Englisch. An der Umfrage nahmen knapp 2000 Personen mit Schutzstatus S teil, die seit drei bis sechs Monaten in der Schweiz lebten.
Die mehrheitlich gut ausgebildeten Ukrainerinnen und Ukrainer finden oft nur Jobs, die weit unter ihren eigentlichen Qualifikationen liegen und wenig Perspektiven bieten. «Inzwischen gibt es einige, die auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hoffen und bereit sind, nochmals ganz unten anzufangen», sagt Volkov.
Viele seien aber immer noch hin- und hergerissen, wie stark sie sich hier verwurzeln wollen. «Es hängt natürlich auch davon ab, woher man stammt. Menschen aus umkämpften oder besetzten Gebieten, die alles verloren haben, können sich eine Rückkehr kaum vorstellen. Wer noch ein Haus in einer ruhigeren Region hat, tut das schon eher.»
Angst vor der Rückkehr
Wladimir Sachko will auf keinen Fall zurück. Er hat Angst. Einem allfälligen Waffenstillstand oder sogar Friedensschluss würde er nicht trauen. Er liest auch keine Nachrichten. Es reicht, wenn er hört, wie seine Grossmutter russische Soldaten bekochen muss, weil sie in besetztem Gebiet lebt.
Vor dem Krieg verbrachte er seine Tage mit Lesen und Schreiben. Solange er hier war, würde er die Zeit nutzen, sagte er sich. Er nahm sich vor, seine Lieblingsbücher – Bulgakows «Der Meister und Margarita» und Cervantes’ «Don Quijote» – auf Deutsch zu lesen. So würde er die Sprache lernen.
Doch je länger der Krieg dauerte, desto ferner rückte die Heimat. Also stellte Sachko sich auf eine Zukunft in der Schweiz ein.
Vom Korrektor zum Pflegehelfer
Akribisch der Reihe nach erzählt er von seinem Werdegang. Über ein Integrationsprojekt kam er zu einem Job in der Reinigungsbranche und so in ein Alters- und Pflegeheim. «Dort sah ich, wie viele ältere Menschen Hilfe benötigen, und kam auf die Idee, in den Pflegeberuf einzusteigen», sagt er. Ganz neu war das für ihn nicht: In der Ukraine hatte er einst nach einem Unfall seine Grossmutter gepflegt.
Er erzählt von seiner Ausbildung zum Pflegehelfer, wie hart er für die Prüfungen lernte. «Er hat den ganzen Stoff Wort für Wort auf Deutsch abgeschrieben», erzählt seine Mutter. «72 von 90 Punkten habe ich erreicht», sagt er stolz. Kurz vor dem Treffen mit dem Beobachter erhielt er die Zusage für eine Stelle.
In seiner Freizeit tut Sachko das, was er am liebsten tut: lesen. Seine Lieblingsbücher hat er schon zweimal gelesen. Ein Indiz, dass er angekommen ist, ist sein Büchergestell. «In der Ukraine besass ich 90 Bücher, hier sind es schon wieder 60», sagt er verschmitzt.
Dieser Artikel wurde aus dem Magazin «Beobachter» übernommen. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.beobachter.ch
Dieser Artikel wurde aus dem Magazin «Beobachter» übernommen. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.beobachter.ch
Sachko möchte hierbleiben. Er träumt von einer Ausbildung zum Pflegefachmann. Das Hin und Her bei den Friedensgesprächen macht ihm Angst. Was, wenn er irgendwann zurückgeschickt wird?
Russische Propaganda verfängt
Die Weltlage verunsichert viele, das berichtet auch Sasha Volkov vom Ukrainischen Verein. Dazu komme, dass die russische Propaganda massiv zunehme. Und wenn Propaganda auf verunsicherte, kriegsmüde Menschen treffe, verfange sie leichter. «Leider fangen einige tatsächlich an zu glauben, dass sie in der Ukraine nicht mehr willkommen seien und dass Selenski diesen Krieg weiterführen wolle, damit er Präsident bleibt», sagt Volkov.
Einer, der Selenski nie mochte, ist Sergiy Shyryayev. «Ich habe 2019 Poroschenko gewählt», sagt er. Auch Shyryayev lernten wir vor drei Jahren in Olten kennen. Damals erzählte der Englischlehrer von seiner Flucht über Deutschland in die Schweiz. Er war überzeugt: «Ich habe schon in Argentinien gelebt und in Brasilien. Ich werde mich auch hier durchschlagen.»
Heute erreichen wir ihn per Videoanruf – in Vancouver, Kanada. Im Hintergrund ist sein Zimmer zu erahnen. Karg und zweckmässig. Eine temporäre Bleibe, kein Zuhause. Aber besser als die Flüchtlingsunterkünfte, in denen er zuvor hauste. Hier ein paar Monate, dort ein paar Monate.
Das Glück in Kanada gesucht – und nicht gefunden
Shyryayev verliess die Schweiz nach zehn Monaten. «Ich fand keinen Job und erhoffte mir in Kanada bessere Chancen», erzählt er. Doch auch dort hatte er erst nach sieben Monaten Glück. Er arbeitete als Sicherheitsmann – bis er krank wurde und den Job verlor. Inzwischen ist er genesen, aber immer noch arbeitslos.
«Ich habe mich geirrt. Ich hätte in der Schweiz bleiben sollen. Ich möchte zurück», sagt er zum Beobachter. Ob das möglich ist und was ihn erwarten würde, ist ungewiss. Shyryayev ist 64 und spricht kaum Deutsch. Aber ziemlich gut Englisch, etwas Spanisch, etwas Türkisch, ein paar Brocken Französisch und Italienisch. «Ich könnte mir vorstellen, als Concierge zu arbeiten», sagt er. Vorerst wartet er auf seine Reisepapiere, die noch bei der kanadischen Einwanderungsbehörde sind.
Auch für ihn wird es, wenn überhaupt, wohl nur ein halbes Happy End geben – ein Leben im Providurium. Nicht mehr dort, aber auch nicht ganz hier.