Vielleicht war es Schicksal, dass Monika Büttler (62) mal in einem Haus wohnen würde, das einen Blumennamen trägt – schliesslich hat sie ihr Leben lang gerne gegärtnert. Malve heisst das helle Holzhaus. Auch in ihrem Zimmer stehen Blumen. Sie sind orange und aus Plastik. «Das ist besser so», sagt Büttler. Sie würde vergessen, das Wasser zu wechseln.
Büttler ist eine zierliche Frau mit grossen, graubraunen Augen, die von einem dunkelroten Brillengestell hervorgehoben werden. Sie ist gelernte Pflegefachfrau und dreifache Mutter. An ihrer linken Hand trägt sie einen goldenen Ehering. Er erinnert sie daran, dass sie seit 38 Jahren verheiratet ist.
Erinnerungshilfen braucht Monika Büttler seit drei Jahren immer häufiger. Im Dezember 2019 bekam sie die Diagnose: Alzheimer.
Ein Dorfplatz samt Dorfbrunnen
Eine Weile lang lebte sie noch daheim mit ihrem Mann. Bis es nicht mehr ging, sie hätte rund um die Uhr Betreuung gebraucht. Seit letztem Juni ist das «Juradorf» in Wiedlisbach BE ihr Zuhause. Es ist das erste Demenzdorf der Schweiz und seit April in Betrieb. 64 Personen mit der Diagnose leben hier, in Wohngruppen von je acht Bewohnerinnen und Bewohnern. Das Besondere: Das Areal ist zwar umzäunt, aber in der kleinen Welt darin können sich die Dementen anders als in Pflegeheimen frei bewegen.
Im «Juradorf» gibt es einen kleinen Dorfplatz mit einem Brunnen, Wegweiser zur Orientierung und einen Flaniergarten mit Obstbäumen, Lavendel, Erdbeersträuchern und «Meertrübeli», wie Büttler die Johannisbeeren nennt. Auch einen Dorfladen gibt es, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner einkaufen gehen können. Überall laden Bänke zum Verweilen ein.
«Das Dorf ist ein Geschenk»
Büttlers Zimmer ist mit hellen, schlichten Holzmöbeln eingerichtet. Auf dunkelgrünen Korbsesseln in der Zimmermitte kann sie Gäste empfangen, durch das grosse Fenster in den Garten mit den Obstbäumen schauen. Eine Wand ist blassgelb gestrichen, an der anderen hängt eine Pinnwand mit Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder. «Morgen ist Mittwoch, dann kommt Ihr Mann», steht auf einem Zettel, der auf einer Kommode neben dem orangen Blumenstrauss liegt.
Daniel Büttler (61), Monika Büttlers Ehemann, erfuhr durch eine Selbsthilfegruppe vom Demenzdorf in Wiedlisbach – und meldete seine Frau sofort an. Ein klassisches Heim wäre für ihn keine Option gewesen. Das Demenzdorf sei «mit Abstand das Beste, was man haben kann», ist er überzeugt. «Man kann sich in einem geschützten Rahmen frei bewegen. Es ist ein Geschenk.»
Dreimal in der Woche besucht Büttler seine Frau. Mittwochs nach der Arbeit stattet er ihr einen Kurzbesuch ab, dann trinken sie gemeinsam Kaffee. An den Wochenenden essen sie im Heim-Restaurant, da wartet jeweils ein gedeckter Tisch auf sie. Oder sie gehen zusammen im umliegenden Wald spazieren. «Ich komme gerne hierher», sagt er. «Und du freust dich auch, gell, Moni?» Monika Büttler lächelt und nickt.
Vorbild in den Niederlanden
Das Demenzdorf wurde von Urs Lüthi (65), dem Geschäftsführer der Dahlia Oberaargau AG, ins Leben gerufen. An fünf Standorten im Oberaargau betreibt die Institution Heime für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen. Das Juradorf wurde nach dem Vorbild eines Pflegedorfs in der Nähe von Amsterdam erbaut. In einem Pilotprojekt mit zwei Testwohngruppen probierten Urs Lüthi und sein Team erst mal aus, was funktionierte – und was nicht.
Selber Waschen zum Beispiel, das funktionierte nicht: Das Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner war zu klein, und es fiel einfach zu viel Wäsche an. Darum gibts nun eine zentrale Wäscherei. Das eigenständige Kochen hingegen wurde beibehalten. «In den Wohngruppen wird selber gekocht, alle können mithelfen und werden in den Kochprozess integriert», sagt Lüthi.
Sie brauchen weniger Medikamente
Auch mit den kleineren Wohngruppen von sieben bis acht Personen habe man gute Erfahrungen gemacht. Es gebe weniger Störfaktoren, die Bewohnerinnen und Bewohner seien ruhiger. Wenn es ihnen zu viel würde, könnten sie ausweichen, rausgehen zum Beispiel. Denn: Es gibt keine Barrieren in den Wohnhäusern. Die Türen der Lifte öffnen sich mithilfe von Sensoren automatisch. Diese Freiheiten würden sich auch auf die Medikamentendosis auswirken, sagt Lüthi: «Wir haben festgestellt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner deutlich weniger Medikamente brauchen.»
Doch es gibt auch kritische Stimmen. Von einer «Scheinwelt» oder «Theäterlen» ist die Rede. Zum Beispiel, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner beim Einkaufen begleitet würden. Lüthi kontert die Kritik: «Von einer Scheinwelt kann nicht die Rede sein, wir gaukeln den Menschen nichts vor.» Das Einkaufen sei für die Menschen ein schönes Erlebnis.
Im Dorfladen gemeinsam Einkaufen
Tatsächlich findet man im Dorfladen alles, was eben in einen Dorfladen gehört. Von Quark, Käse und Joghurt bis hin zu Gewürzen, Dosenravioli und Fertigtomatensauce. Aber auch frische Früchte und Gemüse aus der Region.
Die Bewohnerinnen und Bewohner können hier für sich selbst, aber auch für das gemeinsame Essen einkaufen, an 365 Tagen im Jahr. Dabei werden sie von einer Pflegefachperson begleitet, die ihnen hilft, die Sachen auszusuchen und in den Einkaufswagen zu legen. Aber auch das Personal und die Einwohner von Wiedlisbach können hier posten.
Das Demenzdorf soll wachsen
Es ist Nachmittag im Demenzdorf. In Monika Büttlers Wohngruppe sitzen sieben Frauen und eine Pflegefachperson um einen Tisch im Gemeinschaftsraum, ebenfalls schlicht eingerichtet, an den Wänden hängen Bilder von Blumen und Tieren. Büttler rüstet ein Rüebli, schneidet es in bemerkenswert dünne Scheiben. Die anderen hacken Sellerie und Zwiebeln in kleine Stücke – zum Abendessen gibt es eine Gemüsesuppe. «Wollen Sie das Schneidbrett in die Küche bringen?», fragt die Pflegefachfrau eine Bewohnerin. Und in die Runde: «Wer will nachher einen Kaffee?»
Vier Wohngruppen gibt es momentan in Wiedlisbach, verteilt auf zwei Häuser. Es sollen aber mehr dazukommen – das Heim soll auf über 120 Plätze erweitert werden. Interessenten dürfte es genug geben: In der Schweiz leben laut Bund gegen 150'000 demenzkranke Menschen. Jährlich kommen rund 32'000 Neuerkrankungen hinzu.
Im Frühling gehts nach Farnern
Wenn das Wetter schön ist, nehmen die Büttlers den Bus nach Farnern oder den Zug nach Attiswil und laufen zu Fuss zurück. «Das machen wir gerne», sagt Monika Büttler. Ihr Mann nickt. «Das machen wir dann wieder im Frühling.» Dann werden auch die Obstbäume vor Frau Büttlers Zimmer ihre ersten Blüten tragen. Und bald darauf werden die ersten «Meertrübeli» wachsen.