Darum gehts
«Ab dem ersten Tag der Oberstufe habe ich gehört: Du musst!» Das sagt Célina in der gestrigen Ausgabe der SRF-«Rundschau». Die 17-Jährige weint nächtelang. Irgendwann wird der Druck zu gross. Ab Anfang der 9. Klasse verweigert der Teenager die Schule. Célina ist kein Einzelfall. Laut der Pro-Juventute-Jugendstudie fühlt sich ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz gestresst.
Ist unsere Hochleistungsgesellschaft schuld daran? Moritz Daum (52), Professor für Entwicklungspsychologie und Direktor des Jacobs Center an der Universität Zürich, sagt: «Das Bildungssystem gibt zwar die Rahmenbedingungen vor, doch Eltern tragen wesentlich dazu bei, ob sich ein Kind mit den Leistungsanforderungen überfordert fühlt oder nicht.»
Dialog und Vertrauen fördern
«Eine gute, vertrauensvolle Beziehung zum Kind ist das A und O, um Leistungsdruck zu reduzieren», sagt Daum. Ein Kind, das seiner Mutter und seinem Vater vertraut, hat keine Angst, offen über seine Sorgen zu sprechen. «Zu einer vertrauensvollen Beziehung gehört, dass das Kind weiss, dass es nicht mit einer Strafe rechnen muss oder weniger wert ist, nur weil es eine schlechte Note bekommt.»
Fehle diese Grundlage, könne sich das Kind zunehmend zurückziehen und nicht mehr über seine Ängste sprechen – aus Furcht vor negativen Konsequenzen. Dadurch wächst der innere Druck immer weiter. «Eltern haben dann gar keine Möglichkeit, ihr Kind zu entlasten, weil sie von seinem Kummer gar nichts wissen», so der Experte.
Erwartungshaltung beachten
«Mütter und Väter sollten nicht unterschätzen, wie stark ihre Erwartungen das Kind beeinflussen können», sagt Daum. Studien würden zeigen, dass Eltern, die ihr Kind für intelligent halten, schlechte Noten eher mit Pech erklären, anstatt sie der eigenen Verantwortung des Kindes zuzuschreiben. Umgekehrt reagieren sie überrascht, wenn ein Kind, das normalerweise in Mathe Schwierigkeiten hat, plötzlich eine gute Note schreibt – und erklären den Erfolg dann oft mit Glück.
«Das Kind übernimmt diese Haltung und schreibt seine gute Note nicht seinem Können, sondern äusseren Faktoren zu», erklärt der Experte. Das habe zur Folge, dass seine Selbstwirksamkeit – also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, bestimmte Aufgaben zu meistern und Ziele zu erreichen – darunter leide. «Wenn Eltern ihrem Kind zutrauen, erfolgreich zu sein, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich bessere Leistungen bringt.» Die Erwartungen sollten aber realistisch und nicht überambitioniert sein.
Vertrauensvorschuss geben
Wörter abfragen, Matheaufgaben kontrollieren oder das Zeitmanagement übernehmen – viele Eltern helfen ihrem Kind beim Lernen. Unterstützung sei gut, sagt Daum, doch ein Kind müsse selbst lernen, wie es eine Prüfung bestehe. «Eltern, die ihr Kind ständig kontrollieren und ihm kein Vertrauen entgegenbringen, säen Selbstzweifel.» Dadurch bestehe die Gefahr, dass das Kind keine eigene Autonomie entwickle – was sich im Umgang mit Leistungsdruck nachteilig auswirken könne.
«Eltern müssen irgendwann loslassen und ihrem Kind einen Vertrauensvorschuss geben.» Das bedeutet, ihm zu glauben, wenn es sagt: «Ich schaffe es, bis zum Ende des Semesters einen genügenden Schnitt in Mathe zu erreichen.» Laut dem Experten geht es nicht darum, das Kind völlig sich selbst zu überlassen, sondern einen Mittelweg zwischen Kontrolle und Selbstständigkeit zu finden. «Am besten setzt man sich hin und wieder mit dem Kind zusammen, um zu fragen, wie es in der Schule läuft. Dann kann man frühzeitig Unterstützung anbieten, falls es nötig ist.»
Auf Fortschritte fokussieren
«Es ist wichtig, Kinder in ihrem Lernprozess durch positive und konstruktive Rückmeldungen zu unterstützen», sagt Daum. Anstatt zu sagen, «Du bist super in Deutsch», sei es viel hilfreicher zu betonen, «Ich finde es grossartig, wie fleissig du bist und welche Fortschritte du machst». Dadurch verstehe das Kind, dass seine Erfolge auf sein Handeln zurückzuführen sind. «Umgekehrt können negative Aussagen schnell entmutigend wirken», so der Experte. Insbesondere, wenn sie pauschal formuliert seien.
«Wenn das Kind Sätze hört wie ‹Mathe ist halt nicht deine Stärke›, kann das zu einem Gefühl der Machtlosigkeit führen, weil es daran scheinbar nichts ändern kann.» Gemäss Daum wäre es konstruktiver, auf konkrete und veränderbare Aspekte hinzuweisen: «Vielleicht hast du diesmal zu wenig Hausaufgaben gemacht oder im Unterricht nicht richtig aufgepasst.» Das vermittelt dem Kind, dass es durch sein eigenes Handeln Einfluss auf seine Leistungen nehmen kann.