Darum gehts
Seine Geschichte beginnt in Dübendorf, der viertgrössten Stadt im Kanton Zürich. Dort ist Marco Bayer (52) zusammen mit dem drei Jahre jüngeren Bruder Claudio wohlbehütet aufgewachsen.
Eissport ist in der Familie Trumpf, der Vater engagiert sich beim örtlichen EHC, die Mutter ist Eiskunstlauflehrerin. Die beiden Söhne werden Hockeyprofis, Claudio als Goalie, der später für Rappi und Langnau in der NLA spielt. Marco als Stürmer, der jedoch schon früh von einem gewissen Arno Del Curto (68) zum Verteidiger umfunktioniert wird. Das ist im Jahr 1992., als Marco Bayer erstmals mit dem ZSC in Berührung kommt.
Mit 17 zieht Bayer von zu Hause aus, wechselt nach Davos. «Damals gab es noch keine Handys und Facetime. Deshalb war er dann halt einfach weg und auch nicht mehr am Familientisch», erinnert sich Bruder Claudio zurück. In Davos schliesst Marco Bayer seine Maurerlehre ab, weiter geht die Reise in Chur, wo er bei Mitspielern von damals bis heute durch seine professionelle Einstellung in Erinnerung geblieben ist. Er kriegt den Übernamen «Sommertrainings-Weltmeister». Wenn andere im Team spätabends noch um die Häuser ziehen, ist der junge Zürcher, den sie «Besche» nennen, selten dabei.
Ehrgeizig und zielstrebig
«Er war schon immer sehr ehrgeizig und zielstrebig», sagt Christian Weber (61). Der frühere Nati-Stürmer, langjährige Trainer und heutige Sportchef des EHC Winterthur kennt Bayer seit dessen Kindheit. Weber kommt wie Bayer aus Dübendorf, schon ihre Väter waren befreundet.
Bayer legt eine erfolgreiche Spielerkarriere hin, bestreitet mit der Nati zwei WM-Turniere, wird nach seiner Zeit mit dem ZSC, die auf Chur folgt, mit Kloten zweimal Meister, spielt auch für Zug, nochmals Davos, Ambri, Rappi und Langnau. «Wir haben während der ganzen Karriere tatsächlich nie im gleichen Team gespielt, sondern nur immer gegeneinander», sagt Bruder Claudio rückblickend mit einem Schmunzeln.
Meistertitel ohne Durchbruch
Nach Langnau holt ihn sein Kumpel Christian Weber und bietet ihm den Job als seinen Assistenztrainer als Anschlusslösung an, als Bayer mit 37 Jahren die Karriere beendet. «Dass er für den Trainerjob grosse Qualitäten mitbringt, hat man schon damals gesehen. Und es war von Anfang an sein Ziel, eines Tages Headcoach auf oberster Stufe zu sein», so Weber.
Doch bis es so weit kommt, muss sich Bayer, der auch ein grosser Fussballfan ist, aber nicht etwa seinem Namen getreu Bayer Leverkusen oder Bayern München unterstützt, sondern den SC Freiburg, in Geduld üben. Er geht mit Weber zu Rappi, ist später Junioren-Coach in Kloten und Bern, wo er Interimstrainer Lars Leuenberger (50) als Interimsassistenztrainer unterstützt. Gemeinsam werden sie 2016 Meister. Zum grossen Durchbruch verhilft ihm aber auch dies nicht.
Grosses Lob vom Nati-Chef
Klaglos geht er seinen Weg weiter, glaubt daran, dass seine Chance eines Tages schon noch kommen wird. «Marco hatte lange Mühe, den richtigen Job zu finden. Aber heute als ZSC-Trainer profitiert er davon, dass er stets drangeblieben ist, viel investiert hat und unterschiedliche Erfahrungen gesammelt hat», ist Weber überzeugt.
2018 wird Bayer Sportchef in Langnau, wechselt dann aber zurück ins Trainer-Business, coacht während drei Jahren die U20-Nati. Sein Vorgesetzter ist in jener Zeit Nati-Chef Lars Weibel (50). Und dieser schwärmt noch heute von Bayer: «Die Zusammenarbeit war sehr professionell, vertrauensvoll und ehrlich. Er ist enorm strukturiert und verfügt über ein breites Fachwissen. Die Entwicklung der U20-Nati unter ihm war deutlich erkennbar.» Weibel, der mit Bayer in der Saison 2000/01 zusammen beim HCD gespielt hat, schätzt den Vater von drei erwachsenen Kindern auch als Privatperson: «Nach getaner Arbeit kann er auch mal loslassen, Marco verfügt über einen feinen Humor.»
Die Freude des Bruders
Weibel bedauerte es einerseits, als er Bayer 2023 zu den GCK Lions weiterziehen lassen muss. Aber freute sich gleichzeitig auch darüber, dass dieser dem Schweizer Eishockey in einer wichtigen Funktion erhalten bleibt. Und noch grösser war Weibels Freude, als Bayer an Weihnachten zum neuen Headcoach der ZSC Lions ernannt wird: «Marco hat sich das wirklich verdient.» Das sieht auch Weber so: «Ich mag es ihm von Herzen gönnen. Marcos Durchhaltewille ist auch ein wichtiges Zeichen für alle Schweizer Trainer.»
Beeindruckt von seinem älteren Bruder ist auch Claudio Bayer, der heute in der Privatwirtschaft tätig ist, aber als Verwaltungsrat bei den SCRJ Lakers auch noch mit dem Hockey verbunden ist: «Dadurch sehe ich ja auch, wie schwer es gerade für einen Schweizer Trainer ist, auf höchstem Niveau eine Chance zu erhalten. Diese Jobs sind sehr gefragt und rar.» Dass es nun endlich geklappt, freut ihn: «Es ist das, was Marco immer wollte.»
Souveräner Playoff-Auftritt
Dass dieser im Februar mit der Champions League sogleich einen ersten Titel gewinnen konnte, hat seine Akzeptanz in der öffentlichen Wahrnehmung gestärkt. In den Playoffs sieht man bis jetzt einen souverän auftretenden Marco Bayer, der einen klaren Plan hat, aktiv coacht, aber gleichzeitig auch Gelassenheit ausstrahlt.
Ob er nächste Saison ZSC-Trainer bleiben wird oder zu den GCK Lions zurückgehen wird, ob ihm das Management auch langfristig zutraut, die ZSC-Stars im Griff zu haben, wird man nach den Playoffs erfahren. Aber allzu schlecht dürften Bayers Chancen nicht stehen, und mit jedem weiteren Sieg steigen sie noch weiter.