Auf einen Blick
Walter Engler erzählt dem «Beobachter» seine Geschichte, weil ihm der Steuerbeamte an seinem Wohnort dazu geraten hat. Er solle den Fall öffentlich machen: «Als Warnung für andere.»
Der 70-jährige Engler lebt in einer Thurgauer Gemeinde und will nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Denn er schämt sich für seine «wohl grösste Dummheit», wie er einräumt. Der gross gewachsene, sportliche Mann ist ein zurückhaltender Typ. Es fällt ihm nicht leicht, über seine Erfahrungen zu reden: «Da kommt alles wieder hoch. Und ich verstehe selber nicht, wie ich so etwas tun konnte.» Mit «so etwas» meint er: seine gesamte Altersvorsorge verzockt zu haben.
360'000 Franken auf einen Schlag bezogen
Walter Engler lebt seit über 20 Jahren allein, hat keine Kinder und war bis zur Pensionierung mit 65 Abteilungsleiter eines Industriebetriebs. Damals fragte er sich, ob er die Rente seiner Pensionskasse oder das Kapital von rund 360'000 Franken beziehen sollte. Er entschied sich fürs Kapital.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Wie Tausende andere auch. 2023 gab es in der Schweiz erstmals mehr Pensionierte, die ihr ganzes Geld aus der zweiten Säule nahmen, als solche, die sich für eine Rente entschieden. 41 Prozent bezogen ihr angespartes Alterskapital, noch 40 Prozent setzten auf die Rente. Der Rest wählte eine Mischform.
Warum bezog Engler alles Geld auf einen Schlag? Er rechnet vor: Von der AHV bekommt er 27'000 Franken pro Jahr, dazu wären von der Pensionskassenrente noch etwa 21'000 Franken gekommen. «Das erschien mir zu knapp.» Denn er wisse ja nicht, wie alt er werde, und wenn er früh sterbe, behalte die Kasse den Rest für sich.
Nach einem Börsentaucher kamen die Sorgen
Zusammen mit Angespartem lagen nun 400'000 Franken auf Englers Konto bei der Postfinance. Sein Berater legte ihm den Kauf von Anlagefonds nahe. Er müsse doch «etwas aus seinem Geld machen», habe er ihm gesagt, so Engler. Ein guter Ratschlag – der für ihn heute eine bittere Note hat. Zwei Jahre lang entwickelten sich die Fonds positiv. Doch dann korrigierten die Finanzmärkte stark, und die Anlagen verloren etwa 20'000 Franken gegenüber dem Einstiegspreis.
Der Pensionierte sorgte sich um seine Alterssicherung. Er liess sich auch von seinem Postfinance-Berater nicht beruhigen, der ihm zur Geduld riet. Tatsächlich erholten sich die Kurse in den Folgejahren; doch davon hatte Engler nichts mehr: 2022 hatte er seine Anlagen mit Verlust verkauft, er wollte sich in Zukunft selber um sein Geld kümmern.
In dieser Rolle wird Walter Engler zum Akteur, in dem er sich im Rückblick selber nicht mehr wiedererkennt. Der Rentner wird anfällig für die Verlockung angeblich hoher Renditen. Ende 2022 stösst er im Internet auf Inserate, die lukrative Geschäfte mit der Kryptowährung Bitcoin versprechen. Dabei muss Engler auch seine Handynummer angegeben haben – er weiss heute nicht mehr, wann und wo.
Jedenfalls dauert es nicht lange, bis sich via Whatsapp ein Mann meldet, der sich als Broker der Firma CT Matador ausgibt. Er ködert den Pensionär mit einem ersten Investment von 2500 Franken und verspricht raschen Gewinn. Der Broker behauptet, er handle über die Plattform Crypto.com – bekannt als Sponsor von Sportanlässen wie der Champions League. Dort würden Englers Bitcoins hinterlegt.
Dass der Mann aus dem Thurgau sein Geld an eine polnische Bank überweisen soll und selber keinen direkten Zugriff auf Crypto.com hat, nimmt er in Kauf. Erst als der Broker in aggressivem Ton weitere 20'000 Franken verlangt, wird dem unerfahrenen Anleger unwohl. Engler bricht den Kontakt ab.
Vom Broker umgarnt
Eigentlich sollte das Bitcoin-Abenteuer damit beendet sein. Doch CT Matador lässt ihn nicht vom Haken. Diesmal meldet sich ein «Albert Hellmann», und der Ton ist nun ganz anders. Der neue Broker seift Engler mit seiner gewinnenden Art ein, er betont, wie erfolgreich seine Firma mit Niederlassungen in London, Basel und Singapur sei. «Der Mann schien mir seriöser», sagt Engler. Er setzt sich eine letzte Limite von 50'000 Franken. «Mehr wollte ich nicht riskieren.»
Aber nun geht es erst richtig los. Ein Tool wird für ihn auf der Website von CT Matador eingerichtet, mit dem er angeblich sein Konto kontrollieren kann. Mit jeder Einzahlung, nun über ein Finanzinstitut in Litauen, wächst Englers Bitcoin-Bestand – zumindest im Tool, denn plötzlich gibt es Zahlen, die vermeintlich positiv aussehen. Deshalb schlägt Engler die Warnung in den Wind, als Postfinance ihn per Mail anfragt, ob er diese Überweisungen tatsächlich tätigen wolle.
Immer weitere Forderungen
Sein charmanter Broker legt nun noch einen Zacken zu: CT Matador investiere selber 60'000 Euro, wenn Engler dieselbe Summe überweise, heisst es. So könne man besser mit dem Geld arbeiten und die Renditechancen erhöhen. Prompt bricht Engler seine eigene Limite und überweist das Geld. Zwei Wochen später fordert der Broker nochmals 50'000 Euro.
Endlich läuten bei Engler die Alarmglocken. Er will zuerst etwas von dem Geld sehen, bevor er weiter investiert. Doch längst ist er die Fliege im Spinnennetz. Broker «Hellmann» gibt sich verständnisvoll, verlangt aber erst 50'000 Euro, um fällige Steuern zu zahlen. Davon war zuvor nie die Rede, doch Engler will jetzt nur noch raus aus der Bitcoin-Nummer. Er rechnet unter dem Strich mit einem Verlust von 20'000 Euro und zahlt. Doch statt Geld kommen weitere Forderungen über total 78'000 Euro. Diesmal, um seine Kreditwürdigkeit zu beweisen und zu belegen, dass er kein Geldwäscher sei. Weitere 56'000 Euro werden für eine angebliche Versicherung fällig.
«Von da an war es nur noch die Angst, die mich zum Weitermachen trieb», sagt Walter Engler heute. Und natürlich auch der Gedanke, Betrügern aufgesessen zu sein – was die Leute von CT Matador immer verneint hätten.
Erst als für die «Eröffnung eines Geschäftskontos in Singapur» umgerechnet 69'000 Franken verlangt werden, zieht der abgezockte Rentner die Reissleine – schon über 300’000 Franken hat er zu diesem Zeitpunkt überwiesen.
Die Firma ist unauffindbar
Engler fordert von CT Matador sein Geld zurück. Doch weder die Homepage noch seine Broker sind nun für ihn erreichbar – und trotz zahlreichen Versuchen auch für den «Beobachter» nicht. Sämtliche Geschäftsadressen der Firma sind offenbar ein Fake, eingeschriebene Briefe kommen als unzustellbar zurück.
Seit Ende 2022 steht die Firma auf der Warnliste der Aufsichtsbehörde Finma. Auch die spanischen Behörden und weitere Regulatoren warnen. Die Kryptoschwindler sind abgetaucht, es ist unwahrscheinlich, dass sie unter richtigen Namen agierten. Zuletzt wurde eine Wind Holdings Ltd. auf der Karibikinsel St. Vincent als Betreiberin der CT Matador genannt.
Als Engler auf dem Polizeiposten Anzeige erstatten will, schüttelt der Beamte nur den Kopf. Das bringe gar nichts. Gleichzeitig lassen die Betrüger nicht locker, ihr Opfer hat ja noch ein paar Tausend Franken auf dem Konto. Mit einer weiteren Fakemail unter Noreplycrypto.info wird Engler vorgegaukelt, ihm stünden 488'584 Euro zu – falls er 10'000 Euro als «Sicherheitsleistung» überweise. In seiner Not riskiert er nochmals 5000 Euro. Antwort: Die Mittel seien eingefroren, bis er die zweite Hälfte zahle.
Engler bittet einen befreundeten Treuhänder um Hilfe, beichtet ihm seine Dummheit: «Ich habe mich so geschämt. Ich wusste nicht mehr weiter. Allein mit meiner AHV-Rente reicht es finanziell hinten und vorn nicht.»
Die Justiz ist meist überfordert
Der Treuhänder besteht auf einer Strafanzeige gegen unbekannt. Ob die zuständige Thurgauer Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnet, ist jedoch ungewiss. Und selbst dann ist die Chance gering, dass Engler je wieder etwas von seinem Geld sieht. Bei dreisten und – wie in diesem Fall – international übers Internet agierenden Finanzbetrügern ist die Justiz meist überfordert.
Das Kryptoabenteuer kommt Walter Engler mehrfach teuer zu stehen. Seine Anträge auf Prämienverbilligung bei der Krankenkasse und auf Ergänzungsleistungen werden abgelehnt.
Er braucht Geld von Schwester und Treuhänder
Im Entscheid gegen Englers Einsprache geht die kantonale Ausgleichskasse von einem Vermögensverzicht von knapp 320'000 Franken aus und rechnet ihm diese nach wie vor als Reinvermögen an. Begründung: Er habe grob fahrlässig gehandelt. Investitionen in Kryptowährungen seien hoch riskant. Zitiert wird ein Bundesgerichtsurteil zu einem ähnlich gelagerten Fall, wonach «kein vernünftiger Mensch eine solche Anlage getätigt hätte».
Letztes Jahr kam Engler nur dank Unterstützung seiner Schwester und des Treuhänders knapp über die Runden. Das Auto hat er abgegeben, Ferien, Essen im Restaurant oder andere Extras liegen nicht mehr drin. Das Fitnessabo lässt er auslaufen. Ob er sein SBB-Halbtaxabo verlängern kann, weiss er noch nicht: «Wenn ich unter Leuten bin, muss ich ihnen etwas vorspielen. Das tut weh.»
Der Steuersekretär lässt Gnade walten
Kürzlich war er auf dem Sozialamt seiner Gemeinde. Dort hiess es, die Miete von 1150 Franken sei zu hoch. «Doch wenn ich eine billigere Wohnung nehme, falle ich mit meiner AHV-Rente unter die Schwelle, wo es noch Unterstützung gibt», sagt er. Er weiss, dass er den Gürtel nun sehr eng schnallen muss.
Ursprünglich hätte er für seine fiktiven Bitcoins auch noch Vermögenssteuern zahlen sollen. Doch der Steuersekretär der Gemeinde hatte ein Einsehen und korrigierte die Rechnung. Es gebe leider noch weitere Fälle wie seinen – mit noch höheren Verlusten. Für Walter Engler ist das kein Trost.
Quellen
- Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma: Warnliste
- Einspracheentscheid Sozialversicherungsanstalt Thurgau zu EL
- Entscheid Bundesgericht Vermögensverzicht (Urteil 9C_904/2011)
- Ablehnung Antrag auf individuelle Prämienverbilligungen
- Ablehnungsentscheid wirtschaftliche Sozialhilfe
- Strafanzeige gegen unbekannt Staatsanwaltschaft Bischofszell
- Banküberweisungen Postfinance an Brokerfirmen
- Mailverkehr Walter Engler mit CT Matador
- Einschreiben Walter Engler an CT Matador