Darum gehts
- Petrus 1971: Verkaufen, trinken oder als Souvenir hinterlassen? Leser fragt Blick
- Besitzer erzählt Geschichte hinter der Flasche und seiner Weinleidenschaft
- Für 2000 Franken würde er die Flasche nicht verkaufen, sondern mit Kollegen trinken
Hunderte Weinfragen erreichen Blick jedes Jahr. Daraus picken wir einzelne besonders spannende heraus und schreiben darüber. Manche Anfragen stechen sofort ins Auge – so auch jene von P.M. (Name der Redaktion bekannt): «Petrus 1971 trinken mit Kennern oder im Keller vergessen für Nachkommen, die lieber jüngeren Wein trinken.»
Diese Nachricht lässt aus mehreren Gründen aufhorchen. Petrus gehört zu den begehrtesten und teuersten Bordeaux-Weinen überhaupt. Der Jahrgang 1971 gilt zudem als besonders gelungen für dieses Spitzenweingut. Ich nehme deshalb Kontakt mit unserem Blick-Leser auf, bitte um Bilder der Flasche sowie weitere Informationen.
Petrus 1971 auf dem Küchentisch
«Ich habe ab den frühen 70er-Jahren regelmässig Bordeaux-Weine subskribiert. Mein Petrus 1971 ist eine meiner letzten drei Weinflaschen im Keller, allesamt aus dem letzten Jahrhundert. Anstatt den Wein zu verkaufen, möchte ich ihn eher trinken oder als Souvenir meiner Familie hinterlassen», schreibt uns P.M. Inzwischen interessiert mich nicht mehr nur die Flasche – sondern auch der Mensch dahinter. Wir verabreden uns deshalb zu einem persönlichen Besuch.
Hoch über dem Zürichsee empfängt mich der bald 90-jährige Petrus-Besitzer gemeinsam mit seiner Ehefrau. Die besagte Flasche Petrus 1971 steht bereits auf dem Küchentisch. P.M. erzählt, dass er sie einst geschenkt bekommen habe. Früher habe er oft zusammen mit ein paar Kollegen – einem kleinen Weinclub – im Restaurant eines befreundeten Weinliebhabers zu Abend gegessen und dabei gute Bordeaux-Weine getrunken. «Heute trinken wir jüngere Weine aus verschiedenen Regionen, auch Schweizer Weine vom Zürichsee und Wallis.»
In einem alten Bundesordner zeigt mir P.M. Quittungen aus den 70er-Jahren. Château Margaux Premier Grand Cru Classé für 41 Franken – das waren noch Zeiten! Heute kostet der aktuelle Jahrgang 2023 rund 450 Franken pro 0,75-Liter-Flasche im Subskriptionsverkauf – mehr als das Zehnfache. Die alten Belege sind wie eine Reise in eine Zeit, in der selbst die renommiertesten Bordeaux-Güter noch erschwinglich waren.
1971 auch Hochzeitsjahrgang
Zurück zum Petrus 1971. Wie ich erfahre, haben P.M. und seine Frau im selben Jahr geheiratet – vielleicht ein weiterer Grund, warum die Flasche bis heute weder geöffnet noch verkauft wurde. Im Internet habe er sich bereits informiert: «Ein Schweizer Händler bietet dieselbe Flasche an für 3300 Franken.» Zwar ist P.M.s Flasche in einem schönen Zustand, doch Füllstand und Etikette weisen kleinere Mängel auf.
Als ich ihm sage, dass er bei einem Verkauf an einen Händler zurzeit mit etwa 2000 Franken rechnen könne, winkt er ab: «Also dann trinke ich die Flasche lieber selber.» Auf seinen Lieblings-Bordeaux angesprochen, schwärmt P.M. von Château Lynch-Bages. Vor rund drei Monaten habe er auch einen Château Margaux genossen. Und von allen Premier Grand Cru Classés gefalle ihm Mouton Rothschild am wenigsten gut.
Ob und von wem die legendäre Flasche Petrus 1971 jemals entkorkt wird, bleibt also offen. Doch eines ist klar: Für P.M. ist der Wein längst mehr als ein flüssiger Wertgegenstand – er ist ein Stück gelebte Geschichte, voller Erinnerungen und Emotionen.