WM-Schauplatz San Francisco
Die Hauptstadt der Zukunft tötet im Akkord

Die Schweiz spielt ihr erstes WM-Spiel gegen Katar in San Francisco – in einer Stadt, wo Utopie und Dystopie Tür an Tür existieren. Wo KI-Pioniere die Welt verändern und Fentanyl Menschen dahinrafft.
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Foto: © Stefan Falke
WM-Stadt San Francisco: Zwischen KI-Boom und Fentanyl
Von Peter Hossli (Text) und Stefan Falke (Fotos) aus San Francisco

An der Ecke Mina Street und Sixth Street liegt ein Mann auf dem Asphalt. Zwei Frauen beugen sich über ihn, tasten seinen Puls und schlagen ihm ins Gesicht. Er rührt sich nicht. Niemand hilft. Kein Passant bleibt stehen.

Für sie ist es kein Notfall. Es ist Alltag.

Schliesslich fährt ein Feuerwehrwagen vor. Sanitäter springen heraus, streifen Handschuhe über, beatmen den Mann mit Sauerstoff. Eine zugedröhnte Frau lacht. Eine andere trottet davon. Ein Ladenbesitzer erklärt das Desinteresse: «Das sehen wir hier jeden Tag.»

Während die Sanitäter den Mann auf eine Trage hieven, gleiten zwei weisse Robotertaxis vorbei. Fahrerlos und beinahe lautlos.

Willkommen in San Francisco, der Hauptstadt der Zukunft, die im Akkord tötet. Und wo die Schweiz am Samstag ihr WM-Spiel gegen Katar bestreitet.

621 Menschen starben 2025 hier an einer Überdosis, die meisten an Fentanyl. Seit das synthetische Opioid auftauchte, hat es in San Francisco mehr als 3000 Leben gefordert, mehr als Covid-19, Morde und Verkehrsunfälle zusammen.

Gleichzeitig zählt die Bay Area 82 Milliardäre. Apple, Nvidia, Alphabet, Meta, OpenAI und Netflix sind hier. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen 70 Prozent des Vermögens. Eine durchschnittliche Wohnung kostet 1,4 Millionen Dollar. Waymo schickt 800 bis 1000 fahrerlose Wagen durch die Stadt: Die weissen Jaguare gleiten durch dieselben Strassen, in denen Menschen Fentanyl auf Aluminiumfolie rauchen.

Jason Finau, klinischer Sozialarbeiter und Direktor der Anlaufstelle Glide Memorial im Tenderloin-Quartier, sagt, was viele denken: «Dieser Widerspruch quält mich jeden Tag.» Drei oder vier Blocks weiter sässen die Angestellten von OpenAI, Linkedin und Anthropic an ihren Bildschirmen. Bei ihm im Quartier lägen Menschen ohne Zuhause.

Utopie und Dystopie begegnen sich Tür an Tür.

Hauptstadt der Optimisten

Südlich der Innenstadt liegt Mission Bay. Es wirkt, als sei Dubai in Amerika gelandet: Glas, Stahl, Palmen, saubere Strassen, Türme ohne Logos. Firmen entstehen, beziehen Bürofläche, wachsen zum Erfolg – oder scheitern. Dann zieht die nächste ein.

Junge Menschen flanieren in Shorts über verkehrsfreie Wege. Gehälter schiessen in die Höhe. Praktisch jeder, der hier arbeitet, ist Millionär. Geht ein Start-up an die Börse, kassieren die Angestellten mit. Die Lösung lautet 9-9-6: arbeiten von neun bis neun, sechs Tage die Woche.

Foto: Stefan Falke

Daniel Yanisse gehört dazu, auch wenn er selbst nicht mehr codet. Er führt Checkr, eine Firma, die Hintergrundüberprüfungen automatisiert. 2014 gegründet, zehn Jahre später ein Koloss mit 800 Millionen Dollar Umsatz, über 100’000 Kunden, 1600 Angestellte. Investoren bewerten Checkr mit 4,6 Milliarden Dollar. Uber, Netflix und Home Depot prüfen ihr Personal über Yanisses Plattform.

Yanisse (37) kam in Frankreich zur Welt. Er studierte Mikrotechnik an der EPFL in der Schweiz und baute bei der Nasa Prototypen für den Mars-Rover. «Ich bin fast Schweizer», sagt er. «Franzose und Amerikaner. Aber ich habe fünf Jahre in Lausanne gelebt.»

Damit zählt er zu jenen Talenten, die die Schweiz ausbildete – und verlor. Er ging nach San Francisco, «weil das der beste Ort der Welt ist, um ein Tech-Unternehmen zu gründen – das war vor 15 Jahren so, als ich kam, und das gilt bis heute». KI entstand hier, zuvor das Internet und der Computer. «Hier wirkt ein unglaubliches Ökosystem aus Talenten, Innovation, Menschen und Geschichte.»

Dazu komme der amerikanische Markt: der grösste der Welt, der am wenigsten regulierte, der einfachste für neue Geschäfte. «In den USA beschafft man Risikokapital leichter als irgendwo sonst. Verrückte Ideen und verrückte Gründer erhalten eine Chance.»

Über die Schweiz fällt Yanisse ein Urteil, das höflich klingt, aber präzise trifft. «In der Schweiz lebt man ziemlich komfortabel. Ein fantastisches Land. Soziale Sicherheit, Wohlstand.» Er pausiert. «Das treibt Kinder wohl nicht gerade dazu an, etwas Riskantes zu wagen. Warum ein Risiko eingehen, wenn ohnehin alles ziemlich gut läuft?» San Francisco, sagt er, versammle «überwiegend optimistische Menschen, die Technologie einsetzen wollen, um Gutes zu tun».

Szenen einer Apokalypse

Das ist nicht überall zu spüren. Ein paar Hundert Meter entfernt, vor dem Riviera Hotel an der Jones Street, prangt ein Wandgemälde zu Ehren der Helfer während der Pandemie. Darunter hocken gut zwanzig Süchtige, einige in Rollstühlen, andere am Boden. Es riecht nach Urin und Männerschweiss. Ein Mann fuchtelt mit einem Schirm. Sie reichen sich die Crackpfeife. Bewusstlose liegen auf dem Asphalt. Jemand stösst sie an. «Lebst du noch?» – «Ja, ich lebe noch.»

Freiwillige Pflegekräfte des UCSF Medical Center ziehen in Zusammenarbeit mit Glide durchs Tenderloin-Quartier von San Francisco und bieten Bedürftigen medizinische Hilfe an. Glide unterstützt Arme, Obdachlose und Randständige mit Mahlzeiten, Gesundheitsversorgung und weiteren Hilfsangeboten.
Foto: © Stefan Falke

Es sind Szenen einer Apokalypse, wie man sie in Amerika selten sieht. Eine Frau sammelt Aluminiumdosen, fünf Cents pro Stück. Am Strassenrand sitzen zwei Männer in Rollstühlen, dünn, ausgemergelt. Ihre Zuneigung zeigen sie, indem sie sich gegenseitig den Schuss setzen.

An der Kreuzung Golden Gate Avenue, Market Street und Taylor Street zeigt sich das Gegenstück des High-Tech-San-Francisco. Verhutzelte Gestalten schleichen über die Strasse, viele ziehen Wagen mit Habseligkeiten hinter sich her. Vor allem Männer zwischen vierzig und fünfzig, viele davon schwarz. Ab und zu rollt ein Polizeiwagen durch. Die Beamten lassen die Menschen gewähren.

In jüngster Zeit tauchen neue Gefahren auf. Nichtopioide Sedativa wie Medetomidin und Xylazin – in der Szene «Tranq» genannt – treiben die Zahl der Todesfälle hoch. Zudem rauchen immer mehr Süchtige Fentanyl. An sich ist das weniger gefährlich. Doch Pfeifen und Folien wandern von Hand zu Hand. Wer wenig Opioid-Toleranz mitbringt, gerät in Lebensgefahr.

Hilfe ohne Bedingungen

Glide Memorial ist in einer alten Kirche untergebracht. Die Organisation gilt als wichtigste Anlaufstelle für Obdachlose und Drogensüchtige im Quartier. Lauren Etchingham trifft jeden Morgen um halb neun ein. Sie wohnt den Hügel hinauf in Nob Hill. Früher lebte die 33-Jährige selbst im Tenderloin auf der Strasse und war drogenabhängig. Heute leitet sie die Spritzenausgabe von Glide. «Meine eigene Geschichte hat mich hierhergeführt», sagt sie.

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Wie oft sie selbst eine Überdosis erlitt, weiss sie nicht mehr. «Meistens wegen Fentanyl.»

Montags, dienstags, donnerstags und freitags öffnet Etchingham von 9 bis 13 Uhr den sogenannten SAS-Pod, einen verschliessbaren Kasten mit Materialien: Spritzen, Wundversorgung und Produkte für sexuelle Gesundheit. Zwischen 60 und 230 Menschen erscheinen pro Tag, an hektischen Tagen gegen 250.

Die Philosophie bei Glide trägt einen Namen: «Harm Reduction», Schadensminimierung. Kein moralischer Zeigefinger, keine strikte Forderung nach Abstinenz. «Wer hierherkommt, signalisiert ja gerade, dass ihm seine Gesundheit wichtig genug ist», sagt Etchingham. «Wir begrenzen den Schaden, vermitteln Dienste und helfen, Überdosen zu verhindern.»

Ihre eigene Vergangenheit hilft ihr im Umgang mit den Klienten. «Das Vertrauen entsteht schneller, weil ich weiss, wie es sich anfühlt.» Sie arbeitet oft mit Narcan – dem Markennamen für das Medikament Naloxon. Das Nasenspray hilft, eine Überdosis zu überleben. Wegen Narcan seien die Überdosen in San Francisco zurückgegangen, erklärt Etchingham.

An einer Wand im obersten Stockwerk der Kirche hängen Fotos von Menschen, die einer Überdosis erlagen: Klienten, Mitarbeiter, Freunde. Etchingham deutet auf zwei Flyer. «Das war ein Freund aus Kindertagen. Und das ein Kollege, der vor etwa einem Jahr starb.»

Seit acht Monaten leitet Jason Finau (47) Glide. Er setzt auf einen radikal niederschwelligen Zugang. «Wir verlangen keinen Ausweis. Wir verlangen keinen legalen Aufenthaltsstatus. Sie müssen einfach nur Mensch sein.»

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Wo San Francisco im Jahr 2026 stehe? «Irgendwo in einer Grauzone», sagt Finau. «Es fühlt sich an wie ein entscheidender Moment.» Die Zahl der Überdosen sinkt kaum. Aber die Zahl geretteter Leben schnellt nach oben – dank Narcan.

Eine politische Verschiebung beunruhigt Finau. Die Stadt rückt ab von der Schadensminimierung – dem Ansatz, der seit der Aids-Epidemie der Achtzigerjahre galt – und schwenkt um auf abstinenzorientierte Programme. «Wer Abstinenz zur einzigen Option erklärt, setzt diese Menschen dem Scheitern aus», sagt Finau. «Was geschieht mit jemandem in einer abstinenzorientierten Einrichtung, der rückfällig wird? Er verliert seinen Platz. Und wohin geht er dann?» Abstinenz, sagt er, sei ein Werkzeug unter vielen. Es dürfe nicht das einzige bleiben.

Jeff steht vor dem Eingang von Glide Memorial. Der 46-Jährige lacht und zeigt dabei seine schlechten Zähne. Er kam in Indiana zur Welt und wuchs in Nordkalifornien auf. Als sein Vater starb, zog er nach San Francisco.

Jeff ist obdachlos und spritzt sich Drogen. Er sagt das ohne Scham. Bei Glide holt er sich saubere Spritzen, warme Kompressen und Handwärmer für die Nacht. «Sie bewahren mich davor, Krankheiten und Infektionen zu bekommen.» Auch bei der Wohnungssuche helfen sie. «Sie behandeln dich mit Liebe und Respekt.»

«Sie behandeln dich mit Liebe und Respekt»: Jeff (46) sucht regelmässig Hilfe bei Glide im Tenderloin.
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San Francisco ist für Jeff Segen und Bedrohung zugleich. Er wurde schon niedergestochen. Viele Menschen hier, sagt er, sollten eingesperrt werden, weil sie eine Gefahr darstellen. Trotzdem bleibt er. «Jedes Mal, wenn ich gerade gehen will, treffe ich Leute, die nett sind. Wenn man über all die Dunkelheit hinwegsehen kann, ist es ein wirklich wunderbarer Ort.»

Recovery First

San Franciscos neuer Bürgermeister Daniel Lurie (49) sagt der Fentanyl-Krise den Kampf an. Im Februar 2025 erklärte der Stadtrat mit 10 zu 1 Stimmen den Fentanyl-Notstand. Der Demokrat nennt seinen Ansatz «Recovery First» – Genesung zuerst. Damit bricht er mit der Tradition der «Harm Reduction», bei der die Stadt Drogenutensilien kostenlos verteilte.

Wer saubere Nadeln oder Folien verlangt, muss sich neuerdings beraten lassen. Die Stadt hat drogenfreie Übergangswohnungen aufgegleist und 600 Behandlungsbetten geschaffen. Im Februar 2026 unterzeichnete Lurie das Gesetz für ein Ausnüchterungszentrum als Alternative zum Gefängnis. «Wer auf unseren Strassen Drogen nimmt, den verhaften wir», sagte Lurie. «Aber wir geben Süchtigen eine echte Chance, sich für die Genesung zu entscheiden.»

Kritiker fürchten ein verkapptes Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft der Stadt warnte vor einem «sehr hohen Rechtsrisiko». Dennoch: Luries Zustimmungsrate erreicht 73 Prozent. Die Kriminalität sank 2025 um rund 25 Prozent. Zwischen Mai 2023 und November 2025 beschlagnahmte die Polizei mehr als 155 Kilogramm Fentanyl.

Sophie Lamparter (46) aus Zürich lebt seit 15 Jahren in San Francisco. Heute investiert sie in Klimatechnologie. «Ich habe mich verliebt in den Optimismus von San Francisco», sagt sie. «Neue Sachen ausprobieren, Risiken eingehen, gross denken. Diesen Drive mag ich mega.»

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Lamparter kennt die Mechanik des Silicon Valley. Von 20 bis 30 Beteiligungen liefern ein, zwei den Gewinn. Der Rest verschwindet als Abschreiber. «In der Schweiz schliefe niemand gut bei 17 Verlierern», sagt sie. «Dieser Sicherheits- und Präzisionsgedanke sitzt tief drin. Das verträgt sich nicht mit Innovation und Wagnis.»

Bei der Drogenpolitik schlägt ist sie kritisch. «Wir haben das in den Neunzigern in Zürich geschafft, mit einer kontrollierten Legalisierung, und nur damit. Hier will man das einfach nicht.»

San Francisco habe einmal ein Fixerstübli nach Zürcher Vorbild eröffnet, im Civic Center. Eine offene Drogenszene sei drumherum entstanden. «Dann hiess es: Oh, project failed. Machen wir es zu.» Innovation im öffentlichen Sektor, sagt Lamparter, schaffe San Francisco nicht.

Ihre Investmentthese formt sie aus einer historischen Anekdote. «Weisst du, wer beim Goldrausch das Geld verdiente? Die Schaufelverkäufer.» Lamparter investiert nicht in die Goldgräber. Sie verkauft Schaufeln. «Die Goldgräber versaufen es», sagt sie. «Reich werden nur die Ersten, die ankommen.»

Tür an Tür

Jonas Brunschwig steht am Pier 17 in San Francisco, bis vor kurzem der Sitz des Schweizer Generalkonsulats, und blickt über die Bucht. Seit neun Monaten amtet er hier. Davor verbrachte er vier Jahre in Indien und elf Jahre in Boston. Er kennt die Welt und die USA. Doch San Francisco spiele in einer anderen Liga. «Hier baut man die ganze Zukunft komplett neu mit. Keine andere Stadt strahlt dieses Ethos aus», sagt er. «Für die, die hier leben, fühlt es sich an wie das Zentrum des Universums – nicht aus Ego, sondern weil das neue Universum gerade hier entsteht.»

«Hier hat man OpenAI und Anthropic, und zehn Minuten zu Fuss weiter sterben Leute»: Jonas Brunschwig, Schweizer Generalkonsul in San Francisco
Foto: © Stefan Falke

Der Parallelwelt vor der eigenen Tür ist er sich bewusst. «Ich finde es recht krass: Man hat OpenAI und Anthropic, und zehn Minuten zu Fuss weiter sterben Leute.»

Brunschwigs persönliche Lehre aus San Francisco fasst zusammen, was es braucht, um diese Stadt zu begreifen. «Man muss damit umgehen können, dass widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig nebeneinander bestehen. Man muss in einem Szenario operieren, wo etwas wahr ist – und das Gegenteil gleichzeitig auch.»

«Wir haben das Lotterieticket gewonnen»
2:19
Brunschwig über WM in den USA:«Wir haben das Lotterieticket gewonnen»

Dass die Maschine weiterläuft, zeigt Nicola Staub (33), früher Staatsanwalt im Kanton Schwyz. Er jagt heute von San Francisco aus mit KI-Bots Online-Betrüger auf der ganzen Welt. Seine Firma heisst Cybera, gegründet mit seinem Zwillingsbruder Claudio.

Anstoss gab ein Fall als Staatsanwalt. Eine Frau, auf Tinder verliebt, verlor ihr Erspartes an einen Romance-Scammer. Niemand wusste, wie er helfen sollte. Der Fall landete in der Schublade. «Da begriff ich die Dimension direkt.»

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Routine im Tenderloin-Quartier in San Francisco: Sanitäter retten auf dem Trottoir einen Mann, der eine Überdosis erlitten hat.
Foto: © Stefan Falke

Cybera setzt KI-Agenten gegen Betrüger ein. Die Bots geben sich als Opfer aus, locken Kriminelle in die Falle, entlocken ihnen Bankdaten – damit Banken Geld blockieren, bevor es gestohlen wird. «Wir wollen den Kriminellen das Geschäftsmodell zerstören», sagt Staub. «Wenn wir es unprofitabel machen, hören sie auf.»

Den entscheidenden Schub gab amerikanisches Wagniskapital. «Hätten wir das in der Schweiz aufgezogen, gäbe es die Firma nicht mehr», sagt Staub. «Die Risikofreudigen kamen alle aus den USA. Das bleibt der Riesenvorteil dieses Landes.»

Mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter wohnt Staub am Alamo Square. Dort sei San Francisco eine andere Stadt. «Bei uns kommt es einem manchmal vor wie auf dem Land. Enorm ruhig. Das Problem mit den Obdachlosen und den Drogen – bei uns ist es wirklich null.» Die Natur sei «omnipräsent», die Lebensqualität enorm. «Das Einzige sind die Preise. Meine Frau hat einen Matcha Latte bestellt – 9.20 Dollar.»

Während Staub seine Firma hochzieht, bereitet sich die Stadt auf den grossen Auftritt vor. 2026 empfängt die Bay Area Spiele der Fussball-Weltmeisterschaft. Die Schweiz spielt im San Francisco Bay Area Stadium gegen Katar.

Bürgermeister Lurie will Berichte über den Wiederaufstieg – nicht über drogenverseuchte Bürgersteige. Im Tenderloin hoffen Anwohner und Ladenbesitzer, 2026 markiere die Wende und Little Saigon, das vietnamesische Viertel, lebe wieder auf.

Freiwillige unterstützen Pflegekräfte dabei, Drogensüchtige im Tenderloin-Quartier von San Francisco medizinisch zu versorgen.
Foto: © Stefan Falke

Wer durch das Tenderloin geht, sieht vor allem eines: eine Stadt, die gleichzeitig die Zukunft erfindet und an der Gegenwart scheitert. Die fahrerlosen Taxis gleiten weiter. Die Sterbenden liegen weiter am Boden.

An der Mina Street beginnt der Mann auf der Strasse zu atmen. Der Sanitäter, der ihn reanimiert hat, dreht sich um und sagt: «Oh mein Gott, heute habe ich ein Leben gerettet.»

Es stimmt. Morgen wird er es wieder tun müssen.

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