Das Spiel
Winterthur hat das Märchen in den eigenen Füssen. Aber am Ende steht nicht das zweite Wunder innerhalb von zwei Saisons. Sondern der Abstieg in die Challenge League. 2:0 führen die Winterthurer beim letzten Konkurrenten im Rennen gegen den direkten Abstieg. Sie könnten die Grasshoppers ganz tief ins Elend stossen. Aber es passt zur Winti-Saison, dass das Team nichts mit den Geschenken anfangen kann, die ihm der Gegner gibt. Stattdessen feiern am Ende die Grasshoppers eine Auferstehung, an die sie vermutlich selbst nicht mehr so richtig geglaubt haben. Es ist der perfekte Horrorstart, den GC in diesem Nerven-Derby hinlegt.
Keine zehn Minuten sind gespielt, da liegen die Stadtzürcher schon 0:2 hinten. Zweimal ist es Pajtim Kasami (33), der trifft, zweimal nach einem Corner. In der 7. Minute per Kopf, in der 10. per Fuss. Beide Male geht er am hinteren Pfosten einfach vergessen. Es ist, als würde jemand fragen: Wie schlecht bereit kann man sein für so ein Nervenspiel? Und die Grasshoppers würden aus voller Kehle antworten: Ja! Nach 17 Minuten ist Peter Zeidler (63) bereits gezwungen, zu reagieren. Er bringt Stürmer Young-Jun Lee (22) für den defensiven Mittelfeldspieler Imourane Hassane (22).
Dabei hatte der GC-Trainer vor dem Anpfiff doch alles getan, um diesen Tanz auf dem Vulkan zu etwas Positivem umzudeuten. «Wir haben die grosse Chance auf ein Erfolgserlebnis», hat er auf Blue gesagt. Und er hat die Barrage flugs zu einem Ort umgedeutet, der erstrebenswert ist für einen Verein wie GC. «Wir können uns für die Barrage qualifizieren.» So sagt das Zeidler. Also ob es einen Pokal dafür gäbe, sich zum dritten Mal in Serie mit dem Zweiten der Challenge League um den letzten Platz in der Super League balgen zu müssen.
Eine Stunde lang sieht es so aus, als ob die Grasshoppers vom Gewicht der Aufgabe erdrückt würden. Allerdings sind die Winterthurer trotz einer Zweitore-Führung nicht weniger nervös. Nicht einen vernünftigen Konter können sie gegen einen Gegner fahren, der doch bereits am Boden liegt. Diese offensive Impotenz rächt sich in der zweiten Halbzeit. Nicht, weil GC nun plötzlich mit Wucht und Klasse angreifen würde. Aber ein Verzweiflungsschuss von Dirk Abels (28) wendet die Partie. Der Ball geht Théo Golliard (23) an den Arm, der nicht voll am eigenen Körper angelegt ist. Genug für Schiedsrichter Sven Wolfensberger, um einen Elfmeter zu verhängen. Abels selbst übernimmt die Verantwortung und trifft in der 60. zum 1:2. Zwei Minuten später haben die Winterthurer die Partie endgültig aus den Händen gegeben. Sie lassen sich tatsächlich auskontern.
Und ausgerechnet Lee, der ja nur spielt, weil sein Team so miserabel ins Spiel gestartet ist, wird zum Helden. Mit einem abgelenkten Schuss trifft er zum 2:2. Acht Minuten später köpfelt dann Dirk Abels den Ball nach einer Ecke zum 3:2 ein – Spiel gedreht! Und plötzlich sind die GC-Fans auf der Haupttribüne doch wieder zu hören, die davor so still geworden sind. Sie dürfen nun noch einmal 180 Minuten auf die Rettung hoffen. Winti dagegen muss man nach vier Saisons sagen: Tschüss, schön war’s. Und vielleicht auf Wiedersehen?
Die Tore
7. Minute, Pajtim Kasami, 0:1. Winterthur geht früh in Führung. Théo Golliard bringt einen Eckball auf den ersten Pfosten. Silvan Sidler verlängert und Kasami köpfelt den Ball aus kurzer Distanz über die Linie.
10. Minute, Pajtim Kasami, 0:2. Die Szenen ähneln sich: Dieses Mal kommt der Eckball von Randy Schneider. GC-Goalie Justin Hammel und Mouhamed Ngom verpassen den Ball, Kasami profitiert. Das Tor wird noch wegen eines möglichen Handspiels überprüft, doch der Treffer zählt.
60. Minute, Dirk Abels, 1:2. Théo Golliard springt der Ball im eigenen Strafraum an die Hand. Dirk Abels übernimmt die Verantwortung für den Strafstoss und verwandelt souverän in die Mitte.
62. Minute, Young-jun Lee, 2:2. Innert zwei Minuten kommt GC zum Ausgleich. Nach einem Ballverlust schaltet GC blitzschnell um. Young-jun Lee zieht aus grosser Distanz ab, doch weil der Ball noch abgefälscht ist, kann Stefanos Kapino den Einschlag hinter sich nicht verhindern.
70. Minute, Dirk Abels, 3:2. Spiel gedreht! Nach einem Eckball steigt Dirk Abels am höchsten und nickt den Ball über die Linie – Grenzenlose Freude bei den Hoppers.
Das gab zu reden
Amir Abrashi sitzt zu Beginn nur auf der Bank. Der GC-Captain schien schon gegen den FCZ angeschlagen, zeigt aber beim Lauf zum Torjubel in die Kurve zweimal, dass er durchaus sprinten könnte.
Die Stimmen (gegenüber Blue)
Dirk Abels: «Ich bin müde, aber es ist ein gutes Gefühl. Wir haben eine okaye erste Halbzeit gezeigt. Wir hatten viel den Ball, kassierten aber zwei Tore nach Eckbällen. Wir wussten in der Pause, dass da noch was geht. Mit der richtigen Energie kann man einen 0:2-Rückstand drehen. Ich war heute der Erste auf der Liste, was die Penaltyschützen angeht. Es war ein wichtiger Moment. In den letzten 25 Minuten haben wir Vollgas gegeben. Jeder hat vor dem Spiel daran geglaubt. Es war vielleicht nicht das beste Spiel, aber mit ganzer Energie ist alles möglich.
Pajtim Kasami: «Ich bin traurig. Es fehlen mir die Worte. Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal solch ein Spiel erlebt habe. Wir haben wieder das Spiel aus der Hand gegeben. Es tut sehr weh. Wir hatten heute grossartige Fans da, es war wie ein Heimspiel. Es macht mich umso trauriger, dass wir das Resultat nicht mit nach Hause nehmen konnten. Das wird lange im Kopf bleiben. Das ist Fussball: Man kann an einem Tag Unglück haben und dann gibt es einen Penalty. Wir haben auch ein dummes Tor nach einem Konter bekommen. Wir hatten es in der Hand und innert wenigen Minuten das Spiel aus der Hand gegeben. Es ist jetzt der falsche Moment, um über die nächste Saison. Die Frustration und Enttäuschung ist gross, dass müssen wir zuerst verdauen. Hoffentlich können wir den Fans im letzten Spiel etwas Freude zurückgeben.»
Remo Arnold: «Ich bin extrem leer. Wir wussten, um was es ging. Wir sind gut gestartet. Auch in der zweiten Halbzeit war der Auftritt okay. Das Spiel hätte in die eine oder andere Richtung gehen können. Es ist sehr bitter.»
Mike Keller: «Wir konnten uns wenigstens mental darauf vorbereiten, haben aber trotzdem immer daran geglaubt. Es hat kurz auch danach ausgesehen, dass wir das packen. Die Enttäuschung ist gross. Auf der anderen Seite weicht die Enttäuschung relativ schnell der Dankbarkeit und der Stolz für das, was wir erreicht haben in den letzten vier Jahren. Am Anfang, als wir aufgestiegen sind, hätte uns das nicht mancher gegeben. Das ist mit dem bei weitem kleinsten Budget der Liga keine Selbstverständlichkeit. Es überwiegt die Dankbarkeit und der Stolz.»
Patrick Rahmen: «Es geht mir sehr nahe. Wir hatten ein Aufbäumen in den letzten Wochen und wollten unbedingt gewinnen. Wir hatten alle Vorteile auf unserer Seite geholt, dann ist der Match aber innert zehn Minuten in eine völlig andere Richtung gegangen. Der Penalty hat uns völlig aus der Ordnung gebracht. Wir hatten nicht alle Spielphasen im Griff. Nach dem 2:0 ist es etwas fahrig geworden. Wir sind besser in die zweite Halbzeit gestartet. Ein abgefälschter Schuss aus 20 Metern ist auch symptomatisch. Es ist ärgerlich, dass GC in dieser Phase extreme Mühe hatte und wir sie trotzdem zurückgelassen haben. Es ist schwierig, Worte zu finden. Wir haben eine riesige Unterstützung und Solidarität im Verein. Man hört immer wieder auch von anderen Klubs, dass Winti fehlen wird. Wir haben schon seit ein paar Wochen zweigleisig geplant.»
Der Beste
Erst holt Dirk Abels den Elfmeter raus und übernimmt dann gleich die Verantwortung und schiesst damit den Anschlusstreffer zum 1:2. Macht dann mit dem 3:2 für die Hoppers alles klar und schiesst GC in die Barrage.
Der Schlechteste
Die ganze Winterthurer Offensive bewirbt sich. Andrin Hunziker findet von ihnen am wenigsten ins Spiel.
Die Schiris
Zwei heikle Szenen gibt es: Geht Pajtim Kasami der Ball vor dessen zweitem Tor an die Hand? Schiedsrichter Sven Wolfensberger findet: nein. Und weil die TV-Bilder das Gegenteil nicht beweisen können, greift auch Video-Assistent Sandro Schärer nicht ein. Dafür entscheidet Wolfensberger nach einer Stunde sofort auf Handspenalty, als der Ball Théo Golliard an den Arm geht. Klare Bilder gibt es auch dazu nicht.
Die Fans
8186 kommen zum Nervenderby in den Letzigrund. 2300 stehen im Winterthurer Sektor und schicken ihre Mannschaft schon nach dem Warmmachen mit Applaus in die Kabine. Während des Spiels sind die Winterthurer meist lauter als die Heimkurve, die diesmal wieder besser besetzt ist, als in den letzten GC-Spielen im Letzigrund. Am Ende jubeln die Heimfans.
So gehts weiter
GC hat sich dank des Sieges in die Barrage gerettet. So geht es am Samstag um 18 Uhr um nichts mehr. Immerhin kann sich Winterthur zu Hause aus der Super League verabschieden. Die Hoppers reisen nach Lausanne und können sich dort auf die Barrage vorbereiten.
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Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 36 | 33 | 74 | |
2 | FC St. Gallen 0:0 | 37 | 23 | 67 | |
3 | FC Lugano 0:0 | 37 | 13 | 64 | |
4 | FC Sion 0:0 | 37 | 23 | 62 | |
5 | FC Basel 0:0 | 37 | 3 | 57 | |
6 | BSC Young Boys | 36 | 6 | 51 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 37 | 7 | 50 | |
2 | Servette FC | 37 | 6 | 50 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 37 | -12 | 42 | |
4 | FC Zürich | 37 | -21 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 37 | -28 | 30 | |
6 | FC Winterthur | 37 | -53 | 23 |






