Darum gehts
- Eriksen spielt mit Defibrillator – und brach erneut zusammen
- So schätzt ein Experte vom Unispital Zürich die Situation ein
«Das erneute Ereignis verschiebt Abwägung Richtung Rückzug vom Spitzensport»
Immerhin: Christian Eriksen (34) kann beruhigende Worte abgeben. «Mir geht es gut und ich bin zu Hause bei meiner Familie.» Doch der Schock sitzt tief nach dem erneuten Zusammenbruch des dänischen Fussballstars auf dem Platz. «Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, hat es sowohl mich als auch meine Familie stark mitgenommen.» Er fügt an: «Aber ich möchte versichern, dass es sich hierbei um eine andere Situation handelte als im Jahr 2021.»
2021 passierte zum EM-Auftakt das Drama, Eriksen kollabierte auf dem Feld und kämpfte ums Leben. Die Welt bangte um den Mittelfeldspieler. Nach dem Vorfall liess er sich einen Defibrillator implantieren und setzte damit seine Profikarriere fort. Nun bedankt sich Eriksen unter anderem beim Ärzteteam und teilt mit, dass sein Defibrillator dank dessen Expertise «exakt das gemacht hat, wofür er entwickelt wurde: mich zu schützen, wenn es nötig ist».
In der 65. Minute des Testspiels zwischen den Nicht-WM-Teams Dänemark und Ukraine war Eriksen zusammengebrochen und kurz bewusstlos. Das Spiel wurde nicht mehr fortgesetzt. Immerhin konnte Eriksen schon kurz nach dem Schock in Begleitung der Spieler eigenständig zur Ambulanz gehen und dabei seine Angehörigen sehen. Nun die Entwarnung. Durchatmen in der Fussball-Welt. Doch der Schock bleibt – und damit viele Fragen.
«Verschiebung Richtung Rückzug vom Spitzensport»
Die drängendste: Muss Eriksen nun seine Karriere beenden, weil der erneute Zusammenbruch als deutliches Warnzeichen interpretiert werden sollte? Michael Stiefel ist Leiter der Sportkardiologie am Universitätsspital Zürich. Er schätzt für Blick den Fall ein.
Eine Kernaussage: «Das rasche Wiedererlangen des Bewusstseins ist beruhigend – das erneute Ereignis jedoch ein Warnsignal. Ein implantierter Defibrillator ist kein Freipass für uneingeschränkten Spitzensport; die Sportkardiologie-Leitlinien sehen Wettkampfsport mit dem ICD-Defibrillator nur nach individueller Abwägung vor, wobei die zugrundeliegende Herzerkrankung eine zentrale Rolle spielt. Das erneute, möglicherweise belastungsgetriggerte Ereignis verschiebt diese Abwägung in Richtung Rückzug vom Spitzensport.»
Stromschlag bei Bewusstsein? Für Betroffene sehr einschneidend
Doch war es wirklich eine erneute Herzrhythmusstörung? Vorkommen können auch Schockabgaben, die der Defibrillator nicht hätte auslösen sollen. Wenn dies bei Bewusstsein erfolgt, kann dies Sportler so sehr traumatisieren, dass sie danach nicht mehr Sport treiben wollen.
«Dieses Phänomen ist gut belegt und ernst zu nehmen», bestätigt Experte Stiefel. Aber: «Selbst adäquate Schocks haben eine psychische Wirkung auf die Betroffenen. Aus Register-Daten wissen wir, dass sich rund 30 bis 40 Prozent der Sportler nach einem erlebten Schock zumindest vorübergehend aus Angst vor erneuten Schocks vom Sport zurückziehen.»
Ein Bewusstseinsverlust spricht eher für die nötige, sogenannte adäquate Auslösung des Schocks durch den Defibrillator. Endgültige Klarheit bringt die zeitnah durchgeführte Abfrage des Geräts, die aufzeichnet, ob tatsächlich eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung vorlag.
Hat der Defibrillator Christian Eriksen das Leben gerettet und wie stark ist ein solcher Stromschlag?
Falls es ein adäquater Schock auf eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung war, dann ja; der implantierte Defibrillator (ICD) hat automatisch das getan, wofür 2021 noch der externe Defibrillator nötig war. Ein interner ICD-Schock ist mit etwa 35 Joule deutlich energieärmer als eine externe Defibrillation (circa 200 Joule), weil er direkt über die Sonde ans Herz abgegeben wird.
Wie wahrscheinlich ist die Gefahr eines fälschlicherweise ausgelösten Schocks bei der hohen Belastung, die ein Profi-Fussballspiel mit sich bringt?
Diese ist in der Tat vorhanden, aber durch eine optimale Geräteprogrammierung (und Implantation) gut beherrschbar. Die hohen Herzfrequenzen bei maximaler Belastung (oft bis 180-195/min), oder auch Rhythmusstörungen aus den Vorhöfen, können fälschlicherweise als Rhythmusstörung aus den Herzkammern (sogenannte Kammertachykardie/-flimmern) interpretiert werden. Durch die Wahl entsprechender Erkennungsschwellen und Unterscheidungskriterien lässt sich dieses Risiko jedoch stark senken.
Erhöht sich das Risiko bleibender Schäden oder die Lebensgefahr mit jedem Zusammenbruch?
Jede Episode mit einer Kammertachykardie oder -flimmern ist ein eigenes lebensbedrohliches Ereignis. Der Defibrillator reduziert die Gefahr des plötzlichen Herztodes deutlich, eliminiert sie aber nicht. Nicht jeder Schock beendet die Rhythmusstörung beim ersten Mal, und bei längerem Kreislaufstillstand droht eine Hirnschädigung. Häufigere Ereignisse bedeuten mehr Aussetzung gegenüber genau diesem Restrisiko. Ziel muss die Verhinderung von Ereignissen sein, und ein erneuter (womöglich sportgetriggerter) Vorfall ist ein klares Argument gegen die Fortsetzung des Spitzensports.
Hat der Defibrillator Christian Eriksen das Leben gerettet und wie stark ist ein solcher Stromschlag?
Falls es ein adäquater Schock auf eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung war, dann ja; der implantierte Defibrillator (ICD) hat automatisch das getan, wofür 2021 noch der externe Defibrillator nötig war. Ein interner ICD-Schock ist mit etwa 35 Joule deutlich energieärmer als eine externe Defibrillation (circa 200 Joule), weil er direkt über die Sonde ans Herz abgegeben wird.
Wie wahrscheinlich ist die Gefahr eines fälschlicherweise ausgelösten Schocks bei der hohen Belastung, die ein Profi-Fussballspiel mit sich bringt?
Diese ist in der Tat vorhanden, aber durch eine optimale Geräteprogrammierung (und Implantation) gut beherrschbar. Die hohen Herzfrequenzen bei maximaler Belastung (oft bis 180-195/min), oder auch Rhythmusstörungen aus den Vorhöfen, können fälschlicherweise als Rhythmusstörung aus den Herzkammern (sogenannte Kammertachykardie/-flimmern) interpretiert werden. Durch die Wahl entsprechender Erkennungsschwellen und Unterscheidungskriterien lässt sich dieses Risiko jedoch stark senken.
Erhöht sich das Risiko bleibender Schäden oder die Lebensgefahr mit jedem Zusammenbruch?
Jede Episode mit einer Kammertachykardie oder -flimmern ist ein eigenes lebensbedrohliches Ereignis. Der Defibrillator reduziert die Gefahr des plötzlichen Herztodes deutlich, eliminiert sie aber nicht. Nicht jeder Schock beendet die Rhythmusstörung beim ersten Mal, und bei längerem Kreislaufstillstand droht eine Hirnschädigung. Häufigere Ereignisse bedeuten mehr Aussetzung gegenüber genau diesem Restrisiko. Ziel muss die Verhinderung von Ereignissen sein, und ein erneuter (womöglich sportgetriggerter) Vorfall ist ein klares Argument gegen die Fortsetzung des Spitzensports.
Nach dem Einsetzen des Defibrillators 2021 durfte Eriksen in Italien nicht mehr Profi sein – in Ländern wie England und Deutschland hingegen schon. Aktuell steht er bei Bundesliga-Absteiger Wolfsburg unter Vertrag. Vor kurzem hat er einen Meilenstein erreicht und sein 150. Nati-Spiel für Dänemark absolviert. Im 151. Auftritt dann der Schock. Möglich, dass es sein letztes war.


