Das Spiel
Das 30-Grad-Spiel beginnt in etwa so, wie man es prophezeit hat: Gleich mit der ersten gefährlichen Aktion geht der haushohe Favorit in Führung. Görtler macht einen abgewehrten Ball nochmals scharf, Baldé legt auf für Tom Gaal, der bloss noch reinzuspitzeln braucht. Die rund 22 000 Espen-Anhänger sind ein erstes Mal in Ekstase. Schon nach wenigen Minuten ist der erste Cuptriumph seit 1969 zum Greifen nah! Die Antwort von Stade-Lausanne-Ouchy? Ein knackiges Foul nach dem anderen. Die Devise ist klar: Schneid abkaufen, mit der Holzfällermethode.
Und die St. Galler powern weiter. Vogt verzieht ganz knapp. Boukhalfa scheitert an Besson. Doch ganz plötzlich stempelt auch der Aussenseiter ein. Nomel ist frei, schiesst aber kläglich weit daneben. Doch das ändert nichts an der Grundausrichtung, und die heisst: Es geht in Richtung Goal des kosovarischen U21-Nationalgoalies Léo Besson. Torschütze Gaal lässt Malula aussteigen und verpasst alleine vor Besson das 2:0. Wie auch Baldé, als er von einem Monumental-Missverständnis zwischen Besson und Barbet nicht profitieren kann. Rächt sich das noch? Vorerst aber ist Pause. Durchatmen. Echt?
Nein!
Da ist noch die 44. Minute. Rückpass auf Cup-Goalie Lukas Watkowiak. Der leistet sich einen Totalaussetzer gegen Tritten, schiesst diesen aus nächster Distanz an. Der Ball geht Richtung Tor. Watkowiak reisst Tritten am Trikot zurück. Und sieht Rot. Der klarste Platzverweis der Saison. Oder doch nicht? Die gesamte Espen-Bank moniert ein Handspiel. Doch Tritten wird aus nächster Nähe angeschossen und der Arm ist quasi im Körper. Alles okay also.
St, Gallen ist also fortan nur noch zu zehnt. Die Nummer eins, Lawrence Ati Zigi, Kommt unerwartet zu einem Cupfinal-Einsatz. Alessandro Vogt wird bei seinem letzten Auftritt in Grünweiss geopfert, bevor er nach Hoffenheim geht.
Jetzt aber: Pause, Durchatmen …
Und danach ist es das erwartete veränderte Bild. SLO mit mehr Selbstbewusstsein. Conus verzieht haarscharf. Nomel läuft Okoroji davon und verschiesst. Und die heisse Schiri- und VAR-Szene gibt es auf der anderen Seite. Es ist die Szene, die das Spiel entscheidet. Baldé geht nach einem Befreiungsschlag von Nomel zu Boden. Die St. Galler Bank ist fuchsteufelswild. Da war doch was? Geschlagene viereinhalb Minuten brauchen VAR Luca Piccolo und Schiedsrichter Luca Cibelli, bis sie sich durchringen können, die Szene in der 59. Minute als penaltywürdig zu taxieren. Zu lange, als dass es ein klarer und offensichtlicher Fehlentscheid sein kann. Denkt man. Und in der Tat: Die Berührung von Nomel auf dem Fuss von Baldé ist hauchzart. Dazu trifft er den Ball auch ... Lukas Görtler ists egal. Der Captain macht in der 65. Minute das 2:0. Die grünweisse Wand in Ekstase! Zum zweiten Mal!
Als fünf Minuten später Tritten statt das 2:1 zu machen nur den Pfosten trifft, spürt man: Das wars. Wenn man noch eine Chance haben will bei der erbarmungslosen Hitze, muss man solch ein Ding einfach machen. So ist es denn auch. Mit einem hitzegesteuerten Geplänkel geht der Rest des Spiels durch. Bis zur Nachspielzeit. Bis Joker Witzig den Deckel draufmacht. Mit einem Tor Marke Traumvolley! Und 1:0-Schütze Gaal wird recht behalten, als er in der Pause sagte, dass man weiter angreifen müsse. «Mit unseren Fans wird mit elf gegen elf gespielt. Ich mache mir keine Sorgen!»
St. Gallen ist Cupsieger. Zum erst zweiten Mal. Die Ostschweiz ist für den Rest des Tages und der Nacht an diesem denkwürdigen Pfingst-Wochenende im Ausnahmezustand.
Die Tore
8. Minute, Tom Gaal, 0:1. Daschner tritt nach einem Foul von SLOs Sartoretti einen Freistoss in den Strafraum. Dort kann Stade-Lausanne-Ouchy klären. Der Ball kommt aber über Umwege zu Görtler, der Baldé am zweiten Pfosten bedient. Baldé legt per Kopf ins Zentrum, wo Gaal goldrichtig steht und nur noch einschieben muss.
65. Minute, Lukas Görtler (Penalty), 0:2. Maulula trifft im eigenen Strafraum Baldé, der den Ball vorher an den Unterarm bekommt. VAR Luca Piccolo und Schiri Luca Cibelli überprüfen die Szene ganze viereinhalb Minuten, ehe sie auf Penalty entscheiden – ein umstrittener Entscheid. Görtler ist es egal, er verwandelt anschliessend souverän vom Punkt.
90.+ 2 Minute, Christian Witzig, 0:3. Erste Ballberührung für den eingewechselten Witzig und schon trifft der Joker. Nach einem Freistoss trifft der St. Galler per Volley.
Die Stimmen
FCSG-Verteidiger Tom Gaal (gegenüber SRF): «Wir wollten in der zweiten Halbzeit auch in Unterzahl zeigen, was wir für eine Truppe sind. Die zweite Hälfte spiegelt dieses Jahr komplett wieder. Nach Thun waren wir mit Abstand die beste Mannschaft in dieser Liga. Dass wir das heute belohnt haben, ist wunderschön. Wir haben das ganze Jahr so viel Liebe von den Fans erhalten, jetzt können wir etwas zurückgeben. Ich freue mich, mit ihnen zu feiern. Es ist unbeschreiblich»
FCSG-Präsident Matthias Hüppi: ««Es ist eine riesige Freude. Es war so eine Sehnsucht der Leute hier im Wankdorf und allen die noch zu Tausenden in St. Gallen und Umgebung den Match geschaut haben. Das ist das grösste Kompliment für die Arbeit. Das gesamte Zusammengefügt hat sich das verdient. In der Pause hat man die richtigen Worte gefunden. Watkowiak war am Boden zerstört. Man konnte das aber abschütteln. In der letzten Saison konnten wir noch nicht so zurückkommen in solchen Spielen. Es ist nun schön, dass beide Schlaufen am Pokal nun Grün-Weiss sind.»
FCSG-Captain Lukas Görtler: «Es ist unglaublich. Ich war schon zweimal hier und war den Tränen nah, weil ich so traurig war, dass wir für eine gesamte Region die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Ich fühlte mich da extrem verantwortlich. Ich wollte es unbedingt für die ganze Mannschaft. Sie hat es so verdient nach der Saison. Es musste so kommen, dass wir hier gewinnen. Wir waren die bessere Mannschaft von Anfang an. Wati passierte, was ihm sonst nie passiert. Er hat uns bis in den Final getragen. Wir wollten es auch für ihn reissen. Es ist ein unglaubliches Gefühl.»
FCSG-Rotsünder und -Goalie Lukas Watkowiak: «Es war sehr emotional. Wieder einen Titel nach St. Gallen zu holen, ist für die ganze Region was Besonderes. Mit der Roten Karte habe ich der Mannschaft etwas geschadet. In der Kabine sind alle zu mir gekommen und haben gesagt, dass sie das für mich durchziehen. Die Saison so abzuschliessen ist nach so einer Saison natürlich umso schöner.»
SLO-Captain Nicola Sutter: «Ich bin unglaublich stolz auf meine Mannschaft. So weit zu kommen, ist nicht üblich. St. Gallen war in gewissen Momenten einfach cleverer als wir. Wenn du 45 Minuten lang ein Spieler mehr bist und trotzdem so verlierst, hast du es nicht verdient. Wäre es knapper gewesen, würde ich mich mehr nerven. Uns fehlen Details und Effizienz, das hatte St. Gallen und wir nicht. Es ist traurig, haben wir nicht gewonnen. Ich bin trotzdem glücklich, konnten wir das erleben.»
Der Beste
Jozo Stanic. Wird früh behandelt, beisst aber auf die Zähne. Schmeisst sich in die Zweikämpfe, als hinge sein Leben davon ab. Sinnbild für die Willensleistung der Espen.
Der Schlechteste
Lukas Watkowiak. Bringt seine Mannschaft mit einem Riesenbock in die Bredouille und macht einen bereits entschiedenen Cupfinal noch einmal richtig spannend.
Das gab zu reden
Der bittere Abschied von Alessandro Vogt. Zum letzten Mal trägt der Shootingstar grün-weiss, nach der Roten Karte für Watkowiak wird der Bald-Hoffenheimer geopfert und muss noch vor der Pause vom Feld. In Tränen wird er deswegen nicht ausbrechen. Weil er als Cupsieger in die Bundesliga geht.
Die Schiris
Die beiden Lucas machen einen guten Job. Schiri Luca Cibelli auf dem Platz, VAR Luca Piccolo vor dem TV. Bei der Roten Karte für Watkowiak reklamieren die St. Galler zwar ein Handspiel, das Schiri-Gespann aber lässt zurecht weiterlaufen. Bei der Penalty-Szene hingegen gehts geschlagene viereinhalb Minuten bis man sich durchringen kann, sie als elfmeterwürdig zu taxieren. Zu lange, als dass es ein klarer und offensichtlicher Fehlentscheid sein kann. Denkt man. Und in der Tat: Die Berührung von Nomel auf dem Fuss von Baldé ist hauchzart. Dazu trifft er den Ball auch.
Die Fans
Der Espen-Block begrüsst die Mannschaft mit einer sensationellen Choreo. Ein Kind, das Flügel trägt und einen Ball in Händen hält, ist zu sehen, darunter steht: «ä neui Generation beflügle.» Der Cupsieg 1969 findet ebenfalls Erwähnung. Während des Spiels steht «mached eu unsterblich» auf einem Banner. Insgesamt sind offiziell 30’671 im Wankdorf, weit mehr als zwei Drittel davon aus der Ostschweiz.
Die Fans II
Noch am Samstagabend nach dem Kantersieg der Eishockey-Nati gegen Ungarn an der Heim-WM wusste NHL-Star Timo Meier (29) nicht genau, ob er am Sonntag in Bern beim Cupfinal dabei sein könne. Die Antwort: Er kann! Der Ostschweizer ist bekennender FCSG-Fan und kann sich das Highlight seines Herzensvereins am spielfreien WM-Tag nicht entgehen lassen. Getippt hatte Meier auf ein 3:0. Volltreffer!
So gehts weiter
Mit dem Cupfinal geht die Schweizer Fussballsaison 2025/26 zu Ende. Sowohl für SLO in der Challenge League als auch für St. Gallen in der Super League erfolgt der Saisonstart der nächsten Spielzeit am Wochenende des 24. bis 26. Juli 2026.





