Darum gehts
- Teenager-Gang verübt brutale Gewalttat in Wetzikon ZH, Video kursiert online
- Kriminologe: Gewalt dient oft Gruppenzwecken, verstärkt durch soziale Dynamiken
- Zwischen 2016 und 2020 stieg Jugendgewalt – seit 2023 stabil oder leicht rückläufig
Die Szene erinnert an eine Hinrichtung und zeugt von erschreckender Brutalität: In Wetzikon ZH prügeln mehrere Teenager auf einen Jugendlichen ein, treten und schlagen ihn. Anschliessend verbreiten sie das Video in den sozialen Medien.
Immer wieder tauchen im Netz Clips auf, in denen mehrere Täter auf ein wehrloses Opfer einschlagen. Die Exzesse sind schlimm und werfen die Frage auf: Woher kommt diese unfassbare Gewalt? Dirk Baier, Kriminologe an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), erklärt gegenüber Blick, wie solche Gewaltdynamiken entstehen.
«Man will das Sagen haben – und Gewalt stellt einen Weg dar»
«Es gibt gruppeninterne und gruppenexterne Faktoren, die eine Gewaltausübung beeinflussen», so Baier. Innerhalb einer Gruppe spielten etwa der sogenannte Risikoschub und die Deindividuation eine wichtige Rolle. Beim Risikoschub würden Menschen zu Taten hingerissen, die sie allein niemals begehen würden. Deindividuation bedeute, dass man seinen eigenen Kompass ausschaltet und blind den Gruppennormen folgt. «Zudem geht es immer um Anerkennung in der Gruppe – man will das Sagen haben, und Gewalt stellt einen Weg hierfür dar.»
Gruppenextern spielen häufig Konflikte mit anderen Gruppen oder Einzelpersonen eine Rolle, die als Provokation wahrgenommen werden und aus Sicht der Gruppe eine gewaltsame Reaktion zur Wahrung des eigenen Ansehens erfordern. «Solche Konflikte zeigen sich beispielsweise zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Gemeinden.»
«Körper ist eine Art Kapital»
Laut Blick-Informationen handelt es sich bei den Schlägern um eine Gruppe, die in Wetzikon seit längerer Zeit aktiv ist und wöchentlich Angst und Schrecken verbreitet.
Bei Teenagern ist der Körper oft eine Art Kapital, erklärt Baier. «Insbesondere für Jugendliche, die sonst wenig haben – wenig Bildung, wenig Perspektive.» Sich körperlich gegen andere durchzusetzen, sei dann einer der wenigen Wege, um zu Status und Anerkennung zu gelangen.
Das eigene Gewissen könnten die Täter, solange sie einer Clique angehören, ausblenden. «Wir sprechen hier von der Neutralisierung, das heisst, die Jugendlichen können sich einreden, dass die Opfer solch eine Behandlung verdient haben, dass sie selbst daran schuld sind und so weiter.» Wenn es gelinge, die Jugendlichen aus solchen Cliquen zu lösen, würden sie meist einsehen, dass sie falsch gehandelt haben.
Permanente Informationen in den sozialen Medien
Zwischen 2016 und 2020 habe es laut Baier einen Anstieg der Jugendgewalt gegeben – in den letzten drei Jahren seien die Zahlen aber stabil bis leicht rückläufig, so der Experte. «Das bedeutet aber nicht, dass es nicht schwere Jugendgewalt gibt, wie der vorliegende Fall zeigt.»
Das Gefühl, dass alles schlimmer wird, entstehe vornehmlich dadurch, dass wir permanent Informationen über solche Vorfälle erhalten – früher über klassische Medien, heute über soziale Medien. «Die Gewalt erscheint allgegenwärtig, auch wenn dahinter nur wenige Fälle oder gar nur Fälle aus dem Ausland stehen.»
Was hilft?
Gibt es eine Möglichkeit, einer solchen Clique entgegenzuwirken? Laut Baier ist es immer schwieriger, wenn sich in einem Gebiet bereits verfestigte Cliquen oder Gangs gebildet haben. «Solche Strukturen können nicht von heute auf morgen verändert werden, sie sind ja gerade über eine längere Zeit gewachsen.»
Letztlich helfe nur eine Kombination aus Repression und intensiver Intervention – beispielsweise eine enge sozialarbeiterische Betreuung der Täter, so dass eine Zukunft jenseits der Clique ermöglicht werden kann. Auch strukturelle Prävention und Investitionen in Gebiete, wo solche Gangs verankert sind und Perspektivlosigkeit vorherrscht, könne helfen.