Pflegedrama im Aargau
Sie bat um Hilfe – dann nahm man ihr den Sohn weg

Eine Pflegemutter kümmert sich 14 Jahre um einen Buben. Als der Teenager immer wieder ausrastet, sucht sie Unterstützung. Daraufhin platziert die Behörde den Jugendlichen im Heim.
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Das ehrliche Eingeständnis seiner Pflegemutter brachte das Leben von Matteo und ihr völlig durcheinander. (Symbolbild)
Foto: Shutterstock

Darum gehts

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Birthe Homann
Beobachter

Janine Maurer kann nicht mehr. Sie kommt mit ihrem pubertären Pflegesohn Matteo, 14, nicht mehr zurecht. Er bedroht sie, kifft, verwüstet die Wohnung und geht nicht mehr zur Schule. Mehr als normales Teenie-Verhalten. Die 49-jährige Aargauerin sucht überall Hilfe. Sie erhält keine. Stattdessen wird ihr Vertrag als Pflegemutter gekündigt.

Verzweifelt schreibt Maurer dem Beobachter: «Seit Monaten kämpfe ich um meinen 14-jährigen Sohn. Ein Junge, der Unterstützung bräuchte, klare Begleitung und verlässliche Bezugspersonen. Ich war 14 Jahre lang seine Pflegemutter. Ich habe ihn grossgezogen, begleitet, getragen – durch schwierige Phasen hindurch. Mein Engagement war selbstverständlich, konstant und tief verbunden. Und dann ging alles plötzlich sehr schnell: Von einem Tag auf den anderen wurde ich aus dem System gedrängt.»

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Schon als Baby in der Pflegefamilie

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) platzierte Matteo im Heim. Laut Familienrechts-Juristin Maya Rauscher vom Beobachter-Beratungszentrum ist das nur zulässig, wenn mildere Mittel gescheitert sind oder zum Vornherein als aussichtslos erscheinen. Dabei ist egal, ob ein Kind bei den leiblichen oder den Pflegeeltern lebt. «Entscheidend ist, ob das familiäre Setting noch trägt», so Rauscher. Auch wenn die Strukturen und das Fachpersonal im Heim bei manchen Kindern mit sehr auffälligem Verhalten tatsächlich sinnvoll sein könnten.

Janine Maurer und ihr Pflegesohn Matteo heissen eigentlich anders. Zum Schutz des Jungen sind die Namen geändert. Er kam als sechsmonatiges Baby zu Janine Maurer und ihrem damaligen Mann. «Er ist mein Sohn», sagt sie. «Als ich ihn das erste Mal im Arm hielt, war da sofort Liebe.» Ihre eigenen Kinder waren damals acht und zehn Jahre alt. Für sie ist Matteo ein Bruder. Der Vater verliess die Familie, als Matteo elf war. Seither kümmert sich hauptsächlich Janine Maurer um den Buben.

Matteos leibliche Mutter war 16, als sie ihn zur Welt brachte. Später landete sie wegen Drogenkonsums und -handels immer wieder im Gefängnis, wo sie auch heute noch lebt. Auch der leibliche Vater konnte sich nicht um Matteo kümmern – das Baby kam in die Pflegefamilie Maurer. Der Beobachter hatte Einsicht in die zahlreichen Unterlagen, Gerichtsentscheide und Verfügungen.

Jahrelang läuft alles normal, die Familie kümmert sich um den Buben, seine Beiständin besucht ihn regelmässig. Im Herbst 2025 bekommt Matteo eine neue Beiständin – und ein halbes Jahr später kommt es zum Bruch. Sein Verhalten ist derart auffällig, dass die Kesb entscheidet, dass er nicht bei der Pflegemutter bleiben kann. Die Beiständin schreibt ihr: «Ich möchte festhalten, dass Matteo seit der Umplatzierung ins Heim vom 8.3.26 nicht mehr Ihr Pflegesohn ist sowie Sie nicht mehr die Pflegemutter von Matteo sind.»

Matteo flieht oft zu Janine Maurer

Für Janine Maurer sind diese Worte ein Schlag in den Magen. «Ich bin seine Mutter – nach 14 Jahren soll ich das plötzlich nicht mehr sein? Das soll gut für ihn sein? Ich wollte doch lediglich Unterstützung bei der Erziehung!» Sie erfahre nichts mehr. Wieso die Kesb sie nicht miteinbezog und informierte, ist auch für Familienrechtsexpertin Maya Rauscher unverständlich. «Das wäre möglich, auch wenn sie offiziell nicht mehr seine Pflegemutter ist.» Mittlerweile hat sich das geändert, und Maurer erhält wieder Informationen.

Seit der Heimeinweisung ist Matteo ständig auf Kurve, nachts sucht er Zuflucht bei seiner Pflegemutter, er vertraut ihr. «Hier bei mir fühlt er sich sicher», sagt sie. Trotzdem muss Maurer immer wieder die Polizei holen, weil er nun im Heim lebt und nicht mehr bei ihr sein darf. Da sich Matteo in einem offenen Setting befindet, fühlt man sich beim Heim nicht zuständig, wenn er abhaut. Das alles macht Maurer sehr zu schaffen. Sie sorgt sich um ihn. «Wie kann es sein, dass ein minderjähriger Junge in einem betreuten Heim zeitweise faktisch verschwindet – ohne klare Nachverfolgung?»

Es gibt in der Schweiz keine Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Gemäss Schätzungen sind es mindestens 20'000. Ein knappes Drittel der fremdplatzierten Kinder lebt bei Pflegefamilien, der Rest in Heimen. Je jünger ein Kind ist, umso wichtiger ist eine feste Bezugsperson, wie sie eine Pflegefamilie eher bieten kann als ein Heim.

Als Matteo klein ist, schreibt Janine Maurer ein Kinderbuch für ihn, in dem sie ihm erklärt, wie und warum er zu ihrer Familie kam. Das Buch ist liebevoll illustriert mit Zeichnungen aus der Tierwelt. «Ich wollte es Matteo einfacher machen», sagt Maurer.

Kein einfaches Kind

Ein warmer Frühlingstag Ende April 2026. Janine Maurer sitzt am grossen Holztisch in ihrer hellen Parterrewohnung in der Nähe von Baden AG. Die dunklen Haare hat sie hochgesteckt, manchmal zupft sie an ihrer Jeansjacke, wenn sie erzählt. Ab und zu rollt eine Träne über ihre Wange. Sie will sich nicht unterkriegen lassen, kämpft für ihren Sohn Matteo. Ihre beiden Pudel wuseln um den Tisch herum.

Mit 13 Jahren erlitt Maurer bei einem schweren Autounfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Seitdem ist sie auf einem Auge fast blind. Ihre Berufung fand sie im Sozialbereich. Sie bildete sich zur Fachpflegemutter aus und erwarb ein Zertifikat als Spielgruppenleiterin.

Über 15 sogenannte SOS-Kinder, also Notfallplatzierungen durch die Behörden, betreute sie in den letzten Jahren. Mit Matteo war es anders. «Er war von Anfang an Teil unserer Familie», sagt Maurer. Erfahrene Kolleginnen warnten sie vor dem Rucksack, den das Baby mitschleppte: Es machte bereits im Mutterleib einen Drogenentzug durch. «Wir wussten, dass es schwierig wird.»

Die Probleme beginnen tatsächlich früh. Schon als Fünfjähriger zeigt der Bub Verhaltensauffälligkeiten. «Mindestens einmal pro Woche rastete er aus und verwüstete sein Zimmer», erinnert sich Maurer. Matteo leidet unter extremen Impulsausbrüchen. Er zerstört gezielt Dinge, die er liebt: So zerschneidet er seine Lieblingsfinken oder ruiniert seine neue Wunschfrisur direkt nach dem Coiffeurbesuch. In der Schule gilt er als intelligent, vor allem in Mathematik. Doch auf dem Schulweg verprügelt er regelmässig seine Gspäändli – trotzdem ist er beliebt. «Er hat Charisma, er zieht Menschen an», sagt Maurer und zeigt ein aktuelles Foto des Teenagers auf dem Handy. Ein hübscher, dunkelhaariger Junge.

Maurer sucht Hilfe. Sie geht mit Matteo von Therapie zu Therapie: Kinesiologie, Psychiatrie, Traumatologie. Die Diagnose ADHS steht im Raum, ein Lehrer sieht eine posttraumatische Belastungsstörung. «Seine Schübe wirken wie der Entzug eines Süchtigen», meint Maurer. Matteo beginnt zu trinken und zu klauen, konsumiert weitere Drogen und ist nächtelang in Zürich unterwegs. Da ist er 13 Jahre alt.

Behörde lehnt zusätzliche Hilfe ab

Die Situation spitzt sich zu, als Janine Maurer vor der neuen Beiständin zugibt, an ihre Grenzen zu stossen. Sie bittet die Behörde um eine sozialpädagogische Familienbegleitung – eine Fachperson, die regelmässig vorbeikommt, um Matteo aufzufangen und sie zu entlasten. Die Antwort der Fachstelle und des Sozialdienstes ist ernüchternd: Sie lehnen eine «Doppelfinanzierung» ab. Da Janine Maurer bereits als Fachpflegemutter Geld bekommt, will die Behörde keine weiteren Kosten für externe Hilfe übernehmen.

«Man hat meine Hilfegesuche gegen mich verwendet», sagt Maurer bitter. Das belegt die Dokumentation der Behörde von Februar 2026: «Die wiederholten Hinweise der Pflegemutter, an ihre Grenzen zu gelangen, sowie der Verlauf der letzten Monate zeigen, dass die notwendige Erziehungs- und Betreuungssicherheit nicht durchgehend gewährleistet ist.»

Das zuständige Gericht platzierte Matteo als Sofortmassnahme zunächst in einer Notfallstation für Jugendliche. Später wurde eine Heimeinweisung verfügt. Gern hätte der Beobachter von der Behörde genauer gewusst, warum es dazu kam. Sie gibt dazu mit Verweis auf das Amtsgeheimnis jedoch keine weitere Auskunft. Klar ist: Matteo verschwand umgehend aus der Notaufnahme und stand vor Maurers Tür. Die zuständige Beiständin agierte laut Maurer desinteressiert und distanziert.

Am 8. März wurde Matteo schliesslich in ein Kinderheim in der Nähe gebracht. «Man nimmt mir das Kind weg, das ich liebe, weil ich um Hilfe gerufen habe», sagt Janine Maurer.

Wieder eine neue Beiständin

Weil Matteo immer wieder aus dem Kinderheim abhaut und bei seiner Pflegemutter Unterschlupf sucht, wird er Mitte April morgens um sechs Uhr mit Handschellen von der Polizei abgeführt. Seine Beiständin hat gekündigt, ab Mai ist wieder eine neue Person für den Jungen zuständig.

Aktuell befindet sich Matteo in der geschlossenen Abteilung eines Jugendheims im Kanton St. Gallen. Maurer hofft, dass er dort zur Ruhe kommt. Und dass er die Schule abschliessen kann. Er kocht gern, vielleicht wäre eine Lehre in der Gastronomie etwas für ihn. Matteo sagt am Telefon, dass er am liebsten sofort wieder nach Hause wolle. «Ich möchte zu meiner Mama, zu Janine. Hier im Heim sind zwar alle nett zu mir, aber es fühlt sich komisch an.» Und wenn das nicht möglich sei, dann wenigstens in ein offenes Heim im Aargau, in der Nähe seiner Mutter.

Maurer will Matteo auch in Zukunft begleiten, egal, was die Behörde sagt. Sie plant, eine Ausbildung zur Familienhelferin zu machen. Um andere Eltern in ähnlich schwierigen Situationen unterstützen zu können.

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