Das ist die modernste SAC-Hütte der Schweiz
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Neubau wegen Felssturzgefahr:Das ist die modernste SAC-Hütte der Schweiz

Stefanie Künzi (40) eröffnet neue SAC-Hütte mit Beiz – und trotzt dem Klimawandel
«Flipflop-Touristen werden es hierhin nicht schaffen»

Ein Absturz drohte der alten Mutthornhütte. Die Behörden schlossen sie. Vier Jahre später eröffnet die neue SAC-Hütte und will nachhaltiger als alle anderen funktionieren. Ein wackliger Plan auf festem Grund, wie die Blick-Reportage zeigt.
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Südwestlich vom Mutthorn steht die neuste SAC-Hütte auf 2788 Metern über Meer.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

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Schneehasen hüpften in der Dunkelheit um die Mutthornhütte im Berner Oberland. Mitte Mai liegt sie eingeschneit auf 2788 Metern über Meer. Die frischen Spuren verraten den nächtlichen Besuch. Vor dem Haupteingang liegt der Schnee meterhoch. Als der Helikopter mit zwei Handwerkern 10 Meter vor der Hütte landet, wirbelt es den Schnee an die Fassaden der neusten SAC-Hütte hoch. 

Stefanie Künzi (40) wartet auf den Bier-Monteur und den Sanitär. Einer liefert ihr den Zapfhahn, der andere montiert ein neues Leitungsrohr und Dichtungen. Diesen Samstag wird Künzi als erste Hüttenwartin die neue Hütte eröffnen und den Gästen Gerstensaft zapfen. Ob die Hütte bis dann warm und das Bier kühl bleibt, wird sich zeigen. Das Neubauprojekt ist eine Gratwanderung zwischen auftauendem Permafrost, moderner Technik und der Frage, wie Hütten in Zukunft funktionieren. 

Im Berner Oberland zwischen Kandersteg und Lauterbrunnen liegt die Mutthornhütte am Kanderfirn.
Foto: Blick Visuals

Rückblende: 2022 musste die Vorgängerhütte schliessen. Sie stand am Südostgrat des Mutthorns, rund einen Kilometer von der neuen Hütte entfernt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Schweizer Alpenclubs (SAC) fiel eine Hütte dem Klimawandel zum Opfer. Einen Absturz konnten die Geologen nicht ausschliessen. 

Als Hüttenchef hatte Roger Herrmann (65) den Betrieb 24 Jahre lang verantwortet. Er erinnert sich an die Schliessung: «Ich fühlte mich, als wäre jemand gestorben.» Als Projektleiter der Nachfolgerhütte baute er letzten Sommer mit Handwerkern und rund 700 Helikopter-Flügen die neue Hütte zusammen und die alte Hütte ab. Kosten: 4 Millionen Franken. 

Kochen nach Sonne

Ein Jahr später steht das Holzgebäude in der weissen Gletscherlandschaft. Auffällig: 196 Solarpanels sind an Dach und Fassade angebracht. Sie produzieren Strom für die Küche, Haustechnik oder Licht. Projektleiter Herrmann schaut auf sein Handy und sagt: «Die Batterien sind zu 96 Prozent geladen. Das ist sehr gut.»

In der Hütte stehen Akkus mit einer Kapazität von 207 Kilowattstunden. Als Vergleich: Um die 10’000 Handys könnten damit geladen werden. Kurz vor der Neueröffnung instruiert der 65-jährige Ex-Hüttenchef die neue Hüttenwartin Künzi. «Bei einer vollen Auslastung und null Sonne sollten wir die Hütte drei Tage mit diesen Batterien betreiben können», erklärt er. 

Volle Batterien dank Morgensonne: Projektleiter Roger Herrmann zeigt sich zuversichtlich ab dem Solarsystem.
Foto: Raphaël Dupain

Sollten? «Wir sind die erste Hütte mit diesem System – Erfahrungswerte fehlen», sagt Herrmann. Bisher stimmten seine Berechnungen. Seit sie das Solar-System letzten August installierten, fiel die Batterie noch nie auf null. Herrmann ist erstaunt: «Sogar bei schlechterem Wetter erzeugen wir Strom.» Für den «äussersten» Notfall steht im Untergeschoss ein Dieselaggregat.

Was Herrmann als «Pionierleistung» bezeichnet, fordert von Künzi Planung. «Wir kochen und waschen nicht nach Lust und Laune, sondern nach der Sonne», so die 40-Jährige und ergänzt: «120 Menüs für zwei volle Schlechtwetter-Tage liegen im Kühler bereit.» 

«Blick Check»: Reto Scherrer sucht die beste Bergbeiz

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Thomas Meier / Bildmontage

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Wenn andernorts Gas und Feuer die nötige Flexibilität bieten oder zusätzliche Helikopterflüge helfen, will Künzi einkochen, pasteurisieren oder sterilisieren. 200 Kilogramm Mehl für Brot und Kuchen liegen bereit. 

Helikopter beliefert autarke Hütte

Im Erdgeschoss neben dem Haupteingang stehen die Hüttenfinken schon bereit. Hinter der «Privat»-Tür liegt Sanitär Enver Brahimaj (44) am Boden. Ein tropfendes Rohr beim Schwallbeschicker, das das Wasser sammelt und in den Klärvorgang schickt, dichtet er neu ab. «Hier fliesst das schmutzige Wasser durch, bevor es geklärt wird», erklärt Brahimaj. Die Fäkalien landen in einem von drei grossen Tanks. Pro Saison werde ein Tank mit dem Helikopter ins Tal zur Kläranlage geflogen, weiss Ex-Hüttenchef Roger Herrmann und fragt: «Hörst du das Plätschern?»

Am Ende des Kanderfirns steht die neue SAC-Hütte. Sie ist nur über den Gletscher und nach einer sechsstündigen Wanderung zu erreichen.
Foto: Raphaël Dupain

Im Raum nebenan zeigt er auf vier weitere Tanks. 20’000 Liter Frischwasser fassen sie insgesamt. Die Quelle? «Regen oder Schmelze vom Dach oder vom verschneiten Hang und vom See nebenan», so Herrmann. Ein Filter bestrahlt das Wasser mit UV-Licht und tötet Krankheitserreger ab. 

Die Mutthornhütte ist die erste autarke Hütte in der Schweiz, heisst es. In grossen Teilen stimmt das, aber nicht ganz, wie ein Anruf auf Künzis Telefon zeigt. 

Trotz autarkem Hüttenbetrieb ist die Hütte auf Luftlieferungen durch den Helikopter angewiesen.
Foto: Raphaël Dupain

«Der Heli kommt», ruft Künzi. Sie und Herrmann schlüpfen in Jacke und Schuhe. 20 Meter unter dem Helikopter hängt ein grosser Sack mit Wein, saurem Most und Sirup. Der Pilot platziert die Last zwei Meter neben dem Hütteneingang. Herrmann löst das Seil von der Last und streckt seinen Arm aus, der Pilot dreht den Helikopter ab und landet, damit Sanitär und Bier-Monteur einsteigen können.

«Jetzt haben wir alles, die Gäste können kommen», sagt Künzi und strahlt. Harass um Harass tragen Künzi und Herrmann in den Lagerraum. Statt Cola und Rivella wird sie Sirup mit Bergwasser oder Bier vom Fass verkaufen. «Weniger Flüge und Abfall», erklärt sie und merkt: «Der Sirup ist nicht mehr angeschrieben.» Die Etiketten fielen auf dem Weg zur Hütte ab. 120 Liter Sirup muss sie farblich wieder zuordnen. 

Wie viel Luxus darf sein?

60 Gäste können in der neusten SAC-Hütte gleichzeitig übernachten, 1000 bis 1500 Gäste werden zwischen Juni und September erwartet. Zweier- bis Zehner-Zimmer bauten die Verantwortlichen der SAC Sektion Weissenstein, der Hütteneigentümerin. Einen grossen Massenschlag gibt es nicht, aber: «Deshalb sind wir kein Hotelbetrieb», stellt Hüttenwartin Stefanie Künzi klar. 

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(Fast) alles bereit für die Gäste: Hüttenwartin Stefanie Künzi kontrolliert die 60 Betten.
Foto: Raphaël Dupain

Duschen und WLAN gibt es, aber nicht für die Gäste. «Auch wenn wir könnten, wollen wir keinen Abklatsch vom Talleben bieten», sagt sie. Die Umstände liessen das nicht zu. Zwei Gletscher und das Mutthorn umringen das Haus. Wer in die Hütte will, muss mehr als sechs Stunden wandern – an Gletscherspalten und exponierten Stellen vorbei. «Flipflop-Touristen werden es hierhin nicht schaffen», sagt Künzi. 

Für die Berner Oberländer Primarlehrerin ist der Hüttenjob ein Sprung ins eiskalte Terrain. Es ist der erste Hüttenjob für die Berggängerin. «Klar bin ich nervös und angespannt, aber ich freue mich.» Immer wieder tauchen neue Sorgen auf: Anfang Mai floss kein Wasser zur Hütte, später gab es kurzzeitig einen Stromausfall. «Das autarke System macht uns verletzlicher und den Betrieb herausfordernder, aber nachhaltiger», ist die Hüttenwartin überzeugt. 

Ihre Aufgabenliste wird bis zur Eröffnung am Samstag nicht kürzer. Installieren und testen. Alles ist neu – wie der heute gelieferte Zapfhahn. Zum Feierabend zapfen Künzi und Herrmann das erste Bier. «Zum Wohl!»

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