Darum gehts
- Schweizer Geburtenrate fällt auf Rekordtief von 1,29 Kindern pro Frau
- Jede fünfte Person von Unfruchtbarkeit betroffen, Anteil Kinderlose steigt
- Durchschnittsalter für erste Geburt: 31,3 Jahre, EU-Schnitt liegt bei 29,8
Die Geburtenrate steht mit 1,29 Kindern pro Frau auf einem historischen Tiefststand. «Wir brauchen wieder mehr Geburten, sonst sterben wir aus!», schlagen Demografen Alarm. Nötig wären 2,1 Kinder, um den Bevölkerungsstand zu sichern.
Die Problematik beleuchtet nun auch eine neue Studie zum Thema «Elternschaft in der Schweiz – ein Bericht über (Un-)Fruchtbarkeit und Kinderlosigkeit» der IBSA Foundation für wissenschaftliche Forschung und des universitären Forschungsschwerpunkts «Human Reproduction Reloaded» der Universität Zürich.
Unfruchtbarkeit ist in der Schweiz demnach ein weit verbreitetes Phänomen, das rund jede fünfte Person betrifft, halten die Studienautoren fest. Allerdings sei der Geburtenrückgang hierzulande nicht allein auf wirtschaftliche Faktoren oder Unfruchtbarkeit zurückzuführen, sondern zunehmend auch auf veränderte Lebensprioritäten und einen späteren Kinderwunsch.
Spannende Erkenntnisse
Die Studie bringt dabei spannende Erkenntnisse ans Licht. Die wichtigsten Punkte:
- Immer mehr junge Erwachsene entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Ihr Anteil ist in etwas mehr als 10 Jahren von 6 auf 17 Prozent gestiegen. Zu den Hauptgründen zählt dabei, dass sie nie Kinder wollten und ihnen die persönliche Freiheit wichtiger ist. Aber auch wirtschaftliche Gründe oder zu wenig staatliche Unterstützung werden geltend gemacht.
- Das Durchschnittsalter einer Frau bei der ersten Geburt liegt bei 31,3 Jahren und gehört damit zu den höchsten in Europa. Im EU-Schnitt liegt es bei 29,8 Jahren. «Je später die erste Geburt stattfindet, desto weniger Zeit bleibt für weitere Geburten», so die Studie.
- Jede fünfte Person hat bereits Erfahrungen mit Unfruchtbarkeit gemacht. Diese Problematik sei oft mit einer erheblichen psychischen Belastung verbunden.
- Die Bevölkerung unterschätzt den Einfluss des Alters auf die Fruchtbarkeit massiv. «Ein Drittel glaubt fälschlicherweise, die weibliche Fruchtbarkeit nehme erst ab 40 signifikant ab», schreiben die Studienautoren. Dabei sinkt die Fruchtbarkeit von Frauen bereits ab dem 35. Lebensjahr deutlich. Doch auch bei Männern tickt die biologische Uhr: Demnach dauert die «Versuchsphase» bei Männern über 45 länger.
- Bei der medizinisch unterstützten Fortpflanzung erachtet eine Mehrheit Insemination, künstliche Befruchtung, Samenspende als auch Eizellenspende als moralisch vertretbar. Kritischer werden Embryonenspende und Leihmutterschaft bewertet, welche jeweils 43 Prozent als moralisch nicht vertretbar betrachten. Der Präimplantationsdiagnostik stehen gar 53 Prozent ablehnend gegenüber.
- Eine klare Mehrheit ist der Meinung, dass die Kosten für Kinderwunschbehandlungen privat getragen werden sollten. Insbesondere bei fortgeschrittenem Alter sprechen sich 68 Prozent gegen eine obligatorische Abdeckung durch die Krankenkassen aus. Wenn die Unfruchtbarkeit auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen ist, sind es gar 73 Prozent Ablehnung. Ganz oder teilweise sollen die Kosten aber übernommen werden, wenn eine Krankheit die Ursache der Unfruchtbarkeit ist.
EVP-Jost fordert nationales Aktionsprogramm
Der Geburtenrückgang ruft auch die Politik auf den Plan. EVP-Nationalrat Marc Jost (52) will ihm mit einem nationalen Aktionsprogramm unter dem Namen «Futura Sicura» entgegenwirken: Er fordert bessere Rahmenbedingungen für Familien.
Dass immer mehr Personen bewusst auf Kinder verzichten, macht ihm Sorgen. «Das ist erschreckend», sagt der Berner zu Blick. Die Studie bestätige, was er mit seinen Vorstössen im Parlament verlange. «Höhere Familienzulagen pro Kind sowie ein umfassender Massnahmenplan für familienfreundliche Rahmenbedingungen sind unbedingt nötig, damit Paare den Schritt zu weiteren Kindern wagen.» Dazu gehöre auch eine Sensibilisierung zu Fragen der Fruchtbarkeit – «insbesondere, weil Mütter heute im Durchschnitt bereits über 31 Jahre alt sind, wenn sie ihr erstes Kind bekommen».
Auch GLP-Nationalrätin Katja Christ (53) ortet Handlungsbedarf. Sie plädiert für bessere Rahmenbedingungen, «damit Menschen ihren Kinderwunsch überhaupt verwirklichen können». Dazu zählt sie etwa eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, genügend familiengerechten Wohnraum oder die finanzielle Entlastung von Familien.
«Der Staat soll niemanden zum Kinderkriegen drängen», sagt die Baslerin. «Er sollte aber verhindern, dass Menschen aus finanziellen oder strukturellen Gründen auf Kinder verzichten müssen, obwohl sie sich eigentlich eine Familie wünschen.»
Mehr Spielraum für Fortpflanzungsmedizin
Ansetzen will sie aber auch bei der Fortpflanzungsmedizin, welche mehr Spielraum erhalten soll. «Dazu gehört aus meiner Sicht die Zulassung der Eizellenspende, die Prüfung des Zugangs zur Fortpflanzungsmedizin für alleinstehende Frauen sowie eine Überprüfung der heutigen Zugangsvoraussetzungen bei Samenspenden und Adoptionen», so Christ.
Und schliesslich müsse auch die Bevölkerung «besser über Fruchtbarkeit und die biologischen Grenzen der Familienplanung» informiert werden.