Knatsch um F-35-Fixpreis
Rüstungschef unter Druck

Urs Loher soll schon früh gewusst haben, dass die USA den Kampfjet F-35 nicht zum Fixpreis abgeben. Damit steht Aussage gegen Aussage, die GPK untersucht den Vorgang.
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Nichts als Ärger mit dem F-35: Die Geschäftsprüfungskommission arbeitet das Fixpreis-Debakel auf.
Foto: Keystone

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Raphael RauchBundeshausredaktor

Urs Loher (59) ist seit August 2023 Direktor des Bundesamts für Rüstung Armasuisse. Der promovierte ETH‑Ingenieur arbeitete zuvor für die deutsche Rheinmetall Air Defence und als Schweizer Chef des französischen Rüstungskonzerns Thales. Er gilt als bestens vernetzt und verantwortet Milliardenbeschaffungen für die Armee. Recherchen von SonntagsBlick zeigen: Loher steht aktuell massiv unter Druck. Ihm wird vorgeworfen, er habe das Parlament belogen. Loher widerspricht. Aussage steht gegen Aussage. Doch der Reihe nach.

Mit der Vorgeschichte der Anschaffung der F-35 hat Loher nichts zu tun. Als die damalige Bundesrätin Viola Amherd (63) im Herbst 2020 die Kampfjet-Abstimmung gewann, war Loher noch bei Thales. Erst 2023 wurde er Armasuisse-Chef – soll aber schon bald erfahren haben, wie es um den Kauf der Flugzeuge wirklich steht. Ein Schweizer Sicherheitsexperte, der die Vorgänge genau verfolgt hat, zu SonntagsBlick: «Der damalige F-35-Projektleiter wurde im Herbst 2023 zum ersten Mal von den USA informiert. Die Ansage war klar: Die USA verstehen unter einem Fixpreis etwas anderes als die Schweiz. Der Projektleiter hat Urs Loher und das Generalsekretariat des VBS darüber sofort informiert.»

Hat Urs Loher gelogen?

Viola Amherd hatte immer wieder versichert, einen festen Preis für die Kampfflugzeuge ausgehandelt zu haben. Für sechs Milliarden Franken werde die Schweiz 36 Exemplare erhalten – diese Botschaft wiederholte sie gebetsmühlenartig landauf, landab. SVP-Nationalrat Mauro Tuena (54) wollte es genau wissen, liess sich aber von der US-Botschaft in Bern einlullen. Die hatte ihm schriftlich versichert, dass die Schweiz einen Fixpreis erhalte. Mittlerweile steht fest: Es waren leere Versprechungen. Rüstungsgüter sind weltweit gefragt, die Preise steigen und steigen – und die Schweiz muss sich entscheiden: Entweder sie zahlt mehr Geld – oder sie erhält weniger Flieger. Mittlerweile hat der Bundesrat beschlossen, nur noch 30 Kampfjets anzuschaffen.

Schon länger untersucht die Geschäftsprüfungskommission, ob der Bundesrat das Parlament in Sachen Fixpreis falsch informiert hat. Dabei geht es auch um die Frage, ob Loher möglicherweise nicht die Wahrheit gesagt hat. Wie mehrere Informanten gegenüber SonntagsBlick versichern, soll der Armasuisse-Chef in Anwesenheit von Bundesrat Martin Pfister (62) und dem damaligen Chef der Armee, Thomas Süssli (59), die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats falsch informiert haben.

Projektleiter schreibt dem Bundesrat ein E-Mail

SVP-Nationalrat Mauro Tuena habe den Rüstungschef gefragt, ob es irgendwelche Anzeichen dafür gegeben habe, dass der «Fixpreis» doch nicht fix sei. Loher habe dies klipp und klar verneint. Dabei gebe es schriftliche Belege, wonach der Projektleiter ihn mehrmals auf Probleme beim Fixpreis hingewiesen habe. Einmal soll der Projektleiter von Armasuisse sogar proaktiv Bundesrat Pfister ein Mail geschrieben haben, dass von einem Fixpreis keine Rede sein kann – wofür Loher ihn später rüffelte. «Es entspricht der Haltung von Armasuisse, dass Mitarbeitende sich primär auf der Linie äussern», teilt Lohers Sprecher mit. Auch widerspricht Armasuisse dem Vorwurf, das F35-Dossier werde de facto von der Kanzlei Homburger geführt – diese kassiert Millionen für ihre fragliche Gutachten.

Entscheidend wird sein, wie die Geschäftsprüfungskommission Lohers mutmassliche Falschaussage gewichtet. Sollte sie Loher der Lüge überführen, dürften seine Tage als Chef des Bundesamts für Rüstung gezählt sein. Das Parlament verzeiht vieles – nicht aber eine Täuschung der Kontrollgremien. Gut möglich daher, dass Loher und seine Kommunikationsarmada versuchen, das Ganze als Missverständnis darzustellen.

«Behauptungen entbehren jeglicher Grundlage»

Armasuisse dementiert deutlich: «Diese Behauptungen entbehren jeglicher Grundlage, und die Darstellung ist falsch.» Im August 2024 habe Washington gegenüber dem Bundesamt angedeutet, dass es zu höheren Kosten kommen könnte, ohne dies zu konkretisieren. «Ende Februar 2025 informierte die Defense Security Cooperation Agency die Schweiz schriftlich, dass es sich aus ihrer Sicht beim Festpreis um ein Missverständnis handle, ohne die Mehrkosten zu beziffern. Bundesrätin Viola Amherd, damalige Chefin VBS, hat den Bundesrat Anfang März 2025 über dieses Schreiben informiert. Mitte Juni 2025 haben die USA gegenüber Vertretern des VBS diese Sicht bestätigt und erstmals den Betrag beziffert.»

Loher ist auch aus anderen Gründen umstritten: Trotz vieler Warnungen peitschte er zusammen mit Bundesrätin Viola Amherd das Projekt Rigi durch und stiess damit auch Armeechef Thomas Süssli vor den Kopf. Mit riesigem Zusatzaufwand werden dabei vier Kampfjets von der Ruag in der Schweiz fertiggestellt. Die Schweizer Extrawurst kostet Hunderte Millionen Steuergelder – wer ausser der Ruag davon profitieren soll, ist unklar.

«Kein volkswirtschaftlicher Nutzen»

Es wäre günstiger, fertig gebaute Flieger zu kaufen, als zusätzliches Geld in die Ruag zu pumpen. Auch volkswirtschaftlich fallen solche «Offsetgeschäfte», also hochsubventionierte Gegengeschäfte, nicht ins Gewicht. «Unter Annahme einer Vollbeschäftigung der Schweizer Wirtschaft führen Offsetgeschäfte, gleich wie Armeeaufträge an schweizerische Unternehmen, zu keinem volkswirtschaftlichen Nutzen», steht in einem internen Papier des VBS, das SonntagsBlick vorliegt.

Hinzu kommt: Wie das Portal «Watson» enthüllte, hat sich Urs Loher für eine umstrittene Pistole stark gemacht. Die SIG Sauer P320 wurde in den Praxistests der Schweizer Armee als klar schlechtestes Modell bewertet und wegen erheblicher Mängel sogar als «nicht truppentauglich» eingestuft, während etwa die Glock 45 deutlich besser abschnitt. Trotzdem fiel der Beschaffungsentscheid auf die P320. Der Grund: Diese wird in der Schweiz produziert. Offiziell lehnt der Bund eine aktive Industriepolitik ab – de facto fördert Armasuisse diese.

Lohers Stuhl wackelt auch aus anderen Gründen. Die Rüstungsbeschaffung steckt voller Probleme. Für einen Grossteil der Schwierigkeiten kann der Chef von Armasuisse nichts, denn sie sind vor seinem Amtsbeginn entstanden. Dennoch muss sich VBS-Chef Martin Pfister die Frage stellen, ob Loher der Richtige ist, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

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