Darum gehts
- Jean Ziegler, Soziologe und Ex-Nationalrat, stirbt mit 92 Jahren in der Schweiz
- Er war Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung von 2000–2008
- Ziegler litt laut RTS an Parkinson
Die Schweizer Linke verliert eine ihrer prägenden Stimmen: Jean Ziegler ist tot. Der Soziologe und ehemalige Nationalrat wurde 92 Jahre alt. Er starb an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung. Das berichtete zuerst RTS.
Ziegler war eine der führenden intellektuellen Figuren der Linken und war 2000 bis 2008 Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
«Hans, das ist doch kein Name»
Ziegler war nicht immer Jean, sondern wurde 1934 als Hans Ziegler in Thun BE geboren, wo er auch aufwuchs. Zu seinem Vornamen Jean kam er erst später – nicht während seines Rechtsstudiums in Genf und auch nicht während des anschliessenden Soziologiestudiums in Paris.
Simone de Beauvoir (1908–1986) war es, die ihn zum Jean brachte: «Hans, das ist doch kein Name», soll die berühmte französische Feministin gesagt haben, als sie einen seiner ersten Artikel redigierte. Sie war nicht die einzige Ikone des letzten Jahrhunderts, mit der Ziegler verbunden war: Auch mit Jean-Paul Sartre (1905–1980) pflegte er eine Freundschaft, ebenso mit Che Guevara (1928–1967).
Vorkämpfer gegen Globalisierung und Kapitalismus
Den Helden der kubanischen Revolution begleitete Ziegler 1964 an eine UN-Konferenz in Genf. Eigentlich habe er Guevara nach Kuba folgen wollen, erzählte Ziegler später selbst. Dieser habe aber aus dem Fenster auf die Leuchtreklamen der Banker und Juweliere in Genf gezeigt und gesagt: «Da musst du kämpfen, da ist das Gehirn des Monsters.»
Ziegler lehrte Soziologie an der Uni Genf und ging in die Politik: Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und von 1987 bis 1999 sass er für die SP im Nationalrat.
1990 veröffentlichte Jean Ziegler das Sachbuch «Die Schweiz wäscht weisser», in dem er die Schweiz als Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens anprangerte. Es schlug ein wie eine Bombe. Und Ziegler wurde zu einem der Vorkämpfer gegen Globalisierung und Kapitalismus.
Mit seinen Büchern wurde Ziegler weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Während er im Ausland als scharfsinniger Kritiker von Hunger, Ausbeutung und den Machtstrukturen der globalisierten Wirtschaft gefeiert wurde, polarisierte er in der Schweiz häufiger. Seine Gegner warfen ihm Einseitigkeit vor, seine Anhänger sahen in ihm eine unbequeme Stimme gegen die Mächtigen.
«Das Leben ist so gopferdeckel kurz»
Bis ins hohe Alter blieb Ziegler ein unbequemer Mahner. In einem seiner letzten grossen Interviews mit Blick im Jahr 2017 geisselte er die «Finanzoligarchie», warnte vor wachsender Ungleichheit und zeigte sich enttäuscht von der Sozialdemokratie. Die SP sei «das Rote Kreuz des Kapitalismus», sagte er damals. «Wir pflegen ein wenig die Verwundeten und klagen die schlimmsten Ungerechtigkeiten an.»
Trotz seines hohen Alters dachte Jean Ziegler auch da nicht ans Aufhören. «Das Leben ist so gopferteckel kurz – ich muss mit den Waffen, die ich habe, das Maximale für diejenigen tun, die zugrunde gehen», erklärte er im Interview. Auf die Frage, wie ein Revolutionär altern könne, antwortete er mit einem Satz, der heute besonders nachhallt: «Ich möchte lebend sterben!»