Gabrielle Nanchen (83) ist die letzte noch lebende Bundeshaus-Pionierin
«Ich war das perfekte Feindbild»

Gabrielle Nanchen gehörte zu den ersten Frauen im Bundeshaus – und ist die letzte der Pionierinnen, die heute noch lebt. Vor dem feministischen Streik blickt die 83-Jährige auf ihre bewegte Karriere zurück.
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Gabrielle Nanchen war eine der ersten Parlamentarierinnen der Schweiz.
Foto: Sedrik Nemeth

Darum gehts

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  • Gabrielle Nanchen, eine der ersten Nationalrätinnen, erinnert sich an ihren Parlamentsantritt 1971
  • Walliserin setzte sich für Gleichstellung, Mutterschaftsversicherung und Frauenrechte ein
  • 1970 Einführung Frauenstimmrecht im Wallis, 1971 auf nationaler Ebene
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Simone SteinerBundeshausredaktorin

Es war eine Sensation, als die ersten Frauen am 29. November 1971 ins Bundeshaus einzogen. Gabrielle Nanchen (83) erinnert sich an diesen historischen Moment, als wäre es gestern gewesen. «Ich trug ein schwarzes Kleid mit einem weissen Schal», sagt sie zu Blick. Die Haare habe sie streng nach hinten gebunden.

Als die damals 28-jährige SP-Politikerin in den Nationalratssaal eintrat, war sie beeindruckt von den hohen Decken, den hölzernen Bänken und der prachtvollen Malerei. «Ich dachte an die Putzfrauen», sagt sie. Es waren die einzigen Frauen, die vor ihr diesen Raum der Macht betraten.

Die Polit-Pionierin nahm sich fest vor, sich für diese Frauen einzusetzen. Und das tat sie auch. Nanchen kämpfte für die Gleichstellung der Geschlechter in der Bundesverfassung, den straffreien Schwangerschaftsabbruch und die Mutterschaftsversicherung. Dabei stiess sie auf Widerstände – besonders in ihrem Wohnkanton.

Die 83-Jährige ist die einzige der ersten zwölf Schweizer Parlamentarierinnen, die heute noch lebt. Blick hat sie anlässlich des feministischen Streiks am 14. Juni in ihrem Zuhause im Wallis besucht.

Wallis macht aus Nanchen eine Feministin

In ihrem Garten in Icogne VS geniesst Nanchen einen malerischen Ausblick auf die Berge. Die Sozialdemokratin lebt hier seit fast 60 Jahren. Aufgewachsen ist sie aber in der Waadt. Dort studierte sie in den 1960er-Jahren Sozial- und Politikwissenschaften. Als junge Frau interessierten sie Gleichstellungsthemen nicht besonders. «Es war das Apartheidsystem in Südafrika, das mich politisierte», erzählt sie. 

Gabrielle Nanchen war 1971 eine der ersten Frauen, die ins Bundesparlament einzogen.
Foto: Sedrik Nemeth

Zur Feministin wurde Nanchen erst, als sie ihrem Mann ins Wallis folgte. Mit dem Umzug verlor die damals 23-Jährige ihr Stimm- und Wahlrecht, das für sie in ihrer Heimat Waadt selbstverständlich gewesen war.

Dazu kamen weitere Erlebnisse, die sie prägten. Nanchen erinnert sich an den Besuch des Bundespräsidenten Roger Bonvin (1907–1982) in ihrem Dorf. Ihr Mann warf sich in Schale – er zog ein schickes Hemd, eine Krawatte und einen Anzug an. Als Nanchen fragte: «Und was soll ich anziehen?», erhielt sie eine ernüchternde Antwort: Die Frauen waren zum Fest gar nicht eingeladen.

Nachdem ihr eine Arbeitsstelle zugunsten eines weniger qualifizierten Mannes verweigert worden war, beschloss Nanchen, ihre Wut in politisches Engagement umzuwandeln. Sie trat der SP bei und setzte sich für das Frauenstimmrecht ein.

Das Engagement lohnte sich: 1970 wurde das Frauenstimmrecht auch im Wallis eingeführt. Ein Jahr später folgte das Stimmrecht auf nationaler Ebene.

Überraschende Wahl in den Nationalrat

Für jede Partei sei es wichtig gewesen, eine Frau auf der Nationalratsliste zu haben, erzählt Nanchen. Sie nahm die Anfrage der SP darum aus Aktivismus an. Sie war jedoch überzeugt, dass sie ohnehin nicht gewählt werden würde. Doch dann gelang ihr überraschend der Coup: Sie wurde als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt.

Die Wahlsiegerin wollte den Sitz dem Zweitplatzierten überlassen. «Ich hatte zwei kleine Kinder zu Hause», sagt sie. Doch für ihren Mann war klar, dass sie die Wahl annehmen musste. Er bestand darauf, die Betreuung der Kinder zu übernehmen, wenn sie für die Sessionen in Bern war.

Bundesbern war nicht parat für die Pionierinnen

Am ersten Tag im Parlament hörte die Frischgewählte ihr Herz schlagen. Der Weibel wies ihr ihren Platz in der vordersten Reihe zu. Dort lag auf der hölzernen Bank eine rote Rose für sie bereit. 

Viele Ideen, für die Nanchen einst kämpfte, wurden erst Jahrzehnte später umgesetzt.
Foto: Sedrik Nemeth

Doch trotz der zuvorkommenden Geste war das Bundeshaus nicht vorbereitet auf die neuen Parlamentarierinnen. Zu Beginn standen für die Frauen nicht genügend Toiletten zur Verfügung. Einige Nationalrätinnen wurden wegen ihrer Kleidung gerügt, teils wurden sie während ihrer Voten ausgelacht.

Nanchen blieb besonders eine sprachliche Ungereimtheit in Erinnerung. Sie wurde jeweils mit «Frau Nationalrat Nanchen» auf die Tribüne gerufen. Als sie darauf bestand, mit der weiblichen Form angesprochen zu werden, wurde ihr gesagt, dass das nicht möglich sei. Der Begriff «Nationalrätin» existiere nicht im Wörterbuch, hiess es.

Vom eigenen Kanton hängen gelassen

Trotz der Steine, die den ersten Nationalrätinnen im Weg lagen, profitierten sie teils auch von ihrer Sonderrolle. «Manchmal wurde uns besser zugehört, weil wir die ersten Frauen waren», erzählt Nanchen. Einige Männer seien deswegen sogar neidisch gewesen. 

Von der Politikerin zur Autorin

Nach ihrer Zeit in Bern präsidierte Gabrielle Nanchen mehrere Vereine und Organisationen. Heute ist sie als Autorin tätig. Nachdem sie ein halbes Dutzend Bücher über die Frauenbewegung und das Zusammenleben geschrieben hatte, veröffentlichte sie zwei Kinderbücher. Das erste, «Fatimatou et le glacier», handelt vom Klimawandel und seinen Folgen – bei uns vom Abschmelzen der Gletscher, in Subsahara-Afrika von Wüstenbildung, Hunger und den daraus resultierenden Migrationsbewegungen.

Erst kürzlich veröffentlichte sie ihr zweites Kinderbuch, «Grand-papillon s’est envolé». Darin setzen sich Carine und Antoine mit Tod und Trauer auseinander. «Man muss mit Kindern über solche Themen sprechen», sagt Nanchen. Sie schrieb das Buch für ihre Enkelkinder, nachdem diese ihre andere Grossmutter verloren hatten.

Nach ihrer Zeit in Bern präsidierte Gabrielle Nanchen mehrere Vereine und Organisationen. Heute ist sie als Autorin tätig. Nachdem sie ein halbes Dutzend Bücher über die Frauenbewegung und das Zusammenleben geschrieben hatte, veröffentlichte sie zwei Kinderbücher. Das erste, «Fatimatou et le glacier», handelt vom Klimawandel und seinen Folgen – bei uns vom Abschmelzen der Gletscher, in Subsahara-Afrika von Wüstenbildung, Hunger und den daraus resultierenden Migrationsbewegungen.

Erst kürzlich veröffentlichte sie ihr zweites Kinderbuch, «Grand-papillon s’est envolé». Darin setzen sich Carine und Antoine mit Tod und Trauer auseinander. «Man muss mit Kindern über solche Themen sprechen», sagt Nanchen. Sie schrieb das Buch für ihre Enkelkinder, nachdem diese ihre andere Grossmutter verloren hatten.

In ihrem Wohnkanton spürte die Vorreiterin von diesem Privileg aber nichts. Im Gegenteil: Der konservative Walliser «Le Nouvelliste» schrieb nur ein einziges Mal über sie. Im Artikel hiess es, dass die junge Politikerin den Nationalratssaal mit ihren hellen Kleidern schmücke.

«Über meine politische Arbeit hat diese Zeitung während meiner achtjährigen Amtszeit kein einziges Wort verloren», sagt Nanchen. Noch heute merkt man der 83-Jährigen an, dass ihr die Sache nahegeht. «Ich war damals das perfekte Feindbild», sagt sie – eine junge, linke Frau mit italienischen Wurzeln.

Besonders übel nahm man ihr, dass sie für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch stimmte. Noch Jahre später verweigerte man ihr im letzten Moment die Möglichkeit, einen Vortrag zu halten. Und sie fand im Wallis nie eine Arbeit, die ihren Erwartungen entsprach. «Ich wurde zur Aussenseiterin», sagt sie.

Doppelbelastung kostet Nationalratsmandat

Trotz des Gegenwinds setzte sich Nanchen unbeirrt weiter für die Rechte der Frauen ein. Dennoch war es am Ende die Doppelbelastung als Mutter, die ihrer politischen Karriere ein Ende setzte. «Mit dem dritten Kind wurde mir alles zu viel», erzählt sie.

Die SP-Nationalrätin nahm ihren jüngsten Sohn jeweils mit nach Bern. Der Weg von Icogne dauerte damals mehr als drei Stunden. Vor der Debatte brachte sie ihr Kind zur Tagesmutter. An den Wochenenden kehrte sie mit ihm ins Wallis zurück, wo die beiden Älteren und ein Berg Wäsche auf sie warteten. Die Sozialdemokratin entschied sich, nicht mehr zu kandidieren. 

Fast fünfzig Jahre später sitzt sie in ihrem Garten und blickt dennoch mit Genugtuung auf ihre politische Karriere zurück. «Die Frauen haben viel erreicht», sagt sie. «Aber es bleibt noch viel zu tun. Es braucht mehr Politikerinnen, die sich für Menschlichkeit und Mitgefühl einsetzen – Werte, die unser Planet so dringend braucht.» 

Diesen Kampf hat Nanchen inzwischen an eine jüngere Generation weitergegeben. Am Sonntag wird sie für ihre Anliegen auf die Strassen gehen.

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