Darum gehts
- Vontobel und Cembra ziehen Hauptsitze aus Zürich nach Baar und Baden
- 660 Cembra-Jobs und 1500 Vontobel-Jobs wechseln aus Zürich weg
- 2025 verliessen über 250 Firmen den Kanton Zürich aus Steuergründen
Über dem Finanzplatz Zürich sind dunkle Wolken aufgezogen. Die traditionsreiche Bank Vontobel zieht mit ihrem Hauptsitz in die steuergünstige Gemeinde Baar ZG um. Dort entsteht bis 2030 ein niegelnagelneuer Campus. 1500 Angestellte sollen künftig dort arbeiten. Und nicht wie bisher in der Zwinglistadt. Von den heute sieben Standorten bleibt bloss der zentralste übrig – jener am Bleicherweg. Diesen Standort hübscht die Bank zu einer modernen Kundenfiliale auf, in der künftig gut 300 Mitarbeitende tätig sein werden.
Ein Trostpflaster für Zürich. Denn auch Cembra zieht weg. Die Bank verlegt ihren Hauptsitz von Zürich-Altstetten nach Baden AG. Der Umzug ist für Herbst 2027 geplant, wie das Finanzinstitut in einer Mitteilung schreibt. Cembra beschäftigt in der Schweiz 800 Angestellte. 660 davon arbeiten künftig vom Aargau aus – und nicht mehr am Finanzplatz Zürich. Das passt der FDP nicht, sie stellt dem Zürcher Regierungsrat kritische Fragen. Die Wirtschaftspartei macht sich Sorgen um den Standort Zürich.
«Es wird weitere Abgänge geben»
Und die sind durchaus berechtigt. Auch Immobilienexperte Daniel Stocker vom Immobilienberater Jones Lang LaSalle warnt vor weiteren Firmen, die Zürich den Rücken kehren könnten: «Ich gehe davon aus, dass es weitere Abgänge geben wird», sagt er im Interview mit der «NZZ». Von einer Krise will Stocker zwar noch nicht sprechen. Doch Zürich habe ein Problem: Viele Unternehmensstandorte müssten saniert werden. Gleichzeitig erschwerten Auflagen eine echte Modernisierung. «Momentan bietet Zürich Firmen nur wenig Manövriermöglichkeiten. Das ist gefährlich», sagt er.
Warum zieht es Unternehmen aus der grössten Schweizer Stadt? Stocker nennt mehrere Gründe: günstigere Mieten, tiefere Unternehmenssteuern und eine offensivere Standortförderung. Gerade Zug und Luzern würden Firmen stärker umwerben. «Die Servicequalität der Standortförderung gegenüber Unternehmen ist beispielsweise in Zug oder Luzern auf einem anderen Level als in der Stadt Zürich.» Das zeigt sich auch in konkreten Zahlen: 2025 haben über 250 Firmen den Kanton Zürich verlassen.
«Kein Zeichen für Wirtschaftsfreundlichkeit»
Auch die politische Haltung sieht der Immobilienexperte kritisch. Von Zürcher Politikern höre man Aussagen, man müsse «Bankern nicht hinterherrennen». Für Stocker «nicht unbedingt ein Zeichen für Wirtschaftsfreundlichkeit», wie er im «NZZ»-Interview sagt. Hinzu kommt: Wer schon umzieht, will seinen Angestellten heute etwas bieten. Die Branche spricht von einer «Flucht in die Qualität». Heisst: Gefragt sind moderne Büros an gut erreichbaren Standorten, möglichst direkt bei einem Bahnhof. Veraltete Gebäude abseits der ÖV-Knoten verlieren dagegen – selbst wenn die Mieten deutlich günstiger sind.
Zürich könnte hier ins Hintertreffen geraten. In den Jahren vor der Pandemie entstanden viele neue Büros. Inzwischen sei die Pipeline neuer Projekte jedoch «sehr ausgedünnt». Andere Städte seien pragmatischer. Basel etwa habe mit den Roche-Türmen und dem Novartis-Campus gezeigt, dass grosse Unternehmensstandorte weiterentwickelt werden könnten. Ganz abschreiben will Stocker Zürich dennoch nicht. Die Innenstadt sei bei der Erreichbarkeit «unübertroffen». Zudem werden durch den Vontobel-Wegzug attraktive Flächen frei.