Wirtschaftsexperte Vontobel ordnet ein
«Wehe, wenn die Post den Anstand verliert»

Wenn sogar der Staat kein anständiger Arbeitgeber ist, wer dann? Die von BLICK ans Licht gebrachten Schikanen bei der Post sind keine Lappalie, schreibt Wirtschaftsexperte Werner Vontobel.
Publiziert: 11.04.2019 um 16:16 Uhr
|
Aktualisiert: 11.04.2019 um 16:57 Uhr
1/8
Ab 15. April werden Mitarbeiter der Paket-Abendzustellung nicht mehr im Voraus wissen, wann ihr Arbeitsbeginn ist. Diesen werden sie dann nämlich täglich erst um 12 Uhr in der Personal-App erfahren.
Foto: Siggi Bucher
Werner Vontobel
Werner VontobelWirtschafts-Autor

Die Post fordert von ihren Pöstlern totale Flexibilität. Sie sollen möglichst immer genau und nur dann zur Arbeit erscheinen, wenn viel zu tun ist. Sie sollen gratis arbeiten, wenn eine Tour mal länger dauert. Und die SBB streicht ihren Putzkolonnen aus Kostengründen die Schmutzzulage.

Sind solche Vorkommnisse aus der Arbeitswelt weniger wichtig als beispielsweise die Rechtshändel von Julius Bär, über die der «Tages-Anzeiger» am gleichen Tag ausführlich berichtete?

Nein! Denn solche Praktiken sind ein Warnsignal. Sie zeigen, dass auch in der Schweiz der Arbeitsmarkt immer öfter totalitäre Ansprüche zumindest an die ärmere Hälfte der Arbeitnehmer stellt: Erst kommt die bezahlte Arbeit, dann vielleicht noch das Leben. Das mag zwar «kompetitiv» und «marktgerecht» wirken, ist aber verhältnisblöd.

Mit ihren flexiblen Arbeitsmodellen spart die Post weniger als ein Prozent ihrer Kosten ein. Müssten diese von den Verursachern getragen werden, würden vielleicht ein paar Werbebriefe weniger verschickt, würden mehr Rechnungen elektronisch bezahlt. Wo ist da der Schaden?

Kosten tragen die Arbeitnehmer bis zum Burnout

Werden die Kosten jedoch auf die Arbeitnehmer überwälzt, kann deren Lebensqualität massiv sinken – bis hin zum Burnout. Zudem geht die Flexibilität der bezahlten Arbeit auf Kosten der unbezahlten in den Familien, der Nachbarschaft und in Vereinen.

Dort wird nicht immer, aber immer öfter, wertvollere Arbeit geleistet als im Beruf. Die Einen ziehen Kinder gross oder bereiten das Abendessen vor, die Anderen entwickeln derivative Finanzprodukte oder vertrödeln ihre Zeit in sinnlosen Sitzungen.

Der Vorrang der Marktarbeit ist nicht nur meist unverhältnismässig, sondern verstösst auch gegen das Verursacherprinzip. Wer in der Eisenbahn die Toiletten verkackt und verkotzt, soll auch anständig für die Reinigung bezahlen. Stattdessen wollen die SBB ihrem Reinigungspersonal die Zulage von 1.45 Franken für das Putzen der Toiletten streichen.

Sie sparen damit gerade mal 200'000 Franken ein. Das sind keine 10 Rappen pro 100 Personenkilometer. Warum zahlen das nicht die Fahrgäste, von denen die allermeisten sehr viel mehr verdienen als das Putzpersonal?

«Sie sehen bloss die Zahlen unter dem Strich»

Solche Fragen stellen sich die da oben nicht. Sie sehen bloss die Zahlen unter dem Strich und geben entsprechende Sparziele vor. Dafür stellen sie für gutes Geld Leute aus St. Gallen an. Die wissen, wie man so etwas macht: Man finde vergleichbare Tätigkeiten, die noch schlechter bezahlt sind, passe das «Lohnband» auf ein «marktgerechtes Niveau» an und berechne das Sparpotential. Und und zwar möglichst dass es die Saläre der Berater übertrifft und dass unter dem Strich eine Gewinnsteigerung ausgewiesen werden, die für das Management «bonusrelevant» ist. Fertig ist die Umverteilung von unten nach oben.

Der «Blick» hat «solche Fragen» gestellt. Er hat die «Marktgerechtigkeit» anschaulich gemacht, damit Emotionen geweckt und Post-Chef Cirillo zu einer Reaktion gezwungen. Was daraus wird, ist noch unklar, aber Cirillo weiss jetzt, dass es in der Schweiz nicht genügt, sich an Gesetze und Verträge zu halten.

Darüber hinaus gibt es auch noch eine von Emotionen statt vom Profitdenken gesteuerte Grenze des Anstandes. Diese Schamgrenze ist mindestens so wichtig, wie die rein rechtliche Regulierung des Arbeitsmarktes. Ohne sie verkommt die Marktwirtschaft einer Veranstaltung für einen exklusiven Klub der Reichen.

Der Staat und seine Betriebe tragen dabei eine besondere Verantwortung. Sie setzen den Massstab. Auch die Genossenschaften Coop und Migros stehen als Arbeitgeber zu recht unter einer besonderen Beobachtung. Marktgerecht allein reicht nicht, sie müssen besser sein. Zumindest ein wenig.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Fehler gefunden? Jetzt melden
Was sagst du dazu?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.