Darum gehts
- Bündner Tradition beim ZSC: Früher wichtiger Faktor, heute ausgestorben
- Berufliche Aussichten zogen Bündner nach Zürich, heute sind die Spieler Profis
- 13 Spieler der aktuellen ZSC-Mannschaft stammen aus dem eigenen Nachwuchs
Bündner sind in der Stadt Zürich durchaus privilegiert. Der allgemein beliebte Dialekt kann bei der Wohnungssuche ein Vorteil sein. Und wenn sich ein Bündner Autofahrer im für ihn dann und wann komplizierten Grossstadt-Strassenverkehr etwas tollpatschig aufführt, dann stösst er eher auf Verständnis, als wenn auf dem Kontrollschild gewisse andere Kantonswappen zu erkennen sind. Es ist eine Art Zürcher Bergromantik.
Mit dieser hat sich über viele Jahre auch der ZSC geschmückt, Bündner waren in der Vereinsgeschichte ein wichtiger Faktor. Schon bei der Gründung 1930. Vier von sechs Spielern waren damals Bündner und Barba Noldi Gartmann aus St. Moritz der erste Captain, Heini Lohrer aus Arosa und Fredy Bieler aus St. Moritz die ersten Stars.
Die beruflichen Aussichten als Beweggründe
Diese Bündner Tradition wurde über Jahrzehnte fortgesetzt. Ihnen folgten andere Grössen wie die Gebrüder Charly und Herbert Kessler, Otto Schläpfer oder Pio Parolini. Ihre Beweggründe damals? Die besseren beruflichen Aussichten als im Bergkanton. Wegen ihres Studiums fanden in den 1970er-Jahren auch die Aroser Brüder Lolo und Hans Schmid den Weg nach Zürich, die Bündner blieben ein zentrales Element beim ZSC. Eine Auswahl von weiteren Namen, die Hockeyfans der Neuzeit eher vertraut sind: Jiri Faic, Edgar Salis, Claudio Micheli, Gian-Marco Crameri, Raeto Raffainer und von 2010 bis 2013 sogar Andres Ambühl, der nun mit Davos vor seinen letzten Spielen gegen den ZSC und vielleicht sogar der letzten Playoff-Serie seiner einzigartigen Karriere steht.
Mit Ambühls Abgang wurde auch der Bündner Dialekt in der ZSC-Kabine rarer, bis er zuletzt ganz ausstarb. Der letzte Bündner beim ZSC war der Churer Luca Capaul in der Saison 2020/21. Der heutige Rappi-Verteidiger hinterliess aber keine Spuren und bestritt nur sechs Spiele.
Andere Zeiten, andere Parameter
Daher die Frage an ZSC-Sportchef Sven Leuenberger, der seit 2017 im Amt ist: Was haben Sie gegen Bündner, dass sie keine mehr holen und mit dieser Tradition brechen? «Natürlich nichts. Ich habe mir ehrlich gesagt noch gar nie überlegt, weshalb wir keine Bündner mehr haben», so Leuenberger. «Vielleicht müsste man sich eher fragen, weshalb früher so viele Bündner beim ZSC gelandet sind und nicht bei Davos.»
Es sind andere Zeiten. Die beruflichen Aussichten ziehen heute zumeist nicht mehr – die Spieler sind Profis. Zudem produzieren die ZSC Lions als Organisation mit ihrer erfolgreichen Nachwuchs-Bewegung viel mehr eigene Spieler (aus der aktuellen Mannschaft sind es 13) als damals. Auch docken talentierte, junge Bündner heute schon viel früher beim HCD als Aushängeschild der Region an, teilweise schon auf Mini-Stufe. Vor allem auch, um schon vorzeitig in den besten Junioren-Ligen spielen zu können. Aktuelle Beispiele bei Davos: der Engadiner Davyd Barandun und die beiden Churer Yannick Frehner und Rico Gredig.
Den Bündner Dialekt bekommt der St. Galler Leuenberger übrigens trotzdem noch zu hören. Zwar nicht von Spielern in der Garderobe, aber von Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle. Durch Nachwuchs-Direktor Edgar Salis, Ausbildungschef Richi Jost, IT-Operator Jiri Faic, Finanz- und Data-Operator Sergio Soguel und den Head of Ice Paul Berri. Zürich ist und bleibt die grösste Bündner Stadt.