Darum gehts
- Oesch’s die Dritten spielen drei Konzerte am Oktoberfest in Leavenworth im US-Staat Washington
- Fans reisen aus Los Angeles und Colorado an, viele kennen die Berner Band über YouTube-Videos
- Nach 30 Jahren will die Familienband im Mai 2028 aufhören, solange Freude und Energie tragen
Lederhosen auf der Strasse, deutsche Musik aus den Lautsprechern und Berge am Horizont. Bayern? Nicht ganz. Willkommen in Leavenworth, einem amerikanischen Städtchen im Bundesstaat Washington, das sich für den Tourismus in ein bayerisches Dorf verwandelt hat. Rund 3500 Menschen leben hier zwischen bunt bemalten Häusern und Restaurants namens «München-Haus» oder «Der Ritterhof». Selbst das Oktoberfest wird hier gebührend zelebriert – so auch an diesem Wochenende.
Genau deshalb mischen sich sechs Schweizerinnen und Schweizer unter das Treiben: Sängerin Melanie Oesch (38), ihre Eltern Annemarie (63) und Hansueli (68) ihre Brüder Mike, (37) und Kevin (35) und Familienfreund Urs Meier (45). Gemeinsam bilden Oesch’s die Dritten mit drei Konzerten die Hauptattraktion des Oktoberfests.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Es bleibt Zeit für einen Spaziergang durchs Städtchen. Weit kommt die Berner Band allerdings nicht: Ein Paar erkennt sie auf der Strasse und fragt aufgeregt nach einem Selfie. Extra aus Los Angeles seien sie angereist, um Oesch’s die Dritten zu sehen. Wenig später stöbern die Oeschs durch einen Souvenirladen, probieren Hüte und Sonnenbrillen an. Eine Gruppe Frauen wird auf ihre Trachten aufmerksam. Annemarie kommt mit ihnen ins Gespräch, erzählt von den bevorstehenden Shows und stellt ihre Tochter kurzerhand als «Jodelkönigin» vor. Das wollen die Frauen hören. Melanie lässt sich nicht zweimal bitten: Zwischen Postkarten und «Holy Schnitzel»-Shirts holt sie Luft und jodelt. Sofort sind die Handys gezückt, die Gesichter strahlen.
Schon als Kind habe Melanie gemerkt, wie schnell Jodeln Menschen verbindet. Dass Fans heute Tausende Kilometer für ihre Familie zurücklegen, überwältige sie: «Das berührt mich mega fest. Ich weiss manchmal gar nicht, was ich sagen soll.» Dass ihre Musik längst weit über die Schweiz hinausreicht, verdankt die Truppe auch dem Internet: Rund 118 000 Menschen haben ihren Youtube-Kanal abonniert, ihre Videos wurden mehr als 86 Millionen Mal aufgerufen. Gerade in Amerika stosse ihre Musik auf Anklang, meint Mike Oesch: «Volksmusik gibt es hier ebenfalls, etwa mit Country. Und Jodeln hat den Vorteil, dass es unabhängig von der Sprache funktioniert.» Wie international ihre Fangemeinde ist, zeigen die Kommentare: «80 Prozent sind auf Englisch oder Spanisch.»
In dritter Generation
Am nächsten Morgen warten statt Fans Rentiere auf die Oeschs. Auf der Leavenworth Reindeer Farm füttern sie unter anderem die Zwillinge Hänsel und Gretel. Die Farm wird in dritter Generation geführt. Eine Parallele zur Familienband: Schon Hansuelis Vater Hans musizierte mit seinem Sohn und einem Kontrabassisten als Trio Oesch.
Unterwegs wird das Familienleben schon mal zur Geduldsprobe. «Manchmal ist es ganz amüsant, weil wir doch sehr unterschiedlich sind», erzählt Melanie. Die Musik sei dabei ihr grösster gemeinsamer Nenner, daneben brauche aber jeder seinen Freiraum. «Denn das gemeinsame Reisen kann auch mal anstrengend sein», gesteht Annemarie. «Aber gleichzeitig ist es natürlich ein riesiges Privileg!»
In der Band hat jeder seine Rolle: Melanie (Gesang) ist der kreative Kopf, Annemarie (zweite Stimme) kümmert sich um die Bühnenoutfits. Mike (Kontrabass) ist ruhig und technikaffin, Kevin (Gitarre) der Wirbelwind. Hansueli (Schwyzerörgeli) bringt über 50 Jahre Bühnenerfahrung und stets ein Lachen mit. Seit 15 Jahren gehört auch Akkordeonist Urs Meier dazu. Als einziger Nicht-Oesch sieht er das Erfolgsgeheimnis der Familie in ihrer gemeinsamen Leidenschaft: «Weil alle so eine Freude an dieser Musik haben, ist das einfach das Herz des Ganzen.»
Der Ton macht die Musik
Punkt zwölf steht in der Festhalle der Soundcheck an. Trotz jahrelanger Routine dauert dieses Mal alles etwas länger als gewohnt. Die Technik ist anders, einige Instrumente haben die Oeschs nicht über den Atlantik transportiert, sondern vor Ort organisiert.
Geduld ist gefragt. Kevin gefällt der Klang nicht: Es «brätscht wie en Aff». Mike hört das anders, die Brüder diskutieren. Hansueli verfolgt den Schlagabtausch grinsend und kommentiert gegenüber den Amerikanern in seinem besten Englisch: «It’s a bit difficult, hä?» («Es ist ein bisschen schwierig.») Dann begleitet er die Diskussion seiner Söhne mit Sirenengeheul aus dem Schwyzerörgeli. Alle lachen.
So schnell, wie hier debattiert wird, ist die Sache wieder gegessen. Einer spielt eine Melodie an, die anderen steigen ein. Denn Musikmachen wirkt bei Oesch’s die Dritten so selbstverständlich wie Atmen: Es passiert einfach.
Ein Juchzer geht um die Welt
Kurz vor dem Konzert kehrt hinter der Bühne Ruhe ein. Urs streift derweil neugierig durchs Gelände und begutachtet die Outfits der Besucher. Rund 1100 sind gekommen, von Lederhosen und Dirndl bis zu fantasievollen Eigenkreationen ist alles dabei. «Die Kleider stammen wohl eher aus der Fasnachtskiste», scherzt er. «Aber Hauptsache, alle haben sich herausgeputzt!» Schweizerisch pünktlich beginnt ihr Auftritt nicht. Schuld ist das Masskrugstemmen, bei dem zehn Männer und zehn Frauen ihre mit Bier gefüllten Krüge möglichst lange mit ausgestrecktem Arm halten müssen. Der Sieger hält fast zehn Minuten durch, die beste Frau 6 Minuten 40. Nachdem der Moderator noch Brezelwerfen für den nächsten Tag angekündigt hat, sind endlich Oesch’s die Dritten dran. Er begrüsst sie als «beste Jodelgruppe der Welt». Immer wieder hätten ihn Besuchende gefragt, wie er die Band überhaupt nach Leavenworth bekommen habe.
Während die einen vor allem wegen Bier und Bratwurst ans Oktoberfest kommen, nehmen andere für die Oeschs weite Wege auf sich. Eine Familie aus Colorado ist dafür gar drei Tage mit dem Auto angereist. Mit Schweizer Fahnen und Kreuzen auf den Wangen besucht sie alle drei Konzerte, obwohl sie die Band bereits 14 Mal live erlebt hat. Entdeckt hat die Familie die Oeschs auf Youtube. «Melanies Stimme und ihr Jodeln sind nicht von dieser Welt», schwärmt Mutter Alexa. Das Schwyzerörgeli habe es ihr ebenso angetan.
Bei den ersten Tönen füllt sich die Tanzfläche. Spätestens beim zweiten Lied wenden auch die Letzten den Blick von ihren XXL-Popcorntüten ab. Bald schlängelt sich eine Polonaise durch die Halle, und als Melanie zu jodeln ansetzt, juchzt das Publikum zurück. «Wir erzählen den Leuten zu Hause, dass ihr auch jodeln könnt!», ruft sie erfreut.
Mit so viel Begeisterung hatte Hansueli nicht gerechnet. Zwar waren Oesch’s die Dritten bereits vor 25 Jahren in Los Angeles, und Hansueli kennt die USA sogar von früheren Auftritten mit dem Schwyzerörgeli-Quartett Stockhorn. Bei einem Konzert in New Mexico sei damals ein Teil des Publikums nach einer Stunde gegangen. «Nicht, weil es ihnen nicht gefallen habe, sondern weil das dort offenbar üblich sei.» In Leavenworth wird bis zum Schluss getanzt. «So schön, dieses Halligalli hier!», findet Hansueli. «Und vor allem, das mit der Familie erleben zu dürfen.» Die Freude teilt Kevin, der generell gerne in den USA unterwegs ist. «Unabhängig von der Politik finde ich Amerika ein schönes Land. Ich bin gerne hier.»
Nach dem Auftritt bildet sich eine Schlange. Melanie und die anderen nehmen sich Zeit für Autogramme und Fotos. Danach verschnauft Mike backstage, Kevin und Urs gönnen sich Schnupftabak, während Hansueli und Annemarie schon zur nächsten Band tanzen.
Noch nicht der letzte Jodel
Solche Abende dürften Oesch’s die Dritten inzwischen noch mehr bedeuten. Denn das Ende ist absehbar: Kürzlich verkündete die Band, nach 30 Jahren im Mai 2028 einen Schlusspunkt zu setzen. Aufhören wollen sie, solange «Freude, Energie und Dankbarkeit grösser sind als jede Verpflichtung». Melanie kostet solche Augenblicke deshalb heute umso mehr aus. Früher habe man sich kurz gefreut und bereits dem nächsten Abenteuer entgegengeblickt. «Jetzt geniesse ich das Ganze bewusster.» Wehmut komme auf, wenn sie wisse, dass sie irgendwo zum letzten Mal auftreten. Doch die Dankbarkeit überwiegt: «Wow, schön, was wir alles gemacht haben!»
Der Gedanke an das letzte Konzert beschäftigt die Brüder unterschiedlich. Für Mike liegt der Abschied noch in weiter Ferne. Kevin hingegen glaubt, dass ihn das Ende besonders treffen wird. «Weil ich als Einziger noch keine eigene Familie habe.» Das Zusammensein mit seinen Eltern und Geschwistern ist ihm deshalb umso wichtiger. Annemarie blickt gelassener in die Zukunft. Sicher sei es schön, künftig wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen, einfach als Familie und nicht als Band. Nach 30 Jahren wissen die Oeschs, wie man gemeinsam eine Bühne verlässt. Nur noch nicht, wenns für immer ist.