Cancellara auf Abschiedstour
«Vor Leben ohne Radsport habe ich Respekt»

Nach 16 Jahren als Radprofi fährt Fabian Cancellara (35) seine letzte Saison. Er äussert sich zu den Brüssel-Anschlägen, die Hoffnung, Geschichte zu schreiben, und sein künftiges Leben. Der Berner ist heute auch beim Eintagesrennen Gent-Wevelgem im Einsatz.
Publiziert: 27.03.2016 um 13:35 Uhr
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Aktualisiert: 11.09.2018 um 03:45 Uhr
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Heute wieder im Einsatz: Fabian Cancellara startet als Vorbereitung für die Flandern-Rundfahrt bei Gent–Wevelgem.
Foto: imago sportfotodienst
Hans-Peter Hildbrand und Oliver Görz

Blick: Fabian Cancellara, mit welchen Gefühlen sind Sie nach den ­Anschlägen von Brüssel ­Richtung Belgien gereist?

Fabian Cancellara: Diese Anschläge haben mich beschäftigt. Ich habe auf die Reise mit dem Flugzeug oder der Bahn verzichtet. Eigentlich ist der Flughafen Zaventem in ­Brüssel für mich stets das Tor in eine andere Welt. Wo der Radsport die grösste Popularität geniesst. Diesmal bin ich mit dem Auto angereist. Sicher keine ideale Vorbereitung. Doch der vierte Rang am GP Harelbeke hat mir gezeigt: Ich bin auf dem richtigen Weg.

Befürchten Sie, dass ein grosses Sportereignis wie die Flandern-Rundfahrt nächsten Sonntag zum Anschlagsziel werden könnte?

Nein, denn Flandern ist nicht ­Brüssel.

Würden Sie bei einer erhöhten Bedrohungslage eine Rennabsage befürworten oder sogar selber auf einen Start verzichten?

Radsport ist in Belgien heilig. Da wird nichts passieren.

Sie präsentieren sich dieser Tage in Topform. Vier Saisonsiege, starkes Rennen in Harelbeke. Wenn Sie sich zum Abschluss ­Ihrer Karriere noch einen grossen Sieg wünschen dürften, welcher wäre es?

Wünschen? Das gibt es im Sport nicht.

Sie haben keinen Wunsch zum Abschluss Ihrer Karriere?

Doch, doch. Gesund bleiben, das ist das Wichtigste. Und klar: Ich möchte gerne noch in Flandern oder Roubaix gewinnen. Das ist mein Ziel. Wenn es nicht so wäre, könnte ich daheim bleiben. Bei Frau und Kindern. Mit meiner grossen Tochter Schulaufgaben machen. Aber das kommt erst nach der Karriere.

An die Rennen nach Flandern und Roubaix denken Sie nicht?

Im Moment stehen die Klassiker ganz klar im Vordergrund. Alles ­andere kommt danach. Mir ist ­natürlich bewusst, dass ich zum Beispiel noch nie das Maglia Rosa am Giro getragen habe. Das hätte ich gerne. Aber ich beschäftige mich im Moment nicht damit. Denn ich will einfach alles geniessen. Rennen für Rennen.

Und nebenbei noch Radsport-­Geschichte schreiben.

Sie meinen zum vierten Mal Paris–Roubaix gewinnen wie die Rekordsieger Roger de ­Vlaeminck und Tom Boonen. Oder Flandern gewinnen, da wäre ich sogar der Einzige mit vier Siegen – und das noch an der 100. Auflage des Rennens. Wenn ich das schaffe, geben sie mir wohl den belgischen Pass. Ja, ja, das ist mir alles bewusst.

Ist dann nicht die Gefahr gross, dass Sie sich zu sehr auf diese zwei Rennen fokussieren?

Nein, ich habe mit meinen vier ­bisherigen Saisonsiegen ja schon gezeigt, dass ich überall gewinnen will. Ich bin einfach viel gelassener. Ruhig. Motiviert. Ich habe Freude. Klar habe ich auch Druck, aber ich weiss, unser Team ist stark, und ich bin es auch. Und meine Form habe ich nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Ich habe viel und hart trainiert.

Ist Ihnen das leichter gefallen, weil es das letzte Jahr ist?

Ich war wieder viel weg, habe auf viel verzichtet. Das vergisst man schnell, wenn man nur die Siege sieht. Wenn es nächstes Jahr für mich weiterginge, wäre ich ganz anders in diese Saison gestartet. Aber so war ich ganz ruhig. Und hatte letztlich eine tolle Vorbereitung. Mit dem Gefühl, meine Hausaufgaben mehr als gemacht zu ­haben.

Wie wichtig ist Ihnen die ­Geschichte hinter den Siegen, die Entbehrungen, die Mühen, nach einem schwierigen Jahr nochmals zurückzukommen?

Das ist das, was es speziell macht. Es geht um mehr, als nur zu gewinnen. Die Geschichte ist grösser als der Sieg. Im Gegensatz zu anderen habe ich all diese Rennen schon ­gewonnen. Darum ist mein Empfinden ein ganz anderes, wenn ich da am Start stehe. Mit vielen Erinnerungen. Guten und weniger guten.

Sie sind körperlich einer der stärksten Fahrer ...

... einer der schwersten auch... (lacht)

... die eingefallenen Wangen vermitteln einen anderen Eindruck.

Ich bin immer noch gleich schwer. Ich habe zwar etwas weniger Fett, aber die Muskeln sind wohl stärker. Das macht mich am Berg vielleicht ein bisschen besser.

Aber trotz der körperlichen Stärke waren Sie mental oft auch recht fragil, oder?

Ja, diese Seite gibt es auch. Wenn ich ­gestürzt bin, hat das irgendwo Spuren hinterlassen. Wie letzte Saison: Kaum hatte ich den Sturz in Harelbeke weg­gesteckt, folgte an der Tour der nächste. Ich war den Stürzen ausgeliefert, war nicht der, der ich sein wollte. Ich war ­daheim mit der Familie, aber ich konnte nicht viel machen. Nicht mal mit den Mädchen spielen. Ich war wie ein nasser Lumpen. Das hat mich sehr viel Energie gekostet.

Viele hätten sich gehen lassen. ­Hätten sich Fett angefressen. Woher nehmen Sie die Kraft, weiterhin so diszipliniert zu sein?

Solange ich Profi bin, weiss ich, um was es geht. Seit letztem Herbst habe ich sehr stark auf die Ernährung geschaut. ­Bekam so eine grosse Vitalität zurück. Das musste sein, denn ich war schliesslich das ganze letzte Jahr vollgepumpt mit Schmerzmitteln und Anti­biotika. Darum wollte ich etwas für den Körper machen.

Was haben Sie umgestellt?

Keine Nussgipfeli während dieser Zeit, keinen Alkohol. Nur die Zeit um Weihnachten habe ich genossen. Das eine oder andere Glas Wein mit der ­Familie, den Freunden, den Kollegen. Ich konnte das geniessen, aber ich wusste, danach muss es auch wieder gut sein.

Apropos Familie und Freunde. Ist Ihnen ­bewusst, dass sich Ihr Leben nach 16 Jahren als Radprofi 2017 radikal ändern wird?

Ich weiss. Vor dem neuen Leben ohne Radsport habe ich Respekt. Deshalb werde ich mir dafür auch die nötige Zeit nehmen.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was Sie nächstes Jahr erwartet?

Ich fange bei null an, das ist mir klar. Ich will nach dem Karriere-Ende erst einmal mein neues Leben in den Griff bekommen. Ich will einen normalen Rhythmus finden. Ich kann mir im Vergleich zu anderen Rennfahrern eine Ruhezeit leisten. Aber ich gehe sicher nicht los, kaufe mir das nächste coole Auto und spiele ein bisschen den Clown. Das will ich alles nicht.

Belgiens früherer Radstar ­Johan Museeuw hat einmal ­gesagt, kein Radprofi sei für das Leben danach bereit ...

Ich habe in der Bäckerei Brot ­gekauft, habe auf der Post Einzahlungen gemacht. Ich hatte stets meinen Draht zur normalen Welt. Das war mir wichtig. Klar, je mehr du weg bist und in dem Kokon Radsport lebst, desto weniger hast du Bezug zu den alltäglichen Dingen. Einige Fahrer haben 100 Berater im Rücken. Aber das war nie mein Weg. Ich werde mir neue Ziele setzen und will auch in Zukunft noch etwas bewegen.

Als Sprecher der Fahrerorganisation? Sie haben sich ja in den letzten Jahren an den Rennen stets als Wortführer gemeldet.

Der Radsport hat sich geändert. Viele Dinge konnte ich als Rennfahrer nicht ändern. Vielleicht kann ich es in Zukunft in einer ­anderen Rolle.

Als Direktor der Tour de Suisse?

Nein. Als Direktor kann man zu wenig entscheiden.

Können Sie das konkretisieren?

Ich möchte so entscheiden, wie es die interne Organisation will. Und nicht wie der Etappenort oder das Durchfahrtsdorf. Oder was die ­Polizei sagt. Sponsoren. Fernsehen. Wenn ich organisiere, dann will ich nicht der Handlanger sein. Organisieren zum Wohle des Sports.

Was würde Sie reizen?

Vielleicht gehe ich an die Schule. Mein Englisch verbessern. Irgendetwas wird gemacht. Sonst verliere ich das, was ich 16 Jahre lang aufgebaut habe. Aber ich kann nicht heute aufhören und dann ­Direktor einer Tour de Suisse ­werden. Das geht nicht. Wer ein Restaurant haben will, muss auch erst Teller waschen. Kartoffeln rüsten. Dann vielleicht mal servieren. Sich weiterbilden. Und irgendwann kann man mal daran denken, Chef zu werden. Aber von ­einem hohen Ross auf das andere springen, das geht nicht.

Sie klingen sehr abgeklärt, als hätten Sie Ihren Frieden ­gemacht. Auch mit den Tiefschlägen der letzten Jahre. Was nehmen Sie für die Zukunft mit?

Die Gelassenheit. An einigen Niederlagen war ich selbst schuld. Die Fehler bei der WM 2009 in Mendrisio oder an den Olympischen Spielen in London, wo ich mögliche Siege verschossen habe, waren für mich Wegweiser: für Trainings, für Rennen, für mein weiteres ­Leben. Aber ebenso manche Siege. Solche, bei denen ich mich auf ­meinen Instinkt verlassen habe.

Ihr schönster Sieg – Harelbeke 2010? Dreimal einen Platten, dreimal abgehängt. Dann ­rasten Sie zum Sieg, als hätten Sie ­einen Töff!

Ja, das mit dem Töff. Die Leute ­haben öfters gemeint, ich hätte ­einen Töff. Ich habe ja schon viele Rennen gewonnen, aber die Resonanz meines dritten Sieges bei den Strade Bianche Anfang März schlug wirklich Wellen. Die Leute haben meine Leidenschaft gespürt. Sie sahen in mir einen «alten Rennfahrer» wie aus einer anderen Zeit. So wie ich zum Sieg fuhr – das habe es seit Jahren nicht mehr gegeben.

Spüren Sie den Respekt der ­jungen Fahrer?

Die jungen Fahrer fühlen sich heute schnell mal als Stars. Für mich war es schwieriger, gut zu werden. Auf der anderen Seite habe ich es vielleicht auch einfacher als meine Vorgänger. Heute liest man ja fast nichts mehr von den ehemaligen Rennfahrern. Ich will mich nicht in den Vordergrund stellen oder gar abgehoben wirken, aber ich habe wohl gute Chancen, dass das mit mir nicht der Fall sein wird.

Heute steht in Belgien das Eintagesrennen Gent-Wevelgem auf dem Programm. Auch Fabian Cancellara ist am Start. Denn Rennbericht lesen Sie hier auf Blick.ch.

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