Die Schiris
Na, das ist mal eine Überraschung. Als Lukas Fähndrich nach einer Stunde zum Bildschirm an der Seitenlinie marschiert, wird ihm dort gezeigt, wie der Ball Sebastian Walker an den ausgestreckten Arm geht. Aber er sieht auch, wie überrascht Walker davon ist, dass der Ball überhaupt bis zu ihm durchkommt – und entscheidet darum nicht auf Handspenalty. Ist das konsistent mit den anderen Entscheidungen in der Liga? Eher nicht. Ist es richtig, weil der Penalty eine viel zu grosse Bestrafung für die Aktion gewesen wäre? Eher ja.
Fähndrich erklärt nach der Partie im TV bei Blue seinen Gedankengang. Sein Hauptpunkt: «Für mich war entscheidend, dass ich nicht das Standbild nehme für den Entscheid, sondern den Ablauf. Der Verteidiger hat die Hand dort draussen, weil er im Zweikampf ist. Er rechnet mit einem abgelenkten Ball und will die Hand zurückziehen, als er merkt, dass dies nicht der Fall ist. Für mich ist das ein natürlicher Bewegungsablauf.» Fähndrich sagt zudem: «Ich verstehe den VAR, dass er interveniert hat, weil der Arm weit ausgestreckt war und es in dieser Saison schon vergleichbare Situationen gegeben hat.» Trotzdem ist Fähndrich auch nach Konsultation der Bilder bei seinem Entscheid geblieben.
Das Spiel
Der FCZ beendet die Thuner Mega-Serie. Seit drei Monaten haben die Berner Oberländer nicht mehr verloren – 13 Spiele in Folge. Zwölf davon haben sie gewonnen. Nun verliert der Leader im Letzigrund 1:2.
Es beginnt alles wie erwartet. Der FC Thun kommt wie die Feuerwehr aus der Kabine, verpasst es aber, seine Möglichkeiten in etwas Zählbares umzumünzen. Allein Sturmtank Brighton Labeau vergibt dreimal.
Ganz anders der FCZ: Mit der ersten Szene vor dem Tor der Gäste gehen die Zürcher in Führung. Der Leader lässt sich vom Gegentreffer aber wie gewohnt nicht beirren. Die Thuner drücken weiter, kommen immer wieder zu Abschlüssen – allerdings nicht mehr ganz so gefährlich wie noch vor dem Rückstand. So braucht es Mittelfeld-Anführer Leonardo Bertone, der schon zum vierten Mal in dieser Saison sehenswert trifft.
Beinahe nimmt Thun wie schon in den letzten drei Spielen gegen St. Gallen (2:2), YB (2:1) und GC (5:1) erneut nach Rückstand noch etwas mit. Doch diesmal kommt es anders, weil der FCZ auch nach der Pause aus dem Nichts trifft.
In der zweiten Halbzeit geht es weniger heiss zu und her. Für Spannung sorgt lange einzig eine VAR-Intervention: Nach einem langen Einwurf von Bertone springt Walker der Ball an den Arm, Schiedsrichter Lukas Fähndrich wertet die Szene nach langem Videostudium als nicht penaltywürdig.
Dann schlägt Cavaleiro zu und beschert dem FCZ einen schmeichelhaften Sieg. Das dürfte die Zürcher herzlich wenig kümmern. Weil Stadtrivale GC parallel in Genf unter die Räder kommt, kriegt das Team von Dennis Hediger im Abstiegskampf nun viel Luft.
Die Tore
15. Minute, Damienus Reverson, 1:0. Nach dem Thuner Startfurioso wirds bei einer FCZ-Ecke brenzlig. Nachdem die Berner Oberländer die erste Gefahr gebannt haben, flankt Berisha aus dem linken Halbfeld auf den weiten Pfosten, wo Reverson per Kopf zur Stelle ist.
38. Minute, Leonardo Bertone, 1:1. Weil die Top-Chancen nicht genutzt werden, muss es ein weiteres Bertone-Traumtor richten. Der Thuner Kunstschütze zieht von der linken Strafraumgrenze per Dropkick einfach mal ab und trifft in die weite Torecke. Er hat in dieser Saison schon mehrmals sehenswert getroffen.
77. Minute, Ivan Cavaleiro, 2:1. Wieder findet eine Flanke von Berisha – diesmal von rechts – den Kopf eines Mitspielers. Cavaleiro steigt am höchsten und trifft aus rund zehn Metern.
Die Stimmen (gegenüber Blue)
Dennis Hediger (FCZ): «Ich wollte nicht gerade mit den Knien auf den Rasen rutschen, aber nach sechs Minuten Nachspielzeit, die nochmal verlängert wurde und dem Hintergrund der letzten Wochen, wo es hinten raus schlecht lief, ist es umso schöner, hat es jetzt geklappt. Es hätte auch schon letzte Woche so kommen können. Aber gegen Thun, das eine unglaubliche Saison spielt, und nach dieser Woche, in der die Mannschaft viel Kritik einstecken musste, war das die richtige Antwort.»
Leonardo Bertone (Thun): «Man kann nicht die ganze Meisterschaft durch gewinnen, aus Niederlagen kann man lernen. Man sieht, dass es kein Selbstläufer ist. Wir müssen jetzt die Konzentration und Energie hochhalten, so können wir dann wieder unsere Punkte holen. Vielleicht tut es sogar gut, verliert man mal wieder.»
Alexander Hack (FCZ): «Nach den letzten Wochen, in denen wir gefühlt jedes Spiel in der letzten Minute verloren haben, tut das natürlich gut. Heute war es ein Kampf bis zum Ende. Es war sicher kein schön anzuschauendes Spiel, aber im Abstiegskampf, in dem wir sind, geht es einfach darum, die Punkte zu holen.»
Der Beste
Zwei Assists und eine beruhigende Präsenz im Zürcher Zentrum. Valon Berisha gelingt sein bislang bestes Spiel im Dress des FCZ.
Der Schlechteste
In der 5. Minute ist er im eigenen Strafraum so desorientiert, dass er fast ins eigene Tor köpft. Da hat David Vujevic noch Glück, dass Silas Huber den Ball an den Pfosten lenkt. Aber das rettet den Abend des Zürcher Innenverteidigers nicht, der im Duell mit den Thuner Stürmern ein ums andere Mal den Kürzeren zieht und zu allem Übel nach 70 Minuten auch noch verletzt vom Platz muss.
Das gab zu reden
Letzten Dienstag wurde die sportliche Führung des FCZ in das Familien-Büro der Canepas beordert. Für Präsident Ancillo Canepa «keine Krisensitzung», wie er vor dem Spiel auf Blue sagt. Und doch: Trainer Dennis Hediger greift bei seinem Aufgebot durch. Matthias Phaëton, Chris Kablan und Bledian Krasniqi erhalten kein Aufgebot. Sie hätten sich unter der Woche zu wenig aufgedrängt, erklärt Hediger seine Massnahme. Und siehe da – sie wird mit einem Sieg belohnt.
Die Fans
Jetzt ist es also so weit: Der FC Thun bringt inzwischen so viele Fans mit, dass es für einen richtigen Fanmarsch samt polizeilicher Begleitung reicht. In Zürich zeigt die Zuschauerentwicklung in die etwas andere Richtung. Zwar werden wieder über 10’000 verkaufte Tickets verkündet – 13’234. Aber die Reihen sind wie schon gegen Sion und Lausanne arg gelichtet.
So gehts weiter
Nach der Länderspielpause trifft Thun am Karsamstag auswärts auf Lugano (18 Uhr). Der FCZ reist am Ostermontag zum FC St. Gallen (16.30 Uhr).
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 31 | 37 | 71 | |
2 | FC St. Gallen | 31 | 23 | 56 | |
3 | FC Basel | 31 | 8 | 52 | |
4 | FC Lugano | 31 | 10 | 51 | |
5 | FC Sion | 31 | 9 | 46 | |
6 | BSC Young Boys | 31 | 5 | 46 |






