Darum gehts
- Velofahrer stürzte 2023, nachdem er von einem Auto-Rowdy gerammt wurde
- Derselbe Rowdy warf 2024 an einem Konzerte eine Pyro-Fackel und verletzte einen Teenager leicht
- Die Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen versuchter Tötung und schwerer Körperverletzung an
Prozess vorbei – Urteilsverkündung am Dienstag
Der Richter schliesst die Verhandlung. Das Urteil soll am Dienstagmorgen um 10 Uhr verkündet werden.
Endrit D. entschuldigt sich
Nun erteilt der Richter dem Beschuldigten das Schlusswort. «Ich möchte mich bei Luca K. entschuldigen. Ich wollte ihn nie verletzen. Es tut mir leid», sagt Endrit D.
Verteidiger bleibt hart
Der Verteidiger übernimmt noch einmal das Wort. Er bleibt dabei: die Neuanschaffung und Reparatur eines Velos solle sein Mandant nicht bezahlen müssen.
Opfer muss sich rechtfertigen
Dem Opfer wurde vorgeworfen, die Reparatur seines alten Velos und die Anschaffung eines neuen in Rechnung gestellt zu haben. Luca K. erklärt: «Ich habe versucht, mein beschlagnahmtes Velo zurückzubekommen. Man konnte mir nicht sagen, wann ich es wieder bekomme. Deshalb die Neuanschaffung.»
Dann äussert er sich zum erlebten Trauma, das laut Verteidigung nur «selbst diagnostiziert» war. Luca K. stockt, erklärt: «Wenn ich hinter mir ein Auto hupen höre, möchte ich auf den nächsten Baum springen.»
Wer zahlt die Kosten?
Der Staatsanwalt will schliessen, der Richter unterbricht ihn: «Ihre Gebühren Herr Huwiler – klären sie uns auf.»
Huwiler erklärt, es seien zahlreiche Gutachten, Berichte und Ermittlungen nötig gewesen. «Sie entscheiden», setzt Huwiler an, «ob der Beschuldigte oder der Steuerzahler die Kosten übernimmt.»
«Würden Sie einen betrunkenen Vergewaltiger freisprechen?»
Zum geforderten Freispruch im Fall des Pyro-Wurfs äussert sich Huwiler pointiert: «Nur weil einer betrunken ist, kann er nicht freigesprochen werden. Oder würden Sie einen betrunkenen Vergewaltiger freisprechen?»
Staatsanwalt schlägt zurück
Das Wort geht erneut an Staatsanwalt Michael Huwiler. Er darf sich zur Kritik des Verteidigers äussern.
Huwiler betont, Endrit D. sei Luca K. bis auf drei Meter aufgefahren. Und er habe zugegeben, dass er gehupt habe. «Wer sich so verhält, will nur eines: dass der Andere aus dem weg geht», so der Staatsanwalt.
Endrit D. habe sein Leben «umgekrämpelt»
Sein Mandant habe sein Leben «umgekrämpelt», sagt der Verteidiger abschliessend. «Er macht eine Verkehrstherapie, konzentriert sich auf seine Arbeit und die Gründung einer Familie.»
Damit schliesst er sein Plädoyer. Der Richter unterbricht die Verhandlung für einige Minuten.
14'500 Franken Geldstrafe statt Knast.
Lorenz Andrey fordert für seinen Mandanten eine Geldstrafe von 14'500 Franken (145 Tagessätzen an je 100 Franken).
Beschuldigter weint
Endrit D. wischt sich erneut die Tränen weg, als der Verteidiger über seine Familie spricht.
Die Zürcher Rosengartenstrasse ist für Velofahrer ein hartes Pflaster. Besonders im Morgenverkehr. Lastwagen und gestresste Autofahrer donnern die 50er-Strecke Richtung Hardbrücke hinab – dicht an dicht, Spur an Spur. Unter ihnen: Endrit D.* (35), der sich über einen Velofahrer vor ihm aufregt. Er hupt, fährt dicht auf. Doch der Velofahrer lässt sich nicht beeindrucken. Also rammt D. ihn kurzerhand. Der Mann stürzt mitten auf der Strasse. Endrit D. fährt weiter.
So beschreibt die Zürcher Staatsanwaltschaft den Unfall im April 2023. Der Autofahrer, ein gebürtiger Kosovare, muss sich nun vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Ihm werden versuchte vorsätzliche Tötung und weitere Delikte vorgeworfen. Der Prozess startet am Donnerstagmorgen.
Ramm-Manöver laut Anklage ein Racheakt
Staatsanwalt in dem Verfahren ist der Raserjäger Michael Huwiler. Er muss dem Gericht beweisen, dass Endrit D. den Velofahrer töten wollte – oder dessen Tod zumindest in Kauf nahm.
Die Anklageschrift beschreibt das Vorgehen des mutmasslichen Täters detailliert. Endrit D. fährt an jenem Morgen die Rosengartenstrasse hinab Richtung Hardbrücke. Vor ihm: Velofahrer Luca K.*, der mit knapp 50 Stundenkilometern unterwegs ist. Obwohl dies bereits die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ist, versucht Endrit D., ihn zum Spurwechsel zu nötigen.
Er hupt mehrfach und fährt bis auf etwa drei Meter auf Luca K. auf. Kurz vor der Hardbrücke überfährt er eine Sicherheitslinie, um rechts zu überholen. Auto und Velo fahren kurze Zeit sehr nah nebeneinander. Sekundenlang. Dann zieht D. nach links und rammt Luca K. – «um ihm eine Lektion zu erteilen», wie es in der Anklageschrift heisst.
Der Velofahrer stürzt und wird «nur durch Zufall» nicht von den Fahrzeugen hinter ihm überrollt. Er kommt mit einer ausgerenkten Schulter, einem gebrochenen Finger und Schürfwunden davon. Endrit D. ist da schon verschwunden.
Die Staatsanwaltschaft argumentiert, Endrit D. habe gewusst, dass Luca K. durch das Rammen im dichten Morgenverkehr auf einer 50er-Strecke hätte überrollt werden und sterben können. Deshalb die Anklage wegen versuchter Tötung.
Fackel in Konzertpublikum geworfen
Noch am selben Tag nimmt die Polizei ihn fest. Er sitzt zwei Tage in Untersuchungshaft. Doch damit nicht genug: Etwa ein Jahr später, im Juli 2024, wird D. laut Anklage erneut straffällig. An einem Konzert des US-Rappers Travis Scott hebt er eine Pyro-Fackel vom Boden auf und wirft sie in die Menge. Die Fackel ist zwischen 1000 und 2000 Grad heiss und trifft den Teenager Henry M.** (16).
«Ich war mit zwei Kollegen am Konzert», sagt M. zu Blick. «Dann sah ich, wie auf der anderen Seite des Stadions eine Fackel gezündet wurde.» Travis Scott habe das Konzert unterbrochen und den Pyro-Zünder aufgefordert, die Fackel auszumachen. Henry M. und seine Freunde hätten gewartet, bis es weitergeht. «Dann sah ich plötzlich die Fackel in der Luft, wie sie näher und näher kam», erinnert er sich.
Einer seiner Kollegen filmt. Auf dem Video sieht man, wie Henry M. sich im letzten Moment zur Seite duckt. Die Konzertbesucher um ihn herum springen auseinander. M. erzählt: «Die Fackel hat mich kurz am Kopf getroffen und dann meine Hände leicht verbrannt. Es tat nicht so fest weh.»
«Er bereut das bestimmt»
Diesmal kommt Endrit D. vorerst davon. Erst viereinhalb Monate später wird er festgenommen. Die Staatsanwaltschaft führt die beiden Verfahren zusammen. Beim Pyro-Wurf geht sie von versuchter schwerer Körperverletzung und mehrfacher Gefährdung des Lebens aus. Henry M. selbst nimmt es dem Angeklagten nicht übel: «Er bereut das bestimmt», sagt er.
Der Prozess beginnt am Donnerstag um 8.30 Uhr. Blick berichtet live aus dem Gerichtssaal. Der Angeklagte und sein Anwalt wollten sich auf Anfrage nicht zu den Vorfällen äussern. Es gilt die Unschuldsvermutung.
* Name geändert
** Name bekannt