Darum gehts
Fabio D.* (42) ist stinksauer. Die Gemeinde Birsfelden BL hat ihm eine zweite Mahnung für eine Busse geschickt. Der Grund: Der Lastwagenchauffeur soll gegen die 15-Minuten-Regel der automatischen Durchfahrtskontrolle verstossen haben. Diese besagt: Um den Stau-Umfahrungsverkehr aus Wohnquartieren zu verjagen, dürfen Autofahrer nicht mehr die früher vom Verkehr belasteten Quartierstrassen nutzen. Sie müssen mindestens eine Viertelstunde dort verbringen. Oder das Quartier am Einfahrtspunkt wieder verlassen. Das System funktioniert automatisch, mit Kameras. Die Nulltoleranz bei Überschreitungen sorgte schon für so manchen Stunk!
Im Brief an Fabio D. steht: Einfahrt 21.16 Uhr, Ausfahrt 21.31 Uhr – macht 100 Franken Strafe. Nur: Nach Adam Riese sind das 15 Minuten. Heisst: Eigentlich hat sich der 42-Jährige an die Regel gehalten. Weshalb trotzdem die Busse?
«Wir müssen streng sein!»
An dem Donnerstagabend im November hat der Basler einen Freund aus Birsfelden nach Hause gefahren. «Ich war mir bewusst, dass ich erst nach 15 Minuten wieder rausfahren darf», sagt der Chauffeur. «Ich habe darum auch noch auf einem Parkplatz angehalten und Instagram geguckt. Als die 15 Minuten vorbei waren, fuhr ich los.»
Nur: Leider fuhr er 12 Sekunden zu früh los, wie Blick auf Anfrage erfährt. Fabio D. fragt: «Warum gibt es keine Toleranz von 5 Prozent wie bei Geschwindigkeitsbussen?»
Martin Schürmann, Leiter der Gemeindeverwaltung Birsfelden, sagt zu Blick: «Wir müssen knallhart sein, sonst verhalten wir uns nicht korrekt. Wir hatten sogar einen Fall, da war der Autofahrer nur eine Sekunde zu kurz im Quartier. Die Messungen sind genau, es gibt keine Toleranz», erklärt Schürmann.
Positive Zwischenbilanz
Seit dem 1. September 2025 setzt Birsfelden die automatische Durchfahrtskontrolle ein. Schürmann zieht eine positive Bilanz: «Die Situation ist im Vergleich zu vorher wie Tag und Nacht. Die Quartierstrassen waren zu Stosszeiten durchgehend verstopft. Seit die Pendler das System verstanden haben, sehen die Quartierstrassen aus wie während Corona. Die Anwohner können nach Hause fahren, ohne anzustehen.»
Im Quartier rund um die Muttenzerstrasse zeigt eine kurze Umfrage, dass die meisten Anwohner sehr zufrieden sind mit dem System. Dass die tägliche Blechlawine verschwunden ist, freut die Leute. Fast jeder Anwohner hat aber eine kleine Geschichte, wie ein Familienmitglied in die Falle getappt ist.
Ärger für Handwerker
Besonders ärgerlich findet das System der Chef einer ansässigen Handwerksfirma. Weil seine Angestellten nicht im Quartier wohnen, erhalten sie keine Durchfahrtsbewilligung. Wenn sie etwas vergessen und zu schnell wieder unterwegs sind, kostet sie das 100 Franken. Die Firma übernimmt die Busse nicht. Auch schon passiert: «Wir mussten notfallmässig ausrücken, um eine Person aus einem steckengebliebenen Lift zu holen», erzählt der Chefmonteur. Und weiter: «Der Auftrag wurde schnell erledigt, da war aber per Zufall schon der nächste Passagier eingesperrt. Der Liftmonteur wollte den Kunden nicht schmoren lassen, darum kassierte auch er eine 100-Stutz-Post.»
Es gibt aber auch grundsätzliche Kritik: Die Birsfelderin Silvia Turner (71) wohnt im betroffenen Quartier. Sie sagte zu Blick: «Wir fühlen uns wie im Gefängnis!» Dass die Strassen rund ums Quartier nun alle mit Kameras überwacht werden, findet sie beunruhigend. Familienmitglieder könnten sie, die zeitweise auf einen Rollator angewiesen ist, wegen der 15-Minuten-Regelung weder schnell abholen noch zurückbringen. Autonummern von Familienmitgliedern können nicht zur Durchfahrt registriert werden. «Es ist eine total familienunfreundliche Lösung», findet Turner.
*Name bekannt