«Er wurde mit Samthandschuhen angefasst»
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Reporterin zur Verhandlung:«Er wurde mit Samthandschuhen angefasst»

«Er konnte auf klare Fragen keine Antworten geben»
Verteidiger des Missen-Killers greift Gutachter Urbaniok an

Im Jahr 2024 gab es rund 20 Femizide in der Schweiz – unter den Opfern: Ivana L.* (†38). Nun wird ihre Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verhandelt. Der Angeklagte: ihr Ehemann Thomas L.* (43).
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Thomas L. steht am 4. Mai vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz.
Foto: FACEBOOK

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ivana L. (†38) wurde im Februar 2024 von Ehemann getötet
  • Staatsanwaltschaft wirft Thomas L. Mord und Störung des Totenfriedens vor
  • Urteil am 13. Mai erwartet, Strafmass noch nicht bekannt
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Qendresa LlugiqiReporterin News
vor 11 Minuten

Es geht weiter

Verteidiger von Wartburg übernimmt. 

Er möchte auf die Beweis-Situation eingehen. Er findet: Es sei schwer, in diesem Fall Beweise zu finden. «Es besteht eine Beweisbedürftigkeit für alle objektiven und subjektiven Tatbestände.» Er betont: «Nicht der Beschuldigte muss seine Schuld beweisen.»

Von Wartburg zielt wohl auf einen Freispruch im Sinn von «im Zweifel für den Angeklagten» oder zumindest die Anerkennung einer Notwehr-Situation.

vor 35 Minuten

Pause

Es folgen 15 Minuten Pause. Danach will wieder Verteidiger von Wartburg übernehmen. Daraufhin will sich Sine Selman weiter äussern.

vor 36 Minuten

Die Tat

Dann geht Selman auf die Tat ein.

Das Paar habe sich zusammengesetzt, um ein gemeinsam ausgemachtes Gespräch zu führen. Gemäss Selman ging es unter vor allem um finanzielle Themen. So etwa um Konto-Vollmachten und das Ferien-Budget.

Sie beschreibt, wie Ivana L. ihn mit dem Messer angegriffen haben soll. Sie soll versucht haben, zwei Mal zuzustechen. Erst da habe Thomas L. sie an den Hals gepackt. Es sei zu einem «Abwehrchaos» gekommen.

Für Thomas L. sei der Messer-Angriff «völlig überraschend» gekommen. «Es ist etwas anderes, wenn man mit einem Absatz-Schuh oder einem Messer angegriffen wird», so Selman. Ein Angriff mit dem Messer aus nächster Nähe könne lebensbedrohlich sein – egal, wie gross das Messer sei.

vor 39 Minuten

Paar plante Zukunft

Nun schliesst Selman das Vorleben. Sie wechselt zum Zeitpunkt kurz vor der Tat. 

Die Verteidigerin geht nun darauf ein, ob für Ivana L. tatsächlich eine Trennung im Raum stand oder nicht. Die Verteidigung möchte hier wohl erklären, dass Thomas L. gar keinen Grund für die Tötung hatte. Selman sagt: «Eine Trennung stand nicht zur Debatte.»

Dinge, die gemäss Selman gegen eine Trennung sprechen sollen: Das Paar schaute sich ein neues Haus als Familiensitz an. «Ivana leitete ihm das Inserat weiter und er fand: "Wow!" Er fragte auch, wie weit denn das Objekt vom Bahnhof ist.» Ein anderes Beispiel: Das Paar plante das Budget für gemeinsame Ferien. Heisst: Das Paar soll die Zukunft geplant haben.

15:49 Uhr

«Weibliche Gewalt»

Selman möchte nun auf die weibliche Gewalt eingehen. Erneut zitiert sie die Freundin, die in einer Befragung angab, dass das Opfer Ivana L. immer wie «kälter» wurde. 

Anders als bei Thomas L. sei im Leben von Ivana L. Gewalt ein Thema gewesen. So habe eine Nachbarin in einer früheren Beziehungsstreit (Anm. der Redaktion: nicht mit Thomas L.) eingreifen und schlichten müssen.

Selman zitiert aus dem Tagebuch von Thomas L. Ehefrau Ivana L. soll ihn nicht nur beschimpft, sondern immer wieder auch mit Gegenständen – etwa mit einem Stöckelschuh – angegriffen haben.

Laut der Polizei sind die Notizen zeitnah an den Vorfällen geschehen. 

«Thomas L. hat jedoch geschwiegen. Aus Scham», wie Selman sagt. «Nicht einmal in der Paartherapie bringt er es übers Herz, darüber zu sprechen.» Ausserdem sei es ihm wichtig gewesen, diskret zu bleiben.

Weiter führt Selman aus: «Frauen mit Migrationshintergrund werden öfter gewalttätig als Schweizer Frauen.» Und: «Menschen mit Migrationshintergrund – geschlechtsneutral – sind eher Täter oder Opfer von Gewalt.»

Selman zitiert weitere Menschen, deren Aussagen die These der «weiblichen Gewalt» untermauern sollen.

15:49 Uhr

«Gewalt kein Thema»

Selman geht auf bisherige Situationen ein, in denen Thomas L. mit Gewalt in Zusammenhang gebracht wird.

Zum Polizeieinsatz vom Sommer 2023 erklärt sie etwa: «Thomas L. ist nicht gewalttätig geworden.» Die Hämatome von Ivana L. sollen davon stammen, dass sie sich den Arm in der Türe eingeklemmt hat.

Und der Vorfall mit der Ex, bei dem Thomas L. ihr über den Fuss fuhr, soll gemäss Selman «aus Versehen» passiert sein. Die Verteidigerin rückt aber auch die ehemalige Freundin in ein schlechtes Licht. 

Selman hält fest: «Im Vorleben von Thomas L. war Gewalt kein Thema.»

15:31 Uhr

Verzicht auf Ausführungen

Selman erklärt ihre weitläufigen Ausführungen. Auch das Vorleben des Paares sei in diesem Fall relevant.

Auf manche ihrer Ausführungen wird hier verzichtet. Der Grund: Gericht und Vertreter der Opfer bitten darum – etwa, weil die Verteidigung höchst persönliche Informationen von Ivana L. publik macht und breittritt.

Nachdem sie auch auf das finanzielle Ungleichgewicht eingeht – Thomas L. soll dieses gestemmt haben – fragt Selman: «Wieso erzähle ich Ihnen all das?» Vielleicht habe sich dieses Ungleichgewicht negativ auf die Stimmungslage von Ivana L. ausgewirkt. 

Die Paartherapie habe begonnen, weil sie beide verschiedene Auffassungen bezüglich der Kindererziehung hatten. Selman: «Als Hilfeschrei dokumentierte jeder die Verfehlungen des anderen.» Nur: Darin soll Ivana L. keine Gewalt von Thomas L. dokumentiert haben. 

Hierzu ist zu sagen, dass die Staatsanwältin am Dienstagmorgen jedoch einen Vorfall aus diesen Unterlagen präsentierte. So soll Thomas L. seine Frau so sehr gestossen habe, dass diese über eine Kommode hinweg auf den Boden knallte.

15:13 Uhr

«Kultureller Druck»

Verteidigerin Selman betont, dass sich zwei Menschen geliebt haben, die eigentlich gegensätzlicher nicht sein könnten.

So hätten sich die beiden in Engelberg bei einem Skiurlaub kennengelernt. Er sei von der «erfolgreichen Powerfrau» beeindruckt gewesen. Schnell seien sie zusammengekommen und zusammengezogen. Thomas L. wollte ihre Kultur kennenlernen, reiste mit ihr nach Bosnien, in ihre Heimat. Bei einer solchen Reise habe er ihr auch einen Hochzeitsantrag gemacht. 

Mit seinen Schwiegereltern habe er eine gute Beziehung geführt. Doch: «Die Sprachbarriere und unterschiedliche kulturelle Hintergründe setzten Grenzen.»

Selman erklärt auch, dass Ivana L. unter «kulturellem Druck» gestanden sein soll. «Es hiess: Schnell heiraten, schnell Kinder kriegen.» Auch ihr Alter habe ihr Druck gemacht. Deshalb habe sie alles daran gesetzt, schwanger zu werden.

Gegen aussen habe das Paar das «perfekte Leben» geführt, so Selman.

15:05 Uhr

Song von Lady Gaga

Auch die Verteidigerin erklärt, wie schwierig diese Beziehung war. Hier erwähnt sie den Song von Lady Gaga «Million Reasons». Diesen hat Thomas L. wohl in einer Befragung zitiert. Der Text: «I've got a hundred million reasons to walk away. But baby, I just need one good one to stay.» Laut der Verteidiger zeigt dieser Song die Einstellung von Thomas L.: «Er hielt zu ihr! In guten wie in schlechten Zeiten.»

15:04 Uhr

«Kein Tyrann»

Selman steigt damit ein, dass sie erwähnt, wie viele Seiten die Verfahrensakten umfassen: über 7000. Nur: Hier vor Gericht würden wir alle nur einen kleinen Ausschnitt davon mitbekommen. 

Selman erklärt: Es stimme nicht, dass Thomas L. seine Frau schlecht mache. Er sei «kein Tyrann».

Ivana L.* (†38) ist Anfang Februar 2024 getötet worden. Der Killer: ihr Ehemann. Thomas L.* (43) gibt die Tat inzwischen zu – erklärt jedoch, in Notwehr gehandelt zu haben. Die Mutter seiner beiden Kinder soll ihn mit einem Messer angegriffen haben. Nur: Das Spurenbild spricht gemäss Experten eine andere Sprache.

Ab Montag steht der Unternehmer aus Binningen BL vor dem Baselbieter Strafgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord und Störung des Totenfriedens vor. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, nur akkreditierte Journalisten dürfen am Prozess teilnehmen.

Dreierteam als Verteidiger

Die Anklageschrift ist seit 20. April einsehbar. Diese wird – anders als in anderen Fällen am Baselbieter Strafgericht – nicht herausgegeben; Journalisten müssen explizit noch einmal unterschreiben, dass sie keine Fotos oder Kopien machen.

In der Anklageschrift fällt gleich zu Beginn auf: Gleich drei Anwälte – eine Frau und zwei Männer – sollen Thomas L. vor einer langen Haftstrafe bewahren. Neben den beiden gemeinsamen zwei Töchtern mit Ivana L. sind die Eltern der Toten und ihre Schwester als Privatkläger gelistet.

Die Tötung

Laut Anklageschrift führten die Eheleute am 13. Februar gegen Mittag ein zuvor vereinbartes Gespräch. Der Fokus: Wie es mit der Beziehung weitergehen soll, auch mit der Paartherapie. Thema wohl auch: eine allfällige Trennung beziehungsweise die Scheidung.

Doch die Situation eskalierte: Laut Staatsanwaltschaft packte Thomas L. seine Ehefrau am Hals, drückte sie eine Wand hoch und würgte sie.

Auch soll er Ivana L. mehrere Faustschläge verpasst und sie «kraftvoll» an den Haaren gerissen haben.

Zudem soll er sich ein «bandförmiges Strangulationsobjekt» gegriffen haben. Damit soll der Beschuldigte seine Ehefrau «perfide, grausam und kaltblütig» erdrosselt haben. Laut Staatsanwaltschaft erstickte Ivana L. «qualvoll».

Störung des Totenfriedens

Nach der Tötung startete Thomas L. sogleich damit, Spuren zu verwischen. Er brachte etwa den Leichnam seiner Frau in die Waschküche und setzte alles daran, Ivana L. ganz verschwinden zu lassen. Unter anderem mit einem Pürierstab! Seine Vorgehensweise – über Stunden hinweg – überrascht selbst gestandene Experten.

Die Staatsanwaltschaft wirft Thomas L. vor, «wissentlich und willentlich, im vollständigen Bewusstsein und aus einer von Kontrollbedürfnissen, Kränkungen, Rache und massiver Wut geprägten egoistischen Haltung und Gesinnung» gehandelt zu haben.

In der Anklage wird betont, mit welch «gemütskalter, rücksichtsloser Geringschätzung und eklatanter Missachtung des Lebens» Thomas L. gehandelt habe.

Hier wird zudem erwähnt, dass es wohl zahllose vergangene Ehekonflikte gab. Schon früher wurde etwa bekannt, dass es im Sommer 2023 einen Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt gab.

Urteil kommt am 13. Mai

Weiter erklärt die Anklage, dass Thomas L. so gehandelt habe, weil Ivana L. ihrem Mann unterstellt hatte, «schwach und kein Mann zu sein», und schon in der Vergangenheit eine Trennung oder eine Scheidung erwog.

Bereits in den vergangenen Monaten kamen Informationen über das Tötungsdelikt an die Öffentlichkeit. Der Grund: Thomas L. versuchte mehrmals, eine Entlassung aus der U-Haft zu erwirken. Für seine sofortige Freiheit ging er sogar bis ans Bundesgericht – und scheiterte. Wie alle Entscheide der obersten Instanz wurde auch dieser – samt grausiger Details – für alle publik gemacht.

Darin geht etwa auch hervor: Mehrere Gutachten sprechen deutlich gegen die Darstellung von Thomas L., es habe sich beim Erwürgen bis zum Todeseintritt um blosse Notwehr gegenüber einem angeblichen Messerangriff des Opfers gehandelt. Aufgrund der Spuren sei nicht einmal ersichtlich, ob vor dem Erwürgen überhaupt ein angeblicher Messerangriff durch Ivana L. auf ihn erfolgt sei.

Das geforderte Strafmass wird erst an der Hauptverhandlung präsentiert. Das Urteil wird am 13. Mai erwartet. Für Thomas L. gilt die Unschuldsvermutung. Blick ist vor Ort und berichtet live.

* Name geändert 

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