So funktioniert ein Kernkraftwerk
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Beznau, Gösgen und Co.So funktioniert ein Kernkraftwerk

Die Lehren aus 1986
Wie Tschernobyl die Schweiz erschütterte

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vor genau 40 Jahren hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Tele blickt mit zwei bekannten TV-Zeitzeugen zurück.
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Vor 40 Jahren ereignete sich in einem Kernkraftwerk in der Ukraine eine Explosion.
Foto: AP

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Explosion in Tschernobyl setzte am 26. April 1986 Radioaktivität frei
  • Schweizer Bevölkerung verunsichert, Gemüse und Milch wurden gemieden
  • Seit 2018 Verbot für neue Atomkraftwerke, Diskussion über Sicherheit läuft
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Regula Elsener
Tele

Erich Gysling sass gerade mit seiner Frau und einer Bekannten im Restaurant beim Essen, als sein Pager losging: Es war Ende April 1986 und Gysling Chefredaktor des Schweizer Fernsehens sowie Leiter der «Tagesschau».

Was er zu jenem Zeitpunkt nicht ahnen konnte: Aus Schweden hatten erste spärliche Informationen die Schweiz erreicht, wonach eine erhöhte, nicht erklärbare Radioaktivität gemessen worden war.

«Die Alarmierung war damals ziemlich umständlich», erzählt der 89-Jährige im Gespräch mit Tele und schmunzelt: «Aus heutiger Sicht klingt es paradox, aber die Redaktion konnte den Pager nicht selber auslösen. Sie musste dafür jeweils den Pförtner am Empfang des Schweizer Fernsehens avisieren.»

Bald zeigte sich: Man wusste nur, dass man nichts wusste! Nach und nach kam heraus, dass sich einige Tage zuvor – am 26. April 1986 – in einem Kernkraftwerk in der damaligen Unionsrepublik Ukraine eine Explosion ereignet hatte. Dabei wurden grosse Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt, die sich über ein riesiges Gebiet auf der Nordhalbkugel verbreiteten.

Die unsichtbare Gefahr

Doch es war die Zeit des Eisernen Vorhangs. Die sowjetische Regierung versuchte alles, um die Katastrophe unter dem Deckel zu halten. Was also war tatsächlich geschehen in Tschernobyl, einer Stadt, von der man bei uns noch nie zuvor gehört hatte?

«Ein Kernkraftwerk irgendwo weit weg, eine Explosion und eine offenbar gefährliche Wolke, die man aber weder sehen noch sonst in irgendeiner Form wahrnehmen konnte: All das war mehr als verwirrend», erinnert sich auch die ehemalige Redaktionsleiterin von «Schweiz aktuell», Helen Issler (79). Als Moderatorin von «DRS aktuell» (wie die Sendung bis 1990 hiess) war die Baslerin damals eines der tragenden Gesichter in der TV-Berichterstattung rund um Tschernobyl.

Ein Artikel aus «Tele»

Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.

Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.

In der Bevölkerung löste die Katastrophe bald grosse Verunsicherung aus: «Für Süddeutschland und Österreich wurden offizielle Warnungen ausgesprochen, wonach man auf Salat, Gemüse und Milch verzichten soll», erzählt Issler. Geblieben ist ihr ein zufällig mitgehörtes Gespräch zwischen zwei betagten Frauen: «Sie standen vor der Auslage eines Ladens mit herrlichen Erdbeeren. Aus Angst vor radioaktiver Verseuchung wollte diese niemand kaufen.» Eine Schale kostete gerade noch einen Franken. «Da sagten die beiden Damen: ‹In unserem Alter spielt das wohl keine Rolle mehr! Wir nehmen davon und machen Konfi draus›.»

Derweil schaute das ganze Land nach Bern, doch eine offizielle Hotline des Bundes liess vorerst auf sich warten. Entsprechend heiss liefen dafür die Drähte des sogenannten Zuschauertelefons von «DRS aktuell». Im Leutschenbach entschied man sich, vorzupreschen: In einer von Issler moderierten Ratgebersendung beantworteten ein Arzt sowie Vertreter der Nationalen Alarmzentrale die drängendsten Fragen des besorgten Publikums.

Beim Bund blieb man weiterhin zurückhaltend, man wollte auf keinen Fall Panik schüren. Eine heikle Situation für das Schweizer Fernsehen. «Wir mussten uns auf unsere Intuition und den gesunden Menschenverstand verlassen», sagt Erich Gysling und erklärt dies an einem konkreten Beispiel. Als Chef der «Tagesschau» schickte er einen Reporter ins Seeland, das bekannt war für seine ausgedehnten Gemüse-Anbauflächen. «Dort wollte uns ein Beamter weismachen, dass der Bundesrat die zuvor ausgesprochene Empfehlung, auf Gemüse zu verzichten, in Kürze aufheben werde. Es bestehe keinerlei Gefahr mehr.»

Gysling sah das Statement erst unmittelbar vor der Sendung und entschied: Der Beitrag wird nicht gesendet! Tatsächlich blieb die angebliche bundesrätliche Entwarnung aus. «Der Druck war enorm und die Berichterstattung alles in allem ein wenig ‹gstabig›», meint Gysling rückblickend. «Uns standen ja nicht die heutigen Mittel zur Verfügung.»

Dass in der Schweiz derzeit an dem seit 2018 geltenden Verbot für neue Atomkraftwerke gerüttelt wird – der Ständerat hat einer Aufhebung kürzlich deutlich zugestimmt – löst bei Erich Gysling und Helen Issler grosse Irritation aus, wie beide unisono bekennen. Denn bezüglich Sicherheit und Endlagerung radioaktiver Abfälle sind auch 40 Jahre nach Tschernobyl (und nicht zu vergessen 15 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima) viele Fragen offen. «Ein solcher Jahrestag ist von daher nicht schlecht», findet Helen Issler. «So rückt diese Diskussion wieder mehr in den Fokus der Gesellschaft.»

Tschernobyl – Der Insiderbericht (1/3): Montag, 27. April, um 8.55 Uhr auf Arte 

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