Es ist so kalt am Vierwaldstättersee, dass kleine Pfützen auf der Strasse gefrieren. Am klaren Himmel leuchten ein paar Sterne. Die Strassen sind leer und dunkel. Nur die Bushaltestelle ist grell beleuchtet.
Dort zückt Pia Kappeler (48) ein kleines Sackmesser. Damit schneidet sie das Plastikband auf, in den die BLICK-Zeitungsausgaben des Tages gebunden sind. Als Zeitungsverträgerin ist Kappeler jeweils ab 3 Uhr nachts in der Luzerner Gemeinde Horw unterwegs.
Kappeler ist nicht die einzige Verträgerin in der Gegend. Drei andere sind auch gerade dabei, ihre Zeitungen abzuholen. Zusammen gehören sie zu den rund 10’000 Zeitungsverträgern der Presto AG, einer Tochterfirma der Post, die auch den BLICK verteilen.
Im Sommer haben die frühen Morgenstunden auch schöne Seiten: «Dann begegnet mir auf der Tour auch mal ein Reh oder ein Dachs.» Aber im Winter ist es nicht immer angenehm: «Wenn es schneit oder regnet, beneide ich die Leute, die noch unter der warmen Bettdecke liegen», sagt Kappeler. Die Dunkelheit störe sie dagegen nicht. Sie fühle sich sicher. Als ein paar verkleidete Gestalten auftauchen, die nach einer durchzechten Fasnacht nach Hause torkeln, sagt sie: «Die Strasse habe ich am liebsten für mich allein.»
Die Personen, die die Zeitungen in die Schweizer Briefkästen liefern, sind vorwiegend Pensionierte, Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende, Studenten und Personen mit mehreren Minijobs. Zu Letzteren gehört auch Kappeler. Sie arbeitet nicht nur als Zeitungsverträgerin, sondern verkauft tagsüber gemeinsam mit ihrem Mann im familieneigenen Feinkostladen Käse und Spezialitäten aus der Region. «Von 8.30 bis 18.30 Uhr montags bis samstags stehen wir jeweils im Laden.» Ihr Mann trägt auch Zeitungen aus, oft teilen sie sich die Route.
Kappeler hievt einen schweren Zeitungsbund nach dem anderen in ihr Auto. Während sie mit einem Auto die Zeitungen austrägt, weiss sie auch von Kollegen, die auf andere Transportmittel setzen. Die machen das mit dem Velo oder einem grossen Anhänger zum Ziehen. Wie sie die Zeitungen austragen, überlässt die Presto AG ihren Mitarbeitern. Einzig: Bis 6.30 Uhr müssen sie in den Briefkästen der Horwer sein.
Kappeler hockt im Auto und geht die Liste mit Lieferadressen durch. Die meisten kennt sie auswendig, aber Änderungen gibt es immer wieder. «In den letzten Jahren sind es immer weniger Haushalte geworden», erzählt die bodenständige Horwerin. Vom Zeitungssterben sind nicht nur Jobs in der Medienwelt betroffen, auch die Zeitungsverträger leiden darunter.
«Heute haben wir Glück mit dem Wetter: Es ist zwar unter null Grad, dafür aber trocken», sagt Kappeler. Im Auto ist es auch sehr kalt, die Heizung bleibt aus. Die Fensterscheiben beschlagen sich mit Dunst.
Kappeler steckt den Schlüssel ins Zündloch und dreht ihn von sich weg. «Jetzt ist es höchste Zeit, mit dem Austragen zu beginnen», sagt Kappeler. Auf dem Ziffernblatt der Dorfkirche stehen die Zeiger auf halb vier Uhr.
Sie arbeitet bereits seit neun Jahren als Verträgerin, sieben Tage die Woche. Wichtig sei vor allem, dass man abends früh ins Bett gehe und sich nach der Zeitungstour noch mal hinlege, erklärt Kappeler. «Sonst schlafe ich dann im Stehen ein», witzelt sie. Ihrer Laune ist es nicht anzumerken, dass es noch so früh am Morgen ist.
Nach etwa 200 Metern hält Kappeler das Auto an, zieht den Zündschlüssel raus, steigt aus und öffnet die Hintertüre. Mit eleganter Bewegung schnappt sie sich fünf Zeitungen. In welche Briefkästen die gehören, weiss sie auswendig. In grossen Schritten geht sie von der einen Strassenseite auf die andere. Konzentrieren muss sie sich dabei trotzdem, damit kein Blatt im falschen Briefkasten landet. «Der Briefkasten nimmt alles an», scherzt die gut aufgelegte Verträgerin.
Wieder zurück ins Auto. Weiter geht die Fahrt, aber nur etwa fünf Meter zum nächsten Wohnhaus: Zündschlüssel raus, Hintertüre öffnen, einige Zeitungen schnappen und grosse Schritte zu den Briefkästen. Dies wiederholt Kappeler bei jeder Tour bis einige Dutzend Mal – bis jede Zeitung ausgetragen ist. «Wir haben auch ein paar Zeitungen auf Reserve bereit. Frühmorgens kann einem schon mal ein Fehler unterlaufen.»
Der Zeitungsstapel auf dem Rücksitz wird kleiner. Draussen ist es immer noch dunkel. Das gilt inzwischen auch für ihre Finger: Die Druckerschwärze der Zeitungen hat abgefärbt.
Nach gut eineinhalb Stunden hat Kappeler alles erledigt und für die Tour rund 30 Franken verdient. Auf dem Ziffernblatt der Dorfkirche stehen die Zeiger auf halb fünf Uhr morgens. Die Tour ist geschafft, aber ihr Arbeitstag noch lange nicht: «Heute bin ich früh fertig geworden, jetzt kann ich mich nochmals schlafen legen, bevor es weitergeht.»
Lesen Sie morgen: «Ich habe keine Angst vor dem Tod» – eine Krankenschwester begleitet Sterbende in der Palliativabteilung im Spital Bülach ZH.