BLICK in Kreuzlingen TG, wo das Gewerbe unter dem Eurokurs leidet
Einkaufs-Tourismus, nein danke!

Wer heute einen Laden in Kreuzlingen TG führt, hat nichts zu lachen. Das Gewerbe ächzt unter dem starken Franken. Wer seinen Kunden nicht etwas Spezielles bietet, ist weg vom Fenster.
Publiziert: 05.04.2017 um 23:42 Uhr
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Aktualisiert: 05.10.2018 um 04:25 Uhr
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Seit 148 Jahren in der Hauptstrasse: das Modehaus Rudolf. «Die goldenen Zeiten sind definitiv vorbei», sagt Mutter Maria Jonasch. «Es ist heute verdammt schwer, aber wir halten durch», sagt Tochter Pascale Jonasch.
Foto: Thomas Meier
Ulrich Rotzinger

Konstanz (D) und Kreuzlingen TG ­– eine Stadt in zwei Staaten. Nur der Grenzzaun trennt die Konsumhochburg von der grössten Schweizer Stadt am Bodensee. In Kreuzlingen hat die eine Hälfte der Einwohner den Schweizer Pass, die andere hat ihn nicht. Viele von ihnen kommen aus Deutschland.

Das Kreuzlinger Gewerbe ächzt, der schwache Eurokurs von derzeit 1.06 Franken zieht Schweizer Shopper wie ein Magnet ins nahgelegene Ausland (gestern im BLICK). Für die Gewerbler ist der Einkaufstourismus seit Jahren Alltag. Stumme Zeitzeugen sind aufgegebene Ladenlokale und leer stehende Gewerbeflächen. Wie jene in der Konstanzerstrasse. Einst verkaufte die Migros dort auf zwei Stockwerken Teigwaren, Schoggi und Kaffee. Seit Jahren steht die Immobilie leer.

Outlet-Shops in Grenznähe

«Diese Gewerberuine ist ein trostloser Anblick», sagt Oli Oesch (47), der mit Gattin Mary (48) den Bikes Outlet schräg gegenüber betreibt. Einen Steinwurf vom Emmishofer Zoll entfernt gelingt es den beiden dennoch, Einkaufstouristen abzufangen, wie sie sagen. «Wir verkaufen Auslaufmodelle und Marken. Die Preisvorteile geben wir an die Kunden weiter», so der gelernte Velomechatroniker. Das Geschäft läuft passabel: «Wir haben bislang kein Minus gemacht», sagt Inhaberin Mary stolz. Ganz die Geschäftsfrau schiebt sie hinterher: «Beim E-Bike-Kauf gibts gerade gratis einen Velohelm dazu.»

Mit ihrem Outlet haben die Oeschs eine Nische gefunden. Das hat auch Sonja Tomaselli (55) von Misura Plus – Trendmode ab Grösse 40, wie es am Schaufenster heisst. Seit 23 Jahren existiert das Modegeschäft in der Einkaufsmeile zwischen Helvetia- und Bärenplatz. Die Hauptstrasse hoch und runter sind eine Handvoll leer stehender Geschäfte zur Miete ausgeschrieben.

Man muss Kunden mehr bieten

«Wir bieten unseren Kunden immer wieder ganz spezielle Kleidungsstücke», sagt Tomaselli. Ohne eine grosse, treue Stammkundschaft und das zweite Geschäft in Winterthur ZH hätte sie nicht so lange in Kreuzlingen überlebt. «Wir können kalkulieren, wie wir wollen, aber an die Preise in Konstanz kommen wir nicht heran.»

Faire Preise, den Kunden einen tollen Service bieten und sich vom Einheitsbrei der Ladenketten abheben, dieses Rezept hört man überall. Zwischen Telekom-Shops von Salt, Swisscom und Sunrise und einem Kuoni-Reisebüro fällt die Modeboutique Rudolf auf – wohl das älteste Geschäft am Platz. «Es ist heute verdammt schwer, aber wir halten durch», sagt Pascale Jonasch, die das Modegeschäft in vierter Generation führt.

Seit bald 150 Jahren besteht Rudolf in Kreuzlingen. «Die goldenen Zeiten sind definitiv vorbei», sagt Mutter Maria. Man merkt, dass sie sich mehr Unterstützung von ihrer Gemeinde erhoffen würde ­– aber bislang nicht bekam.

Gegessen und getrunken wird immer

Im Minutentakt fahren PW im Schritttempo durch die Einkaufsmeile. Die Abgase stechen in die Nase. Dennoch hat Unternehmer Fabrizio Ribezzi hier die Café Bar Sorriso eröffnet. «Wer abwartet, bis sich etwas bessert, geht drauf», sagt er. Sechs Monate ist es her seit der Eröffnung. «Das Café läuft, wir haben viel zu tun», sagt Studentin Chantal Mancini (24), die im Sorriso aushilft. Ein cooler Ort wie dieser habe hier gefehlt.

Mit dem Café scheint Ribezzi ebenfalls eine Nische gefunden zu haben. So auch die Bäckerei Walz im Einkaufscenter Ceha!, die gleichzeitig auch Restaurant ist und mit günstigen Menüs lockt. Gleich nebenan, ein leer stehender Shop, wo früher einmal eine Apotheke drin war. Im ersten Stock leere Räume, die einmal die Schuhkette Reno belegte. «Wir bleiben hoffentlich noch eine Weile», sagt die Bäckerei-Verkäuferin und grinst. Durchhalte-Parolen hört man oft. Viele Kreuzlinger versuchen, die Krise wegzulächeln.

Bollwerk Schweizer Ketten vor dem Zoll

Grosse Ketten haben es leichter: Unweit vom Autobahnzoll in Kreuzlingen stehen seit 2010 – als der Einkaufstourismus so richtig in Schwung kam – gleich drei Filialen grosser Händler nebeneinander: Landi, Denner und Aldi Suisse. Die Parkplätze davor waren am Mittwochmittag fast alle belegt. «Wir sind mit der Entwicklung des Ladens in Kreuzlingen sehr zufrieden», heisst es bei Landi. Per Ende März 2017 betrage das Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr über 10 Prozent. 

Man vergleiche die Preise seit längerem mit den Preisen der Konkurrenten im Ausland, «weil wir auch diesen Preisen standhalten müssen», sagt Landi-Marketing-Chef Simon Gfeller. «Diesbezüglich fühlen wir uns auch recht fit – und wenn wir es einmal bei einem Produkt nicht sind, dann haben wir Handlungsbedarf.» 

Bei Denner heisst es, dass sogar Kunden aus Deutschland nach Kreuzlingen kämen, um zu Discountpreisen einzukaufen. «Denner ist seit längerem mit drei gut frequentierten Filialen in Kreuzlingen präsent und als Discounter vom Einkaufstourismus weniger stark betroffen», sagt ein Sprecher. 

Gleich lange Spiesse für alle

Das Gegenteil gilt für die kleinen Gewerbler: «Die Gewerbetreibenden an der Grenze sind heute gefordert», sagt Daniel Wessner (46), Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit Kanton Thurgau. Die Frankenstärke zwinge jeden Unternehmer, dienstleistungsorientiert und innovativ zu sein.

Er fordert gleich lange Spiesse: «Wenn einem Gewerbler im Einkauf höhere Preise für Importprodukte berechnet werden, als Konsumenten für das gleiche Produkt in Konstanz im Laden zahlen, kann etwas nicht stimmen», sagt Wessner. 

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