Martin Julen ist der älteste Schweizer Alpin-Held. Am 31. März wird der Zermatter, der in den 50er-Jahren am Lauberhorn und in Adelboden triumphierte, seinen 97. Geburtstag feiern. Dass der Vater von Olympiasieger Max (64) und Topmanager Franz Julen (66) auch im hohen Alter besonders leistungsfähig ist, belegt die Tatsache, dass er mit dem Fahrrad zum Termin mit Blick anrollt.
«Ich fühle mich mittlerweile auf dem Velo sehr viel sicherer, als wenn ich zu Fuss durch mein Heimatdorf laufe», hält das Oberwalliser Urgestein fest. «Ich habe das Glück, dass ich nach wie vor mit meiner 91-jährigen Frau Trudi zu Hause leben darf. Wir meistern den Haushalt selbständig. Zum Einkauf von Lebensmitteln fahre ich mit dem Velo in den Supermarkt. Es vergeht praktisch kein Tag, an dem ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs bin.» Bis vorletzten Winter ist der Slalom-Altmeister auch noch regelmässig Ski gefahren. In dieser Saison hat er die Bretter, die für ihn so lange die Welt bedeutet haben, jedoch nicht mehr angeschnallt. «Ski fahren könnte ich zwar nach wie vor, aber das Marschieren in den Skischuhen ist mir zu mühsam geworden.»
Sieg trotz Startverbot vom Arzt
Leicht fällt ihm der Rückblick auf seine sportliche Blütezeit. Einen besonderen Erfolg hat Julen am 27. März 1955 an dem Ort gefeiert, wo derzeit der Krimi um die Weltcup-Kristallkugeln läuft – in Sun Valley (USA). «Am Vortag bin ich in der Abfahrt derart schwer gestürzt, dass mir der Arzt die Teilnahme im Slalom verboten hat. Ich bin dennoch an den Start gegangen und habe das Rennen vor Österreichs Slalom-Künstler Anderl Molterer und dem grossen Franzosen Adrien Duvillard gewonnen.» Eine amerikanische Zeitung titelte am Tag danach: Julen wins against Docters Order (Julen hat gegen den Willen des Arztes gewonnen)!
Beim laufenden Weltcup-Finale wird ein Sieg mit 45'000 Franken honoriert. Wie viel hat Julen für seine Heldentat vor siebzig Jahren kassiert? «Preisgelder wurden damals nicht ausbezahlt. Alle Kosten wurden bezahlt, und ich habe vor dem Abflug in die USA am Flughafen Zürich ein Sackgeld von 500 Franken erhalten. Das war damals richtig viel Geld.»
Eine dubiose Pille hat Julen eine Olympia-Medaille gekostet
Im Jahr danach hätte Julen bei den Olympischen Spielen in Cortina Slalom-Gold gewinnen können, wenn er in der Wettkampfvorbereitung nicht auf die falsche Medizin gesetzt hätte. «Die Genfer Slalom-Olympiasiegerin Renée Colliard gab mir eine Tablette. Sie versicherte mir, dass mir diese Pille im Kampf gegen die Nervosität guttun würde. Weil Colliard Apothekerin war, habe ich ihr vertraut. Doch nachdem ich die Tablette geschluckt hatte, war ich für längere Zeit total beduselt. Am Start habe ich die ersten Tore kaum gesehen. Nach drei Toren bin ich ausgeschieden.»
Kurz darauf erklärte er mit 28 Jahren seinen Rücktritt vom Skirennsport. Dafür lancierte der strenggläubige Katholik eine grandiose Karriere als Unternehmer. Er eröffnete in Zermatt ein Hotel, eine Weinhandlung, Restaurants, ein Sportgeschäft und lancierte mit seinen Brüdern eine neue Skischule.
Und Martin gründete mit seiner Frau eine Familie, der sechs Kinder entsprangen. «Ich habe immer ein bisschen gehofft, dass vielleicht eines meiner Kinder mal Gold bei einem grossen Skirennen gewinnt.» Der Traum ging 1984 bei Olympia in Sarajevo in Erfüllung. Martins Sohn Max sicherte sich mit Bruder Franz als Betreuer Gold im Riesenslalom.
Drama um den Enkel
Im Herbst 2022 erlebte Julen aufgrund der tragischen Geschichte von Max' jüngstem Bub die schlimmste Zeit in seinem Leben – sein Enkelkind Marc ist mit 23 an den Folgen einer Herzkrankheit verstorben. «Meine Frau und ich haben den Krankheitsprozess von Marc sehr eng begleitet, das hat uns grosse Schmerzen zugefügt. Aber der Glaube an Gott hat uns geholfen, diese Schmerzen zu ertragen.»
Hat das viel zu frühe Ableben des Enkels den Glauben an Gott nicht beeinträchtigt? Martin verneint: «Wenn Gott eine solche Entscheidung trifft, gilt es diese Entscheidung zu respektieren.» Es vergeht kein Tag, an dem er mit seiner Frau nicht das Grab des Enkels besucht. Und wenn dieser aussergewöhnliche Mann mit dem Zug zur Kapelle auf dem Gornergrat fährt, spricht er dort ein Gebet und zündet eine Kerze an.
Erinnerungen an die Gornergrat-Abfahrt
Unweit dieser Kapelle sollen in ein paar Jahren Weltcuprennen ausgetragen werden. Julens ältester Sohn Franz ist der Initiant der neuen Gornergrat-Abfahrt. «Zu meiner Zeit war die Gornegrat-Abfahrt immer das letzte Rennen der Saison. Ich habe einmal den Sprung auf das Podest geschafft, gewonnen habe ich leider nie. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Tradition dieses Rennens mit einer neuen Streckenführung aufleben würde. Jungen Leuten bieten solche Projekte Perspektiven. Franz hat mir den Plan der neuen Abfahrt gezeigt. Ich kenne die Streckenführung, dort sind wir schon früher oft runtergefahren. Ich kann sagen, dass die Piste sehr selektiv und attraktiv ist.»
Wenn alles nach Plan verläuft, soll im März 2028 die erste Weltcupabfahrt am Gornergrat gestartet werden. Für Martin Julen wäre dieses Rennen ein ganz besonders Geschenk zum 100. Geburtstag.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 24.03.2025