Chliichind id Hose!
Das grosse Buhlen um die Kleinsten

Ein Vierjähriger, der schwingt. Eine Zweijährige, die Hockey spielt. Die Klubs und Verbände buhlen immer früher um die Talente. Ist das Fluch oder Segen? Beides!
Publiziert: 10.03.2018 um 23:50 Uhr
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Aktualisiert: 13.09.2018 um 03:05 Uhr
Sportvereine verjüngen ihren Nachwuchs
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Das grosse Buhlen um die Kleinsten:Sportvereine verjüngen ihren Nachwuchs
Daniel Leu (Text) und Sven Thomann (Fotos)

Reka ist auf Abwegen. Während die anderen Kinder eine Aufwärmübung machen, hat die knapp Dreijährige nur ein Ziel: Sie will einen Puck. «Das ist ja auch das Ziel dieser Sportart», klärt ihre ungarische Mutter auf.

Mit langsamen Schlittschuhschritten bewegt sich Reka fort. Will zu den fernen Pucks. Immer wieder fällt sie hin. Immer wieder steht sie auf. Mitten in der Swiss Arena. Da, wo normalerweise die Stars des EHC Kloten spielen. Geld verdienen. Im Rampenlicht stehen.

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Reka: Die Zweijährige besucht die Klotener Hockeyschule.
Foto: Sven Thomann

Auch beim Schwingklub Cham-Ennetsee ist ein Kind auf Abwegen. Der vierjährige Matteo hat wenig Lust auf die vorgezeigten Übungen. Er buddelt viel lieber seine Füsse ins Sägemehl ein.

Eine knapp Dreijährige, die Eishockey spielt! Ein Vierjähriger, der schwingt! Reka und Matteo sind keine Einzelfälle. Es gilt: Je früher, desto besser, schliesslich kämpfen immer mehr Sportarten untereinander um die Talente. Das grosse Buhlen um die Kleinsten. Es ist im vollen Gange.

Studien zeigen: Die Kids wählen ihre bevorzugte Sportart mittlerweile immer früher aus. Oder lassen sie auswählen, denn die Eltern beeinflussen diese Entscheidung massgebend.

André Arnold: SK Cham-Ennetsee.

André Arnold bekam die Folgen dieser Entwicklung zu spüren. «Früher mussten die Schwinger, die wir aufnahmen, mindestens acht Jahre alt sein», erklärt der Präsident des Schwingklub Cham-Ennetsee, «doch in dem Alter hatten sich die Kinder längst für eine andere Sportart entschieden. Um dieses Nachwuchsproblem zu lösen, mussten wir neue Wege gehen.»

Deshalb gründete Arnold, der als Aktiver selbst zwei Kränze gewonnen hat, vor einigen Jahren für Vier- bis Achtjährige die Piccolo-Gruppe. Einmal pro Woche trainieren die Kids. Mit Erfolg. Aus vielen Piccolos wurden schon Jungschwinger (8 bis 15 Jahre), die dann auch Festsiege feiern konnten. Und die dank der frühen Förderung dem Schwingsport treu blieben.

Auch die Hockeyschule des EHC Kloten spricht die Kleinsten an. Deren Leiter Gérard Bouvard möchte so auf die stagnierenden Zahlen reagieren. «Wir haben etwa 50 Kinder, die einmal pro Woche bei uns trainieren. Die Jüngste ist Reka, die Ältesten sind acht. Wir sind froh um jedes Kind, denn wir haben nicht wie im Fussball Warteschlangen.»

Gérard Bouvard: EHC Kloten.
Foto: Sven Thomann

Damit sich alle die eher teure Sportart Eishockey leisten können, kostet eine Saison in der Hockeyschule nur 50 Franken. Die gesamte Ausrüstung leiht der Verein kostenlos aus. Der Plan geht auf. Bis zu drei Viertel der Kinder wechseln anschliessend mit acht Jahren zu den Bambinis und bleiben so dem Klub und der Sportart erhalten.

Längst sind aber nicht nur die Klubs heftig am Buhlen, sondern auch die einzelnen Sportverbände. Auch sie wollen die Jüngsten möglichst früh für ihre Sportart begeistern.

Beispiel Swiss Tennis

Seit 2015 gibt es das Projekt «Kids Tennis High School». Das Ziel ist klar. «Junge Mitglieder fürs Tennis gewinnen», erklärt Denis Vanderperre von Swiss Tennis. Von den 18 000 Kindern, die sich momentan bei diesem Programm angemeldet haben, sind etwa 5000 fünf oder sechs Jahre alt.

Das Projekt ist so aufgebaut, dass es die Jüngsten anspricht. Kinder können sich zwischen dem Team Löwe, Delfin oder Papagei entscheiden. Auch unser Tennis-Ass Roger Federer steht hinter dem Projekt: «Die Kids liegen mir am Herzen. Darum finde ich toll, dass die Ausbildung in der Schweiz moderner wird.»
Der Tennissport hat in der Schweiz dank den Erfolgen von Federer und Co. weniger Nachwuchssorgen als andere Sportarten. Das weiss auch Vanderperre. «Trotzdem benötigen wir ein attraktives Kids-Tennis-Programm, um den Nachwuchsbereich langfristig zu sichern.»

Beispiel Indoor Sports

Unter diesem Dach sind die vier Hallensportarten Basketball, Handball, Unihockey und Volleyball vereint. Im Rahmen des Supercups wird jeweils auch ein Kids Day ausgetragen. Dort haben die Kleinsten auf einem Parcours die Möglichkeit, auf spielerische Art und Weise die Sportarten kennenzulernen.

«Dadurch hoffen wir, die Kinder für eine der vier Sportarten begeistern zu können», heisst es auf Anfrage. «Die vier Verbände haben erkannt, dass sie mehr erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten. Das war eine der grundlegenden Ideen, als die Mobiliar 2012 das Indoor-Sports-Konzept entwickelt hat. Unter den vier Indoor-Sports-Verbänden herrscht kein Konkurrenzkampf, sondern inzwischen ein befruchtender, sportlicher Wettkampf, bei dem sich die Verbände gegenseitig unterstützen und pushen.»

Beispiel Schweizerischer Fussballverband

Die Sportart Nummer 1 ist in einer komfortablen Situation, denn viele Klubs haben lange Warteschlangen und suchen nicht händeringend nach Nachwuchskräften. Auch, weil viele Secondos Fussball spielen. Im Gegensatz zum Schwingen oder Eishockey.

Trotzdem hat auch der SFV die Zeichen der Zeit erkannt und 2011 für Fünf- bis Sechsjährige die G-Junioren eingeführt. Damals erklärte der Verband: «Wir wissen, dass viele Kinder noch früher mit Fussball anfangen wollen.»

Heute, sieben Jahre später, lässt sich eine Zwischenbilanz ziehen. Schätzungsweise die Hälfte aller Fussballklubs hat G-Junioren eingeführt. «Die Erfahrungen sind positiv», erklärt SFV-Medienchef Marco von Ah. «In vielen Vereinen trainieren die G-Junioren in Grossgruppentrainings einmal pro Woche während den Sommermonaten.»

Damit die Ausbildung der Kleinsten gewährleistet ist, bietet der SFV auch entsprechende Trainerkurse an. Von Ah: «Kinder sind Allrounder und sollten vielseitig gefördert werden. Einige wechseln später in andere Sportarten und profitieren von der soliden Ausbildung. Fussball ist mittlerweile das Einstiegstor Nummer 1 in den Sport für Knaben.»

Beispiel Swiss Ice Hockey

Das Projekt «Hockey goes to school» ist auf Kinder im Alter von fünf bis acht Jahren zugeschnitten. Verantwortlich dafür ist Thomas Bäumle, langjähriger NLA-Goalie. «Der Nachwuchs ist die Basis für spätere Erfolge. Wir wollen die Kids fürs Eishockey begeistern und so für unsere Sportart werben», erklärt er.

Konkret besucht ein Team Kindergärten und Schulen und verwandelt die Turnhalle in eine Eishockeywelt. Dort findet dann ein einstündiges Training statt. Ein Parcours, der den Kindern das Hockey näher bringen soll.

«2017 waren wir in 50 Schulen. 2200 Schüler und Kindergärtner konnten davon profitieren», sagt Bäumle. «Es ist ein ideales Rekrutierungsinstrument und wir sind erst am Anfang. Das Projektteam soll in den nächsten Jahren vergrössert werden, damit wir mehr Schulen und damit noch mehr Kinder ansprechen können.»

Der Schweizerische Eishockeyverband macht aber noch mehr für die Kleinsten. Davon profitiert auch der EHC Kloten, denn unterstützt werden auch die einzelnen Hockeyschulen der Klubs. Deshalb erhalten die Klotener einen höheren vierstelligen Betrag pro Jahr.

Gérard Bouvard, der Leiter der Klotener Hockeyschule, beobachtet noch immer aufmerksam das Training der Kleinsten. Er sieht das Buhlen um die Jüngsten durchaus auch kritisch. «Bei Vierjährigen steckt wohl eher der Wunsch der Eltern dahinter statt der der Kinder.» Auch dass schon früh eine Spezialisierung stattfindet, sei nicht nur positiv. «Vielleicht sollten die Sportarten öfters miteinander kooperieren, damit die Kinder in jungen Sportarten Verschiedenes ausprobieren können.»

Eines sei aber klar: Gegen den Willen des Kindes lasse sich eh nichts durchdrücken. Wie Bouvard aus eigener Erfahrung weiss. «Ich habe mal meine Tochter ins Hockey mitgenommen. Während des Trainings ging sie auf einmal raus, setzte sich auf die Bank, zog den Helm aus und sagte: ‹Du Papa, das ist nichts für mich.› Heute spielt sie Handball. Ich kann damit gut leben.»

Auch André Arnold vom Schwingklub Cham-Ennetsee ist sich seiner Verantwortung bewusst. Deshalb sollen die Vierjährigen, darunter auch sein Sohn Livio, behutsam an den Sport rangeführt werden. «Bei den Piccolos ist das Training noch sehr spielerisch. Sie sollen so den Umgang mit dem Sägemehl erlernen.»
Im Schwingkeller heisst es jetzt «Kleinkinder id Hose».

Beim Anziehen der Hosen brauchen Livio und Matteo noch Hilfe. Bevor sie kämpfen dürfen, sagt Betreuer Erwin Doppmann: «Ganz wichtig, zuerst einander die Hand geben.» Wenige Sekunden später liegen beide schon im Sägemehl.

Derweil ist das knapp dreijährige Mädchen Reka in Kloten noch immer auf dem Eis. Sie, die deutlich kleiner als die Banden ist, erklärt ihrer Mama stolz, dass sie jetzt ein Tor schiessen wolle. Und das ohne Stock!

Nach einer Stunde ist das Hockeytraining zu Ende. Während die anderen Kinder das Stadion verlassen, bleibt Reka auf der Spielerbank sitzen. Sie beobachtet fasziniert die Eismaschine, die ihre Runden dreht.

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4 Tipps für die Eltern

1. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind polysportiv trainiert und/oder verschiedene Sportarten ausprobiert.

2. Machen Sie sich keine Sorgen, Kinder können wegen falschen Trainings ­keine körperlichen Probleme bekommen.

3. Lassen Sie Ihr Kind ­machen. Es sagt Ihnen schon, wenn ihm etwas nicht mehr Spass macht.

4. Geben Sie nicht zu viel Geld für Ausrüstungen aus. Es kann gut sein, dass Ihr Kind nach einem Training keine Lust mehr hat.

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