Darum gehts
«Ich bin Lily Phillips, und heute werde ich von 100 Männern durchgenommen», sagt eine junge Frau und blickt in die Kamera. Sie lächelt stolz, ein wenig verschmitzt, und klatscht die Hände zusammen. Es ist der Einstieg einer Youtube-Dokumentation, die Ende 2024 viral ging und für Schlagzeilen sorgte. «Was für eine verrückte Welt, in der wir leben», kommentiert ein User das Video. «Wie Menschen nicht erkennen können, dass das eine Form von Selbstverletzung ist, verstehe ich nicht», ein anderer.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Sexarbeit in der Schweiz
In der Schweiz wurde Prostitution vor über 80 Jahren legalisiert. Der Beobachter hat mit zwei Schweizer Sexarbeitenden gesprochen: Was hat sie in die Branche gezogen? Wie fühlt es sich an, den eigenen Körper freiwillig anzubieten? Und was meinen Expertinnen dazu?
Helena Del Montes Perücke ist perfekt frisiert, das Make-up knallig und doch schmeichelhaft. An den Füssen trägt sie schmale, spitz zulaufende High Heels, die wie beiläufig hin und her wippen. Sie sitzt in einem thronartigen Sessel mitten im Wohnzimmer. «Sex, Femininität, Spass, Geld – das alles sind Aspekte, die für mich fest zusammengehörten.»
Helena Del Monte ist ein Künstlername. Eine Rolle, in welche die 49-Jährige für die Arbeit als Femboy jahrelang schlüpfte: Del Monte identifiziert sich als Mann, geht als solcher durch den Alltag – meistens. Die feminine Seite, die sie als Femboy noch betont, sei aber schon als Kind vorhanden gewesen. Hormone oder Operationen seien nie in Frage gekommen. «Ich bin doch schon eine Frau – wann immer ich das will», sagt sie. Zum Beispiel für dieses Interview.
Ihre Karriere beginnt am Strand von Havanna in Kuba. Del Monte geniesst dort die Aufmerksamkeit von Touristen und wird von diesen eingeladen, nach Mailand oder Berlin. Die Grenze zum unbezahlten Sex verschwimmt, bald wechseln erste Scheine die Hand. Irgendwann entscheidet Del Monte, in Deutschland zu bleiben. Sie beginnt, im Service zu arbeiten, und besucht Integrationskurse, gleichzeitig bietet sie ihre erotischen Dienstleistungen an. Als Femboy und Domina.
«Ich konnte meine weibliche Seite ausleben und hatte viel Sex. Intensiven, schönen Sex.» Von negativen Erfahrungen berichtet sie kaum. «Solange es Spass machte und ich mich nicht bedroht fühlte, sagte ich auch zu extremeren Forderungen Ja – das kostete aber extra!» Ihre persönlichen Grenzen – Blut, Verletzungen, das Einbeziehen von Minderjährigen – habe sie aber immer eingehalten.
«Das Wichtigste ist Kommunikation», betont sie immer wieder. Respektlose Männer sortierte sie schon am Telefon aus.
Ausstieg während Corona-Pandemie
Auch in Zürich war Del Monte sechs Jahre als Domina tätig, bot Massagen oder Date-Begleitungen an. Während Corona stieg sie schrittweise aus der Branche aus, wie unzählige andere konnte sie ihrem Beruf nicht länger nachgehen. Sie bat bei der Beratungsstelle Isla Victoria um Hilfe, als sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren konnte. Solche Hilfsangebote und Beratungsstellen seien unverzichtbar, sagt sie. Heute arbeitet Del Monte in der Pflege und ist als Theaterschauspielerin und Künstlerin tätig.
Del Monte beschreibt ein aufregendes Leben im Sexgewerbe. Doch wie repräsentativ sind ihre Erfahrungen? Laut Schätzungen der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) stammen 75 bis 85 Prozent aller in der Schweiz tätigen Sexarbeitenden aus dem Ausland – so wie Helena Del Monte. Wie viele dieser Arbeit tatsächlich freiwillig nachgehen, ist nicht bekannt.
«Wir beobachten oft, dass die Mehrzahl der betroffenen Frauen, die in den Medien zu Wort kommen, diejenigen sind, die eher oder sehr selbstbestimmt tätig sind», sagt Olivia Frei, Geschäftsführerin der Frauenzentrale Zürich. «Doch die grosse Mehrheit der Frauen in der Armutsprostitution kommt selten zu Wort.»
Sex unter Marktbedingungen
Prostitution sei Sex unter Marktbedingungen – man muss anbieten, was nachgefragt wird. Zum Preis, der dafür geboten wird. «Ich will nicht abstreiten, dass es selbstbestimmte Prostitution gibt. Wir gehen aber von einem verschwindend kleinen Anteil aus.» Die Praktiken bestimmen, den Preis festlegen, den Arbeitsort wählen, Freier ablehnen – diese Punkte können laut Frei nur in Ausnahmefällen selbst entschieden werden.
Es brauche einen Blick auf das System, das dahintersteckt, sagt sie: «Wie funktioniert Prostitution? Wer verdient? Wer hat die Macht?» Sexarbeit und Ausbeutung, insbesondere Menschenhandel, gehörten fest zusammen.
Dem widerspricht Rebecca Angelini, Geschäftsleiterin des Netzwerks für Sexarbeitende (Procore). Es gebe kein Entweder-oder, sagt sie. «Selbstbestimmung und Zwang sind keine Dichotomie, sondern befinden sich auf einem Spektrum.» Die Übergänge seien fliessend.
Dem schliesst sich die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) an. «Es gibt nicht die Sexarbeit», sagt Geschäftsführerin Lelia Hunziker. Einige Escorts oder Bondage Artists hätten ein gutes Einkommen und viel Entscheidungsfreiheit. Es gebe selbstbestimmte Sexarbeitende, die durch ihre Arbeit ihren Aufenthaltsstatus in der Schweiz behalten könnten. «Aber natürlich gibt es auch Menschenhandel in der Prostitution.»
Sexarbeit vor der Kamera
Junge Menschen wie die Britin Lily Phillips sind nicht die Ersten, die ihre Dienste online anbieten. Aviva Rocks ist 35 und arbeitet seit 14 Jahren im Sexgewerbe: erst als Stripperin, dann als Pornodarstellerin und Cam Girl. In ihrem Haus in Spanien dreht sie ihre «Filmchen», wie sie es nennt. Mal arbeitet sie drei Stunden lang, mal acht. Sie chattet mit Zuschauern, berührt sich vor der Kamera, filmt sich beim Sex.
Damals, mit 21, arbeitete die Schweizerin noch als Hundecoiffeuse und verdiente nicht viel. Wieso also nicht etwas wagen? In die «typische» Prostitution wollte sie nicht, also versuchte sie sich in einem Stripclub. «Aber jede Nacht Party und Halligalli? Gott, nein!» Doch Sex als Beruf, das passte.
Etwas Schlimmes habe sie nie erlebt: «Gott sei Dank! Ich bin aber auch ein übervorsichtiger Mensch und habe vieles abgelehnt, womit ich vielleicht viel Geld hätte machen können.» Rocks fährt sich durch die blondierten Haare.
Eigen- statt Fremdproduktionen
Erste Erfahrungen in der Pornografie sammelte sie bei Fremdproduktionen – mit festen Skripts und Rollen. «Ich dachte erst, ich bekomme deshalb weniger Lohn, weil ich neu war.» Dass Vereinbarungen kurzfristig geändert und Löhne auch einmal gedrückt werden, realisiert sie erst später. Und so produziert sie fortan ihre Videos selbst: «Ich merkte, dass ich mehr Freude am Drehen von Pornos habe, wenn ich selbst eine Geschichte auswählen kann.» Heute dreht sie allein oder mit einem festen Drehpartner.
Ganz ohne Druck funktioniert der Job trotzdem nicht. Während Livestreams werden Forderungen gestellt. «Zum Beispiel: Wenn du mir noch diesen Extra-Clip schickst, lege ich 100 Franken drauf.» Gerade junge Einsteigerinnen sähen primär das schnelle Geld.
Doch der Reiz des Neuen verblasse irgendwann – und damit auch die Nachfrage. «Und was machst du danach? Man hat dich dann schon nackt gesehen.» Rocks sieht daher viele anfangen, nicht zuletzt auf Onlyfans – aber auch schnell wieder aufhören.
Was als Selbstbestimmung beginnt, kann schnell ausarten. So auch im Fall der Onlyfans-Darstellerin Lily Phillips. Sie gibt an, für ihren Rekord mit jedem Mann knapp drei bis fünf Minuten verbracht zu haben. «Das ist nicht mehr normal. Über die Männer, die da mitgemacht haben, müssen wir gar nicht erst reden», findet Rocks. Mit Selbstbestimmung habe das nichts mehr zu tun: «Und ich glaube, sie wird lang, lang, lang Probleme haben nach so einem Erlebnis.»
Wann Selbstbestimmung ihre Grenzen erreicht
Aviva Rocks und Helena Del Monte sprechen meist positiv von ihren Erlebnissen, von Geld und Freiheit. Sie berichten aber auch von Situationen, in denen sie Druck verspürten, ausgegrenzt wurden, sich einsam fühlten. Erfahrungen, die nachhallen. Ist das noch selbstbestimmte Sexarbeit? Wo hört diese auf?
Laut Procore-Geschäftsführerin Angelini gibt es bestimmte Faktoren, die verletzlich machen gegenüber Gewalt und Ausbeutung bis hin zu Menschenhandel: etwa Armut, ein illegaler Aufenthaltsstatus oder Mehrfachdiskriminierung. «Im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft kommt es auch häufiger zu Menschenhandel als in einem Anwaltsbüro.» Das habe also nichts mit Sexarbeit an sich zu tun. Und: «Auch armutsbetroffene Frauen sind handlungsfähig und nicht einfach Opfer.» Sexarbeit und Prostitution könnten nicht mit Menschenhandel gleichgesetzt werden, meint auch FIZ-Geschäftsführerin Hunziker. «Niemandem käme es in den Sinn, das Baugewerbe oder die Landwirtschaft zu verbieten.» Doch in der Prostitution sei die Betroffenheit gross – auch weil die sexuelle Integrität beschnitten werde. «Den Menschen per se die Selbstbestimmung abzusprechen, ist aber der falsche Weg.»
Aviva Rocks möchte ihre Freiheit nicht mehr abgeben. «Wenn mir etwas nicht passt, gehe ich offline. Oder ich blocke den User.» Würde sie in einem Club oder auf der Strasse arbeiten, sähe die Situation anders aus.
«Intimität hat für mich nichts mit meiner Nacktheit zu tun, denn jede Frau hat eine Muschi zwischen den Beinen und zwei Brüste.» Das sei nichts Besonderes. «Intim sind meine Träume und Ängste. Wenn ich vor einer Person weine und über meine Gefühle spreche. Das sehen meine Kunden nicht.»
Sexarbeit könne selbstbestimmt sein, das ist auch für Del Monte keine Frage: «Das bedeutet nicht: Beine breit, rein und raus. Das sind ganze Welten. Und jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse und Fantasien.» Die Figur Helena machte diese zur Realität – sowohl für Del Monte selbst als auch für ihre Kunden.
Keine Mehrheit für Prostitutionsverbot
Fachstellen wie Procore und die FIZ sind mit ihren Ansichten bisher in der Überzahl. Politische Vorstösse, die ein Verbot von Sexarbeit erwirken wollen, werden zwar regelmässig eingereicht, fanden im Bundesparlament aber bisher keine Mehrheit.
«In unserer Beratung sind die Sorgen immer sehr konkret: hohe Mieten, Bussen, Probleme mit den Behörden», sagt Procore-Geschäftsleiterin Angelini. «Aber was fast immer dazukommt, ist die Stigmatisierung.» Vielleicht sei Sexarbeit kein Beruf für die Ewigkeit. «Aber ich erlebe Sexarbeitende als sehr rational und entscheidungsfähig. Sie wollen legal und unter fairen, menschenwürdigen Bedingungen Geld verdienen. Ihren Job machen, wie alle anderen auch.»
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