Der tiefe Fall eines High-Society-Paares
«Step by step hat sich dann das ganze Drama offenbart»

Sie lebten wie im Hochglanzmagazin – mit Villa, Luxusautos und Designer-Ferienhaus. Dann stürzten sie ab. Weil einer von ihnen ein Doppelleben führte.
Publiziert: 25.03.2025 um 19:13 Uhr
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Aktualisiert: 25.03.2025 um 22:38 Uhr
Im Auftrag des Ex-Partners von der Polizei beschlagnahmt: ein Bentley GT, ein Porsche Cayenne und ein rotes Mini Coupé.
Foto: bunterhund Illustration

Darum gehts

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Katharina Siegrist
Beobachter

Es ist stockfinster, als sich morgens um 4.30 Uhr ein Tross aus Polizeiautos und Abschleppwagen aus der Dunkelheit löst. Die Scheinwerfer erhellen die Garageneinfahrt und auch ein wenig die dahinterliegende Villa. Die Polizisten klingeln die Bewohnerinnen aus dem Schlaf, laden die in der Einfahrt stehenden Luxusautos auf: den dunkelblauen Bentley GT, den golden lackierten Porsche Cayenne und das rote Mini Coupé. Dann fahren sie weg. Die Rücklichter werden immer kleiner. Bis sie ganz im Nebel verschwinden.

Der Bentley und der Porsche, die gehörten Savannah Vaughn. Das dachte sie zumindest. Früher. In einem anderen Leben. Und in jenem anderen Leben, da gehörte das Sportcoupé ihrer Tochter Geneva. Ein Geschenk zu deren 18. Geburtstag. Doch im Hier und Jetzt, es ist Herbst 2022, da haben die beiden Frauen keine Autos mehr, dafür eine Anzeige am Hals. Eine Anzeige von einem Mann, der Savannah Vaughn* über 20 Jahre ein Partner und für Geneva wie ein Vater war: André Decurtins*.

Alle Personen in dieser Geschichte heissen eigentlich anders. Wir haben sie anonymisiert, um ihre Persönlichkeit zu schützen. Bei André Decurtins kommt noch ein weiterer Grund hinzu. Er ist Anfang Jahr im Alter von fast 70 Jahren gestorben. Das bedeutet auch: Zu den Vorwürfen konnte er gegenüber dem Beobachter keine Stellung mehr nehmen. Das Erzählte stützt sich darum auf Gerichtsakten – und auf die Schilderungen von Savannah Vaughn.

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Savannah Vaughn giesst sich aus dem Kännchen etwas Hafermilch in die Teetasse. Sie hebt den Blick wieder, er schweift über weisse Ledersofas, auf denen cremefarbene Kaschmirdecken liegen. Hinaus, durch raumhohe Fensterfronten, über kugelrund gestutzte Hecken. Bis sich ihr Blick für ein paar Sekunden im weiten Blau verliert. Irgendwo über dem Wolkenmeer, das sich an diesem Morgen über das Tal gelegt hat. Dann streicht sie sich mit der einen Hand eine silberne Haarsträhne hinters Ohr und krault mit der anderen den Bauch ihrer Zwergpudelhündin Candy. Bei ihr sieht beides elegant aus.

«Er war mein Prince Charming»

«Ich muss sagen: Wir haben aus relativ wenig sehr viel gemacht», sagt sie mit einem Akzent, der einen um die halbe Welt zum Bondi Beach in Australien trägt. Das gehört zum wenigen Positiven, das Vaughn über die Lippen kommt, wenn sie über ihren Ex spricht. Dabei hat vor über 20 Jahren alles so schön angefangen. «My Prince Charming», mein Märchenprinz. Das sei er für sie gewesen. Er überhäuft sie mit Geschenken und Aufmerksamkeit. Sie baut ein Wellness-Business auf, arbeitet bis zu 16 Stunden am Tag. Später verkauft sie es an die Migros und wird reich. Sie investiert in Immobilien. Er unterstützt sie dabei: kaufen, umbauen, verkaufen – er hat ein gutes Händchen dafür.

Zusammen erschaffen sie ein ganzes Konglomerat von Mutter- und Tochterfirmen. Im Bündnerland bauen sie sich ein luxuriöses Chalet. Ihr Safe Haven, ihr Rückzugsort. Ein Traum aus Eichenholz, Schiefer und Hirschgeweihen. Bilder davon schaffen es sogar in ein Hochglanzmagazin.

Einer Promipostille scheint auch das Power Couple entsprungen. Sie geniessen ein mondänes Leben, sind Mitglieder im Harley- und Rolls-Royce-Club. Dort prahlt Decurtins des Öfteren mit seinem Kontostand. Vaughn zuckt jedes Mal zusammen. Sie besitzen zwar mehrere Liegenschaften, doch flüssig sind sie nicht. «Am Ende des Monats war ich jeweils erleichtert, wenn es irgendwie gereicht hat.» Decurtins kümmert sich als Verwaltungsrat der Gesellschaften um die Zahlen. «I trusted him.»

Er textet mit anderen Frauen

Savannah Vaughn rührt in ihrem Tee. «Ich war über 20 Jahre mit diesem Mann zusammen, aber ich kann nicht sagen, was er wirklich für ein Mensch gewesen ist.»

In der Beziehung bilden sich erste Risse. Immer wieder erwischt Vaughn ihren Partner, wie er mit anderen Frauen textet. Weihnachten 2019 will das Paar im Chalet verbringen – zusammen mit der Familie. Doch Decurtins fühlt sich angeblich nicht wohl. Er brauche etwas Zeit für sich. Ob es in Ordnung sei, wenn er in ein paar Tagen nachreise? «No problem» für Vaughn.

«Mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes»

An Heiligabend schickt er ihr noch ein Selfie, wie er traurig und allein unter dem Weihnachtsbaum sitzt. Dann hört sie nichts mehr von ihm. Irgendwann macht sich Vaughn Sorgen, versucht, ihn zu erreichen – vergeblich. Was, wenn er sich etwas angetan hat? Dann endlich die erlösende Nachricht: Er habe sich in eine Klinik einweisen lassen, schreibt Decurtins. «Mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes.»

Als Vaughn sich bei der Klinik meldet, kann man ihr wegen des Arztgeheimnisses nicht viel sagen. Etwas aber schon: «Ihr Partner ist sicher nicht bei uns. Weil wir über die Weihnachtstage geschlossen haben.» In diesem Moment ist nur noch Rauschen in den Ohren und ein Herz, das hart gegen den Brustkorb klopft. Später erfährt sie, dass Decurtins die Weihnachtstage bei einer anderen Frau verbracht hat. Mit dieser führte er offenbar seit rund acht Jahren eine heimliche Beziehung. Savannah Vaughns Welt fällt Stück für Stück auseinander. Sie trennt sich, hat Panikattacken. Wie geht das – ein neues Leben? «Das Einzige, was ich in jener Zeit noch schaffte, war, meine Hunde zu füttern.» Auch Geneva leidet.

Dann bricht sie zusammen

Doch das Leben wartet nicht. Neben ihrer Liebesbeziehung müssen die beiden auch ihre verschachtelte Geschäftsbeziehung auseinanderdividieren. Darum treffen sie sich 2020 in Decurtins’ Büro. Doch die Situation eskaliert. Vaughn erleidet einen Zusammenbruch, ruft Tochter Geneva an und bittet sie, zu ihr zu kommen. Als Geneva eintrifft, stürmt Decurtins aus dem Gebäude und lässt die beiden Frauen allein zurück. Dann machen Mutter und Tochter einen erstaunlichen Fund.

Auf Decurtins’ Schreibtisch entdeckt Vaughn einen Aktienübertragungsvertrag aus dem Jahr 2015, der ihre Unterschrift trägt. Gemäss diesem Papier soll Vaughn ihrem Ex mehrere Aktien der Mutter-Konzerngesellschaft übertragen haben. Und das ohne Gegenleistung – obwohl die Aktien gemäss den Steuerbehörden zu jenem Zeitpunkt 5,5 Millionen Franken wert waren.

Tochter Geneva findet in einem Metallbehälter, der neben dem Schredder steht, mehrere Blätter, auf denen, ganz offensichtlich, die Unterschrift ihrer Mutter geübt wurde. Teilweise sind die einzelnen Versuche abgebrochen worden, teilweise nicht. Manche Unterschriften sind krakelig, andere nicht. So wird es später in den Akten stehen. Und Decurtins wird es nie bestreiten.

Sie erstattet Anzeige gegen ihn

Im Frühling 2021 erfährt Vaughn, dass sie nicht mehr im Aktienbuch der Gesellschaft steht. Rechtlich ist sie also nicht mehr Aktionärin. Sie erstattet Strafanzeige wegen Betrugs und Urkundenfälschung gegen Decurtins und will die Aktien zurück. Zwei grafologische Gutachten kommen zum Schluss, dass Vaughns Unterschrift auf dem angeblichen Vertrag «mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht» ist.

Die Staatsanwaltschaft lässt sich Zeit mit den Ermittlungen – bis im Mai 2024. Dann stellt sie das Verfahren gegen Decurtins ein. Der Verdacht, dass der Aktienübertragungsvertrag in irgendeiner Weise im Sinne des Beschuldigten verwendet wurde oder verwendet werden sollte, habe sich nicht verdichten lassen, heisst es in der Verfügung. Die Aktien könnten auch mit Willen, etwa um Steuern zu optimieren, übertragen worden sein. Und: Der blosse Besitz der fraglichen Dokumente sei nicht strafbar. Für Vaughn und ihren Anwalt unverständlich. Sie erheben Beschwerde beim Obergericht.

Alles im Besitz von Gesellschaften, die er kontrollierte

Zwergpudelhündin Candy springt von Vaughns Schoss ins flauschige Weiss eines Teppichs. «Step by step hat sich dann das ganze Drama offenbart», erzählt Vaughn und schenkt sich Tee nach. Während all der Verfahren zeigt sich, dass alles, was vermeintlich dem Paar gehörte, in Tat und Wahrheit auf Gesellschaften lief, die André Decurtins als Verwaltungsrat kontrolliert hat. So auch die drei Luxuswagen, die die Polizei in jener Nacht-und-Nebel-Aktion beschlagnahmte.

Als Decurtins den Bentley, den Porsche und das Sportcoupé im Namen einer Gesellschaft zurückfordert und sich Savannah Vaughn und die Tochter wehren, zeigt er sie wegen Diebstahls an. Vaughn wird erstinstanzlich verurteilt. Das Obergericht hebt das Urteil später aber auf, weil die Staatsanwaltschaft wichtige Entlastungszeugen nicht angehört hat.

Decurtins lässt alle gemeinsamen Konten sperren. Er kündigt den Arbeitsvertrag, den Vaughn mit einer der Firmen hatte und für die sie administrative Arbeiten erledigte, fristlos. Er kündigt alle Versicherungen, die über die Gesellschaften liefen.

Und er kündigt Vaughn den Mietvertrag. Denn auch die Villa, in der sie seit der Trennung allein lebt, gehört einer Immobiliengesellschaft, die er als Verwaltungsrat kontrolliert. Doch das Schweizer Mietrecht ist streng, so einfach bekommt er sie nicht aus dem Haus. Er stellt ihr den Strom ab, und für den Winter bestellt er kein Heizöl. «Ich habe mich daran gewöhnt, kalt zu duschen und das Cheminée anzufeuern», erzählt Vaughn.

Mit 62 einen Job suchen

Sie muss sich Geld von Familie und Freunden leihen. «Die Trennung hat mich müde gemacht, ausgelaugt. Ich habe keine Energie mehr, um etwas Neues aufzubauen.» Sie, die ihr ganzes Leben selbständig war, muss mit 62 Jahren zum ersten Mal einen Job suchen. Heute arbeitet sie als Babysitterin und betreut VIP-Kunden für ein bekanntes Schweizer Unternehmen.

Im Januar 2025 stirbt André Decurtins. Als Vaughn davon erfährt, sei da eine Achterbahn von Gefühlen gewesen. «Am Anfang war Trauer. Ich habe diesen Mann einmal wirklich geliebt.» Dann habe die Wut übernommen. «Wie kann er einfach gehen und einen solchen Scherbenhaufen zurücklassen?» Mit seinem Tod werden alle Strafverfahren gegen Decurtins eingestellt. Vaughns eigener Kampf ist noch lange nicht fertig. Sie weiss nicht, wie lange sie noch in der Villa wohnen bleiben kann. Und: Sie will die Aktien zurück. Alles gehört mittlerweile Decurtins’ Alleinerbin – der anderen Frau, die er vor seinem Tod geheiratet hat.

* Namen geändert 

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