«Das wäre der Tod für Kandersteg»
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Hilferuf aus Berner Oberland:«Das wäre der Tod für Kandersteg»

Kandersteg BE wird von Felssturz bedroht – Gemeindepräsident schlägt Alarm
«Das könnte unser Ende als Tourismus-Destination sein»

Kandersteg steht vor einer existenziellen Bedrohung durch den Spitzen Stein. Eine Gefahrenkarte könnte das Dorfzentrum zur roten Zone erklären, was Hotelbetriebe und Geschäfte massiv einschränken würde. Gemeinde und Betroffene fordern Hilfe vom Kanton.
Publiziert: 08:52 Uhr
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Aktualisiert: 09:54 Uhr
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Der Spitze Stein oberhalb von Kandersteg ist in Bewegung. Im schlimmsten Fall droht ein gewaltiger Felssturz.
Foto: Screenshot Webcam Oeschinensee

Auf einen Blick

  • Spitzer Stein bedroht Kandersteg. Dorfzentrum in Gefahr, Entwicklung eingeschränkt
  • Interessengemeinschaft gegründet, um rote Zone im Dorfzentrum zu verhindern
  • 18 Millionen Kubikmeter Gestein könnten ins Tal stürzen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Martin MeulReporter News

Es ist ruhig im Sportgeschäft von Katharina Steiner (92) mitten im Dorfzentrum von Kandersteg BE. Zu ruhig, findet die Frau, die alle hier Käthy nennen. «Es ist eine ganz schlechte Wintersaison», sagt sie zu Blick. Und Steiner weiss auch, wer daran schuld ist. Der Spitze Stein! Eine gewaltige Felsformation, hoch über dem Oeschinensee.

Ein Felssturz am Spitzen Stein könnte einen Murgang und Überschwemmungen auslösen, die das Dorf Kandersteg treffen würden.

Millionen Kubikmeter Fels sind hier in Bewegung, drohen ins Tal zu stürzen. Deshalb wurden verschiedene Massnahmen ergriffen. Zum Beispiel musste die Schlittelpiste vom Oeschinensee hinunter ins Dorf gesperrt werden. «Deswegen sind weniger Touristen im Dorf, das spüren wir hier im Laden», sagt Käthy Steiner. Doch die Gefahr, die vom Berg ausgeht, hat noch viel grössere Auswirkungen. Sie bedroht die Zukunft des ganzen Dorfs.

Die Angst vor dem Berg

Seit dem Jahr 2019 ist der Spitze Stein (2974 m ü. M.) immer mehr in Bewegung. Im schlimmsten Fall könnten bis zu 18 Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal donnern. Sollte dies passieren, könnten Murgänge und Hochwasser die Folge sein, die das Dorf Kandersteg treffen würden.

Als Reaktion wurde 2022 eine Planungszone über das gefährdete Gebiet verhängt. In dieser Zone gelten temporär Einschränkungen, was das Bauen betrifft. «Ergänzend zur Planungszone gibt es eine behördenverbindliche Gefährdungskarte, die die drei Gefährdungen gering, mittel und erheblich unterscheidet», erklärt Nils Hählen, Leiter Abteilung Naturgefahren beim Kanton Bern.

Wegen des Risikos am Spitzen Stein sind grosse Teile von Kandersteg zur gefährdeten Zone erklärt worden.

Das grosse Problem für Kandersteg: Das Dorfzentrum mit seinen Hotels und Geschäften wie dem Sportgeschäft von Käthy Steiner ist besonders gefährdet. Und das hat Konsequenzen. Hählen vom Kanton Bern sagt: «Die erhebliche Gefährdung im Dorfzentrum führt zu starken Einschränkungen in den baulichen Möglichkeiten.»

Damoklesschwert Gefahrenkarte

Das betrifft auch das Belle-Époque-Hotel Victoria mitten im Dorf. Seit 220 Jahren eines der Flaggschiffe des Kandersteger Tourismus. Hier trifft Blick Casimir Platzer (63). Der Hotelier und ehemalige Gastrosuisse-Präsident sagt: «Wegen der unverhältnismässigen Einstufung in eine rote Zone sind unsere Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt.» Anbauten beispielsweise sind tabu, aber Umbauten sind zum Glück noch möglich.

Platzer hat mit 50 weiteren Betroffenen im letzten Herbst deshalb eine Interessengemeinschaft gegründet. Primäres Ziel: verhindern, dass das Dorfzentrum fix zur roten Zone erklärt wird.

Die aktuellen Massnahmen sind nur temporär, bis Ende des Jahres 2026 müssen aber fixe Entscheidungen getroffen werden. «Wird die heutige rote Zone in eine definitive Gefahrenkarte überführt, wäre das ein Schicksalsschlag», sagt Hotelier Platzer. Denn dann wären sämtliche baulichen Massnahmen im Dorfzentrum über Jahrzehnte hinweg eingeschränkt. «Wir könnten nicht einmal mehr neue Fenster einbauen. Unser Hotelbetrieb könnte zwar weitergeführt, aber nur beschränkt weiterentwickelt werden.» Für Platzer ist deshalb klar: «Eine Gefahrenkarte nach den heutigen Zoneneinteilungen ist überhaupt keine Option.»

Keine Menschen in Gefahr

Vor diesem Szenario hat auch Gemeinderatspräsident René Maeder (70) grosse Angst. Er sagt zu Blick: «Das könnte unser Ende als Tourismus-Destination sein, wenn das so bleibt.» Neben Dutzenden Wohnhäusern wären 60 Prozent der Hotelbetten von Kandersteg betroffen, es droht der wirtschaftliche Kollaps.

Besonders stört sich Maeder daran, dass selbst im schlimmsten Fall Menschen und Tiere nicht gefährdet wären. «Wir werden 48 Stunden im Voraus wissen, wenn der Berg kommt. Wir können also alle rechtzeitig evakuieren.»

Hotelier Platzer pflichtet ihm bei. «Schäden an Gebäuden können behoben werden, deshalb die Zukunft des Dorfs aufs Spiel zu setzen, ist unverhältnismässig.»

Beim Kanton Bern hält man dagegen. Naturgefahrenchef Hählen erklärt: «Gemäss Vorgaben des Bundes werden erhebliche Gefährdungen dort ausgeschieden, wo Gefahrenprozesse mit starker Intensität zu erwarten sind. Es ist gemäss diesen Vorgaben unbedeutend, ob Schäden nur an Gebäuden oder auch bei Menschen erwartet werden müssen.»

Druck auf Bern machen

Was also tun? Für Hotelier Platzer gibt es zwei Optionen. «Entweder wird das Gefahrenpotenzial für das Dorfzentrum neu beurteilt und die rote Zone entsprechend zurückgenommen», sagt er. Die IG «Spitze Stei» hat deshalb Neuberechnungen als Zweitmeinung in Auftrag gegeben. «Die Wahrscheinlichkeit müsste nur minim sinken, damit die rote Zone keine Berechtigung mehr hätte.» Auch die Gemeinde hat ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben. Präsident Maeder will ebenfalls wissen, ob die bisherigen Berechnungen korrekt sind.

Es gibt aber noch eine zweite Möglichkeit. Würden sich die Berechnungen für das Gefahrenpotenzial als korrekt erweisen, müsste das Dorf mit zusätzlichen Schutzbauten gesichert werden. Casimir Platzer sagt: «Im Fall der Fälle muss halt dies der Weg sein.»

Doch das würde sehr teuer werden. Gemeinderatspräsident Maeder rechnet mit vielen Millionen Franken. Entsprechend sagt er: «Es ist am Kanton und am Bund, uns in dieser misslichen Situation zu helfen. Allein schaffen wird das nicht.» Deshalb hat Maeder begonnen, politisch Druck in Bern zu machen. «Ich erwarte den gleichen Einsatz für uns, wie man ihn in Mitholz gezeigt hat.» Für die Räumung des ehemaligen Munitionslagers stellt der Bund Mittel in Milliardenhöhe bereit.

(K)Ein Präzedenzfall

Für Maeder und für Hotelier Platzer geht es in der Sache um mehr als nur das Dorf Kandersteg. «Wir werden in Zukunft ähnliche Situationen an vielen anderen Orten in den Bergen erleben», so Maeder. Der Umgang mit der Situation in Kandersteg sei deshalb ein Präzedenzfall für das ganze Land. «Wir können ja schlecht alle Berggebiete stilllegen. Gefahren gibt es überall.»

Beim Kanton sieht man derweil keinen solchen Präzedenzfall. «Im Kanton Bern gibt es insgesamt 5160 Hektar rotes Gefahrengebiet. Davon liegen 197 in einer Bauzone; darunter beispielsweise auch die Matte in der Altstadt von Bern», sagt Nils Hählen. In der Planungszone von Kandersteg umfasse das erheblich gefährdete Gebiet 54 Hektar, davon lägen 11 in der Bauzone. «Unter dieser Voraussetzung kann nicht von einem Präzedenzfall gesprochen werden.»

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