In Champ-Dollon sitzen 570 Häftlinge. Offiziell bietet der Genfer Knast aber nur Platz für 390. Auch in anderen Schweizer Gefängnissen ist es eng: Letztes Jahr waren sie durchschnittlich zu 101 Prozent belegt.
Bis 2025 sollen deshalb zusätzliche Haftplätze entstehen. Das zeigt ein Bericht der Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), der SonntagsBlick vorliegt. 7589 Plätze standen vor einem Jahr zur Verfügung. 497 entfallen demnächst durch Schliessungen, 2269 neue Plätze sind in Planung.
Längere Haftstrafen sind schuld
Laut KKJPD ist auch dies noch zu wenig. Sie fordert weitere 373 Plätze. Besonders dringend in den Bereichen Ausschaffungshaft, geschlossener Vollzug und bei Klinikplätzen für Häftlinge mit psychischen Krankheiten.
Die Überbelegung hat nichts mit steigender Kriminalität zu tun. Jedenfalls gab es in den letzten Jahren nicht signifikant mehr Strafurteile.
«Es liegt daran, dass immer längere Haftstrafen verhängt werden», sagt Benjamin F. Brägger (49), Sekretär des Strafvollzugskonkordats Nordwest- und Innerschweiz. 1990 kamen Straftäter im Durchschnitt für 110 Tage hinter Gitter, heute sind es 179. «Es entspricht dem öffentlichen Bedürfnis, Kriminelle lange wegzusperren», so Brägger. «Vielleicht müsste hier ein Umdenken stattfinden. Sonst braucht es in ein paar Jahren wieder Hunderte neue Haftplätze. Und das ist enorm teuer.»
Über 750 Verurteile nicht richtig untergebracht
Laut KKJPD sind aktuell 753 Verurteilte nicht korrekt untergebracht. «Zum Beispiel Personen, die ineiner forensischen Klinik untergebracht werden müssten. Weil kein Platz frei ist, bleiben sie einfach im Gefängnis, wo man sie nicht angemessen betreuen kann», sagt Florian Funk (51), Sekretär des Ostschweizer Konkordats.
Statt in Strafanstalten sässen viele Kriminelle im Untersuchungsgefängnis. «Obwohl diese nicht auf langfristige Aufenthalte ausgerichtet sind. Dort gibt es häufig keine oder nur ungenügende Möglichkeiten zu arbeiten oder Sport zu treiben.»
Manch Krimineller wartet auch in Freiheit auf den Strafantritt. «Sie können ihre Strafe schlicht nicht antreten, bis Platz in einer geeigneten Vollzugseinrichtung frei wird», so Funk. Wie viele es sind, sei momentan nicht bekannt. «Es handelt sich aber nicht um Mörder und Schwerverbrecher, sondern um Leute, die geringfügige Delikte begangen haben.»
Dringender Bedarf in der Romandie
Grosse Unterschiede gibt es unter den Regionen. In der Nordwest- und Innerschweiz sollen 289 Plätze hinzukommen, in der Ostschweiz 406. Für die Westschweiz sind 1077 zusätzliche Plätze vorgesehen. «Das ist dringend notwendig», sagt Pierre Maudet (FDP, 38), Sicherheitsdirektor des Kantons Genf. Dort waren die Gefängnisse im letzten Jahr zu 174 Prozent ausgelastet.
Man habe einzelne Anstalten in den letzten Jahren aufgestockt. «Aber im Vergleich zum Bevölkerungswachstum war das zu wenig. Wir müssen anfangen, längerfristig zu planen», so Maudet. Mehr Haftplätze allein reichten nicht aus. «Wir müssen auch die Koordination unter den Kantonen verbessern.» Denn bisher mache jeder sein eigenes Ding. «Die Kantone müssen sich besser absprechen und schauen, wer wo am besten untergebracht werden kann.» l