Darum gehts
- Schweizer Gesundheitswesen nicht auf Grossunfälle vorbereitet, Bund plant Verbesserungen
- Kantone begrüssen Initiative, fordern aber finanzielle Unterstützung vom Bund
- Landesweit nur 24 Schockräume für Schwerverletzte gleichzeitig verfügbar
Es ist eines der Schreckensszenarien. Was, wenn der 2023 im Gotthardtunnel entgleiste Güterzug ein Personenzug gewesen wäre? Dutzende, möglicherweise Hunderte Schwerverletzte hätten geborgen, transportiert und behandelt werden müssen. Das Problem: Das Schweizer Gesundheitswesen ist für solche Notlagen nicht ausgelegt.
Landesweit gibt es 12 Kliniken mit Traumazentren mit je zwei stets einsatzbereiten Schockräumen. Heisst: Nur 24 Schwerverletzte wären gleichzeitig zu behandeln. Werden mehr Ärztinnen und Pfleger aufgeboten und Operationssäle freigemacht, wären es vielleicht 50. Unter Notfallmedizinern seien die fehlenden Kapazitäten und Ressourcen ein offenes Geheimnis, wie SRF kürzlich berichtete.
Fazit: Es braucht von allem mehr
Das soll sich ändern – wegen der angespannten Sicherheitslage, Pandemien oder Naturkatastrophen. Denn auch die Armee könnte ihre Truppen nur minimal versorgen; es fehlen Personal und Material. Daher soll die Notfallversorgung von Bevölkerung und Militär neu ausgerichtet werden. Der Bund hat den Kantonen einen Bericht zur Stellungnahme unterbreitet: Er löst gemischte Gefühle aus.
In dem Bericht analysiert das im Verteidigungsdepartement angesiedelte Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) die Ausgangslage, nennt Fähigkeiten, aber gerade auch Hürden wie die föderalen Strukturen, das beschränkte Gesundheitswesen oder vernachlässigte medizinische Schutzanlagen. Unter dem Titel «Nationaler Verbund Katastrophenmedizin» (Katamed) werden Handlungsfelder definiert – bei Personal, Logistik, dezentralen Materialvorräten oder beim Patiententransport.
Fazit: Es braucht von allem mehr. Koordiniert vom Bund seien zusätzliche Mittel aufzubauen, mehr Personal müsse aufgeboten werden können; das nötige Material, Transportmittel und geschützte Bauten müssten bereitstehen. Innert fünf Jahren sollen zusammen mit den Kantonen in einem nationalen Aktionsplan konkrete Massnahmen umgesetzt werden.
Nicht auf dem Buckel der Kantone planen
Natürlich ist niemand gegen eine bessere Notfallversorgung. Die Kantone begrüssen die Initiative des Bundes im Grundsatz denn auch. Für sie ist aber auch klar: Der Bund darf nicht auf ihrem Buckel planen. Den Kantonen müssten die nötigen Mittel zukommen, betont die Konferenz der Gesundheitsdirektoren. Die Neuausrichtung könne nicht losgelöst von der Finanzierung diskutiert werden. Hier aber sei der Bericht derart unausgereift, dass vorerst eigentlich kein Entscheid zu fällen sei.
Das Konzept zeige zwar den Handlungsbedarf auf, hält die Urner Regierung fest. Wie und von wem aber die nötigen Mittel sichergestellt werden – «darüber schweigt sich der Bericht mehrheitlich aus». Der Bund dürfe aber nicht nur planerisch unterstützen. Bei der Übertragung von Aufgaben müsse er auch die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, schlägt die Aargauer Regierung in dieselbe Kerbe.
Rolle des Bundes «sehr bescheiden»
Bis anhin aber verfüge auch die zuständige Bundesstelle über zu wenig Personal, findet Basel-Stadt. Das sei ungenügend. Zu erwarten sei ein Kompetenzzentrum, «das den grossen Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist». Ansonsten liessen sich die gesetzten Ziele nicht erreichen. Bisher aber scheine die Rolle des Babs «sehr bescheiden» zu sein, doppelt die Urner Regierung nach.
Zuständigkeiten und Finanzierung seien nun rasch zu klären, fordert der Zürcher Regierungsrat. Sonst wird das nichts mit einer verbesserten Notfallversorgung, befürchten die Urner Kollegen: «Angesichts der massiven Sparanstrengungen von Bund und den meisten Kantonen ist zu befürchten, dass der Bericht zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber mangels der notwendigen finanziellen und personellen Mittel nicht umgesetzt wird.»